Gilgamesch

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Andreas, Tobias, Matthias & Tiemo


Symposien

10.12.2008

2030 Matthias

Gedös.

Wir lesen Maul 2007. Vergleiche mit Schrott 2001 und George 1999.

Themen für die nächste Sitzung:


7.1.2009

2030 Andreas

Tiemo: Keilschrift

Tobias: Textgenese. Lokalgeschichtliche Einbettung des Epos.

Wir lesen Maul 2007: 1. Tafel


22.1.2009

2000 Tobias

Wir lesen Maul 2007: 2. Tafel

Andreas: Mythos


8.2.2009

Ab Dresden von Prag kommend.

Wir lesen Maul 2007: 3.-4. Tafel

Matthias: Sumerer.


16.2.2009

2000 Tiemo

Die Sintflut im Alten Testament.


25.2.2009

2030 Matthias

Wir lesen Maul 2007: 5.-7. Tafel


16.4.2009

2030 Andreas

Wir lesen Maul 2007: (erneut) 7.-9. Tafel


28..4.2009

2030 Tiemo

Wir lesen Maul 2007: 10. Tafel

13.5.2009

2030 Tobias

Vorbereitung der Sekundärliteratur-Lektüre, Auswahl und Schwerpunktsetzung.


27.5.2009

2030 Matthias

Diskussion. Tiemo: Schrotts Prosafassung. Matthias: Gilgamesh-Bibel-Bezüge. Tobias: Tod-Freund-Liebe-Thema.


24.6.2009

2030 Tiemo

12. Tafel. Media-Abend: Film (ZDF-Terra X) und Hörspiel (Schrott).


15.7.2009

2030 Matthias

Abschlusssitzung. 12. Tafel. Metleerung.


Fragen, Kurzeinträge, Thesen, Literatur.

Fragestellungen

1. Um welches Wissen handelt es sich, welchen Zweck hat es und welche Form?


2. Inwiefern bedingen sich Form und Inhalt? Kann man sagen, was wichtiger ist?


3. Wie wurde Gilgamesh vorgetragen und rezipiert?


4. Welche Rolle spielen welche Gegensätze, etwa Lust-Freudlosigkeit, Ekstase-Weisheit, Leben-Tod, Freund-Feind, Rein-Raus bzw. welche Gegensätze gibt es?


5. Welche Agenten (etwa Menschen, Tiere, Götter, Dämonen etc.) bestimmen das Feld der Interaktionen und Ereignisse, und was zeichnet die Agenten aus?


6. Was bedeutet die sich ständig wiederholende Wendung: „er machte den Mund auf, um zu sprechen“? Tiemo: vielleicht Referenz zum Bildwert eines Keilschriftzeichens. Maul [Email vom 8.5.]: „Unserer Zeit ist eine gewisse Ungeduld zueigen, die die Alten wohl nicht kannten.“öffnete seinen Mund und sprach” ist eine Wendung, die sich nur in epischen Texten findet, nie in der Prosa. Es hatte sicher selbst im Babylonischen etwas Redundantes, zumindest Retardierendes. Gleichzeitig erhöht die ausführliche Wendung die Spannung und dieErwartung auf die folgenden Rede. Schließlich dürfte die Wendung paschu ipuschamma izzakara ein Versmaß aufweisen, das sich gerne und gut in die Metrik eines epischen Textes einfügt.“ Siehe auch Punkt 9.

7. In Tafel II, 45 steht es: das Bier. Auch: VI, 28. Enkidu trinkt es, sieben Becher. dazu gibt es Brot. Spielt das Bier eine dem Beowulf-Met vergleichbare Rolle?


8. Warum wird Enkidu im Kampf mit Gilgamesch (Tafel II) plötzlich Gilgameschs Freund?

Das geschieht etwas abrupt - wenn es überhaupt geschieht. Vielleicht ist die Aussage „sie wurden Freunde“ aber eher ein Ausblick auf das, was da kommt, (denn:

Was heißt es, Freund zu sein? Zusammen auf Fahrt zu gehen und dabei sich beizustehen.) Aber vielleicht vollzieht sich der Schwenk zur Freundschaft tatsächlich mitten im Kampf, in der Erkenntnis, einen Ebenbürtigen vor sich zu haben, im Interesse an und der Zuneigung zu diesem Anderen, als Ausfluss dieser Erkenntnis. Fast identische Szene übrigens die Begründung der Blutsbrüderschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand (dort allerdings noch durch den Beweis der Güte des Einen unterstützt).


9. Was bedeutet die oft zwei- oder dreifache Wiederholung textgleicher Bausätze? Es könnte: 1. an oralen Vortragsweisen liegen, um zentrale Stellen einprägsam darzustellen. 2. eine Art Rhytmisierung darstellen, die auch einigen kultischen oder religiösen Zeremonien zugrundeliegt (Sutren im Buddhismus etc.). 3. Nach Maul (Email) sind die Woederholungen genau so, wie der Tropos 'machte den Mund auf, um zu sagen', retardierende und varierende Momnete einer Intensivierung und Fokussierung der Geschichte auf bestimmte Ereignisfolgen. Maul [Email vom 8.5.]: „Die Wiederholung wird in unserer gehetzten Zeit als überflüssig und langweilig empfunden. Beobachten Sie aber Kinder, so werden Sie sehen, welche Freude diese an der Wiederholung haben (und im übrigen über jede Veränderung verägrgert sind). In der Wiederholung liegt (zumindest für den Hörer, der innere Ruhe besitzt) die Freude des Wiedererkennens, einen ungeheuren Reiz entwickelt die Wiederholung dann, wenn sie z.B. (so wie beispielsweise im Gilgamesch-Epos in der ersten Tafel) unterschiedlichen Sprechern in den Mund gelegt wird, oder aber wenn geringfügige Varianten eingebaut werden. Für diese ist nur der sensibel, der Zeit und Muße hat genau hinzuhören. Die Alten waren es ganz bestimmt.“


10. Bis zum Ende von Tafel II keine Musikreferenz!


11. Beachten: Überschneidung der Namensgebung: Ishtar, die Liebesgöttin, die anregt, Enkidu zu schaffen, und das Babylonische Ishtartor.


12. Ein Fallensteller überführt Enkidu, eine List transformiert Natur in Kultur, genau so, wie Fallen Tiere essbar machen.


13. Tafel 2-4: Enkidu, Gilgamesh stellen sich dem Unbekannten, dem Unbändigen (Humbaba) (Der Instinkt des Tiers lässt Enkidu vom Zug abraten. Als die Entscheidungsschlacht ansteht, ist jedoch er der Unerbittliche, der Konsequente - und zwar wieder aus Instinkt.) es entwickelt sich eine Dynamik zwischen Aufgabe als Abenteuer und Bewährung, Furcht/Angst und Mut, sich nähernden, etappenweisen gerichteten Bewegungen (der Weg zum Zedernwald), und die Aussicht auf eine Rhytmik des Aus- und Einziehens (durch das Tor von Uruk). Ist der Zug als Solches Hybris? Oder der Abschluss des Zuges, die Tötung? Oder nichts davon? Wäre vielmehr alles göttlicher Plan? Oder quasi über-göttliches Schicksal, jenseits der Lenkungsmacht der Götter?


14. Das Unbändige als fast reine Natur in Form von Humababa scheint (Tafel 2 bis 4) die Figur des Enkidu zu spiegeln. Auch die zwei kennen sich (wie schon Grendel und Beowulf - diesmal sogar noch gestützt auf eine Anmerkung von Maul). Es bedarf der Götter, um Enkidu zu schaffen und es bedarf göttlicher List, um Humbaba zu stellen. Und die Götter bestimmen den Tod des Enkidu. Warum? Als Bestrafung der Hybris? Als Verurteilung des erfolglosen Gegenparts des Gligamesch? Oder vielmehr zur Erfüllung der Aufgabe „Gegenpart“, da der Tod des Enkidu erst die Läuterung des Gilgamesch bedeutet / einleitet?

An dieser Stelle rückt Enkidu für mich wieder ins Glied der Erzählung: Er tritt ab, bzw. es wird deutlich, dass der Epos den Gilgamesch behandelt und Enkidu erzähltechnisch nur in seiner Funktion für diesen relevant ist. Bis dahin schien er mir heldenhafter, interessanter, wichtiger.


15. Die Machthierarchien und Genese der Götterwelt ist unklar.


16. Waffen gegen Humbaba (Tafel 2): Äxte, Schwerter.


17. Huren im Tempel der Göttin Ninsun, der Wildkuh (Tafel 3).


18. Welche Rolle spielt die Licht-Rhythmik eines Tages: Dämmerung, nacht, Morgen, etc.


19. Tafel 4: Hier kommt es zu einer Abfolge von Träumen des Gilgamesh, die Angst gerieren und von Enkidu, der ihm eine Traumhütte baut, eine Art Schutzring aus Kreide darum zeiht und sich als Traumfänger vor die Hütte legt, in Mut transformiert wird.


20. Enkidus Sozialkompetenzen der Gemeinschaft der Tiere (Reproduktion, Schutz der Gruppe vor dem Fallensteller, Beistehen etc.) gehen fließend in die Gemeinschaft der Menschen über. Jedoch will er zurück zum unschuldigen Zustand des Tiers („Ich, der Reine“), verflucht kurzzeitig die Mitwirkenden seiner Menschwerdung - um sich dann (nach göttlicher Ansprache) eines besseren zu besinnen.


21. Warum will Gilgamesh plötzlich bzw, direkt nach dem Kampf mit Enkidu Humbaba töten? Ist es göttlicher Befehl (Stelle?) oder aus dem Selbst kommender (wenn es denn so etwas hier gibt) eigener Entschluss oder irgendwie beides? Eine Motivebene ist materiell-ökonomisch: Humbaba ist als Wächter des Zedernwaldes von Enlil eingesetzt. Zedern dienen dem Dachbau und vor allem dem stilvollen Portalbau. Ein solches Portal wird auch aus der höchsten Zeder gebaut. II, 226ff., Anmerkung Maul.


22. Tafel 2: Der beratende Ältestenrat hat eine ähnliche Rolle wie der Chor in griechischen Tragödien. Der Rat ist weise, versucht, die Hybris des Herrschers zu begrenzen, ruft zum Besonnenen, auf die Gemeinschaft bezogenen Handeln auf.


23. Enkidu reißt nach dem Tod von Humbaba und dem Stier Eingeweide (Herz, Lunge, Zähne (Beute)) heraus, während Gilgamesh nur mit dem Dolch zusticht. Doch trägt Gilgamesh den Kopf des Humbaba. Gilgamesch versetzt den Gnadenstoß. Ist das ein königliches Privileg, das Enkidu ihm zugesteht? Ist Letzterer frei von solcher Eitelkeit?


24. Die Götterwelt erscheint zerstritten (Schamasch hasst Humbaba, Enlil mag Gilgamesh nicht etc.), in der Ishtar-Anklage von Gilgamesh sogar heimtückisch. VI, 24.


25. Um “Einsicht” und “Verstand” geht es im Chorgesang, wenn Gilgamesh Humbaba töten will (2, 289) und in der Rede von Enkidu mit dem Tor (VII, 40).


26. Humbabas Stimme ist wie eine Sintflut (II, 278, 291). Er kann auch Winde erzeugen.


27. Licht (Leben) und Dunkel-Staub (Tod) Metaphern, vor allem in Enkidus Fiebertraum (VII, Anfang). Das Staubhaus.


28. Was bedeutet die immer wiederkehrende Zahl 7 (die ja auch in Grimms Märchen stilbildend ist)? Siehe etwa Tafel 11.


29. Was wissen die Menschen von den Vorhaben der Götter? Inwiefern und wie stimmen sich Götter ab? Schwierige Stelle in Schrott 226 (VII, Anfang): Befahl Enlil die Tötung Humbabas und des Himmelsstiers (Ebene: Traum Enkidus; aus hethitischer Prosafassung)?

S.O.: Denkbare Deutung: Das Schicksal vollzieht sich selbst ohne Zutun der Götter.


30. Was beudeutet die Intervention von Shamash am Anfang von Tafel VII (151ff.): Interveniert er nur zugunsten Gilgameshs? Enkidu soll sich freuen, Mensch geworden zu sein, Bier getrunken zu haben etc. Welchen göttlichen Fürsprecher hat Enkidu, wenn sich Ishtar, die ihn schuf, gegen ihn wendet (Himmelsstier)?


31. Gilgamesh lässt eine Statue von Enkidu herstellen. VIII, 65ff.


32. Gilgameshs Schutzgott ist Shamash: (nach Schrott) der Sonnengott, Richter und Schutzherr des Rechts, der alles sieht, Gott der Reisenden und Traumdeuter.


33. Zur Figur des Enkidu: Enkidu wurde zum Strafen geschaffen, und wird selbst zum Bestraften. In dieser (Enkidu-immanenten) Perspektive ist Enkidu eine tragische Figur (von da wird auch sein Fluch auf die Vermenschlichung in Tafel VII verständlich) - auch wenn er in anderer Hnsicht, nämlich auf der Ebene von Gilgameshs Schicksal, nur Mittel ist. Uta-napischtis Bemerkung in Tafel X, 296 für Gilgamesh: „Den Enkidu führten sie [die Götter] seinem Schicksal zu.“ kann als Verweis darauf gedeutet werden, dass Menschen ihrem je eigenen Schicksal nachgehen (müssen), dessen Sinn sich nur durch diese Immanenz + übergeordneten, aber von Menschen unfassbaren Götterplänen erschließt.


34. Welche Rolle spielen Frauen im Epos? Ishtar, Göttin der (sinnlichen) Liebe und des Kriegs, Staddtgottheit von Uruk : Motor der Geschichte über Liebesmotiv; Shamhat, die Hure: Sinnliche Verführerin, ermöglicht die Transformation von Natur in Kultur (listige Kleidung, Exposition, Erweckung von Verlangen, Liebe etc.); Siduri, Wirtin der Kneipe: weiß um den Weg zu Uta-napischti; Ur-schanabi (Frau von Uta-napischti): hält ihrem Mann vor, dass er Gilgamesh für seine lange Reise nichts gegeben hätte (Gilgamesh kriegt dann das 'Kraut'). In der altbabylonischen Ur-Fassung (1700 vChr) ist es Siduri, die das letzte Wort hat und Gilgamesh auffordert, das Leben zu genißen und isch um Frau und Kinder zu kümmern. Zur Rolle der Frau, siehe Aufsatz von Abusch: Development and Meaning 2001 (liegt digitalisiert vor).


35. Zum Todesmotiv: Gilgamesh verachtet jede Todesangst am Beginn, und fürchtet sich vor seinem eigenen Tod am Ende. Siehe hierzu: Abusch: Development and Meaning 2001 (liegt digitalisiert vor).

Ich weiß nicht, ob er sich eigentlich fürchtet. Immerhin liegt sein Ende noch möglicherweise Jahrzehnte vor ihm. Ich glaube vielmehr, dass er (nach einem kurzen, aufrüttelnden Moment des Schauderns oder der Furcht (X, 61)) zunächst tief deprimiert ist.


36. Der wandernde, unstete, von Furcht getriebene, um Enkidu trauernde, wild gewordene, Tier gewordene Gilgamesh, der wissen will, was sterben heißt: X, 40ff.


37. Zur Bedeutung von Freundschaft: Gilgameshs 3x wiederholte Freund-Verlust-Rede auf Anfrage, warum er zum Wanderer wurde: X, 55. Freund zu werden, heißt mit ihm „Leiden durchleben“.


38. Gilgameshs Furcht vor dem eigenen Tod: X, 61.


39. Uta-napischtirs weiser Rat (X, 270): kehre zurück, sorge dich um den „einfachen Mann“, die Armen, den, der kein frisches Bier hat. Werde besonnen, lasse Hybris. Enkidu folgte nur seinem Schicksal, das ist von Göttern gemacht (damit gut). Will wohl auch sagen: sehe nach Deiner Rolle, erkenne deine (vorgegebene) Pflicht. Sinn, König zu sein, heißt Sorge um die Untertanen.


40. Hinweis: Es gibt einen Terra X Film: „Das Phantom von Uruk“, der im ZDF Terra X Archiv (2007) online angeschaut werden kann.


41. Tafel XI, Anfang: Der Grund für die von den Göttern gewollte und von Enlil vollzogene Sintflut (die Menschenmenge klein halten, XI, 192) ist durch einen externen Hinweis erweiterbar: Schrott, S. 207, Note 106: Vorlage der von Sin-leqw-unninni eingearbeiteten Sinflut-Erzählung war die dritte Tafel des Epos von Atrhasis: der Lärm der zahlreichen Menschen ließ die Götter nicht mehr schlafen. [spontane Referenz zu Grendel/Beowulf, den der Festlärm stört.]


42. In der 11. Tafel finden sich erstaunlich viele Parallelen zum Sintflut-Thema der Bibel (Noah-Uta-napischti; Arche, Taube/Rabe, Schlange, Schuld/Sühne/Strafe etc.)


43. Vielleicht ist es hilfreich, die Metapher des 'Wege', die hinaus- und herein oder hin- und zurückführen, auf den man sich macht, die versperrt sind, auf denen man sich verläuft, die man mit jemanden geht, usw., zu fokussieren.


44. Die Pflanze, die Gilgamesh in Tafel XI erhält, verjüngt nur, muss zyklisch wieder berührt/verspeist werden, um sich zu verjüngen. Nur insofern gewährt sie ewiges Leben als ein beständig zu erneuerndes, das der Gefahr des Nicht-Eintretens der Erneuerung (etwa nach dem Verlust der Pflanze) ausgesetzt ist.


45. Interessant ist die Referenz auf den „Samen all dessen, das atmet“, der exemplarisch in die Arche soll. (Tafel XI, 27f.; 84) Lebendig scheint Atemfähig zu heißen, und Reproduktionsgrundlage ist der Samen. Wenn ihr Körper nicht mehr atmet, werden sie wieder zu Lehm (XI, 135). Es stellt sich die Frage: gibt es einen Seele-Körper-Dualismus, die Seele/der Geist geht in die Transitionen über, oder setzt sie mit ihrem Körper über den Fluss der Toten?


46. Warum fürchten sich in Tafel XI selbst die Götter vor der Gewalt der Sintflut? (XI, 114)


47. Sintflut, XI, Konflikt zwischen Enlil, der Windgott, der die Menschen hasst und Humbaba beauftragte, und Belet-ili, welche die Menschen „gebar“.


48. In der Arche (XI, 85-87) sind nicht nur Uta-napischtis die „wilden Tiere der Steppe“ und Sippenmitglieder, sondern auch „die Vertreter aller Künste“.


49. Ea (die wohl mit Belet-ili die Menschenklasse schuf) kritisiert Enlil in XI, 1833ff, da er mit der Sintflut unterschiedslos Schuldige/Sünder und Unschuldige bestrafte. Ein Schuld-zentriertes Verringern der Menschenmasse, etwa durch 'Löwen', 'Wölfe', 'Hungernöte', 'Dürre' ist allein sinnvoll.


50. Was ist das „Geheimnis der großen Götter“, das Ea nicht verraten hat? (XI, 196) Ist es das verjüngende Kraut in XI, 283?


51. Warum gibt Enlil Uta-napischti ewiges Leben und erhebt ihn zum Gott? Als Widergutmachung der Quasi-Ausrottung der Menschen? (XI, 199ff.)


52. Brotbacken dient als Zeitmaß!, nämlich für die Länge des Schlafs von Gilgamesh (XI, 220ff.).


53. Wird gutes Regieren (der Menschen durch die Götter) anhand der Beziehung Mensch-Ochse, der von ihm geleitet wird, dargestellt (XI, 185ff.)?: „Lockre (die Zügel), (denn nie sollten (sie) zerschnitten werden! Zieh sie (dennoch) straff (genug), damit (sie) nicht erschlaffen.“


54. Das Häuten der Schlange ist Symbol des Verjüngens. XI, 307.

Vergleiche mit anderen Erzählungen und Topoi

1. Sinflut: Genesis, Bibel


2. Hure-Enkidu: Adam-Eva


3. Freundwerdung / Bruderschaft Enkidu - Gilgamesch: Winnetou und Old Shatterhand.


4. Beowulf-Gilgamesh, Todesmotiv: Beide erkennen durch die Ahnung ihres eigenen Todes die Aufgabe, die ihnen als Held/Herrscher zukommt, und gehen den Weg der Pflicht zum Wohle der Gemeinde. These: Beowulf opfert sich im Kampf, sieht das Unausweichliche gegenüber einer dunklen Macht in Form von Monstern, gegen die er sich zum Schutz der Gemeinschaft stellen muss, die ihn aber letzten Endes überwinden. Gilgamesh erkennt seine eigene Endlichkeit durch die Erfahrung des Todes eines Anderen/Freundes, und geht hierdurch eine Reflexionsphase ein, die ihn sich nicht opfern, sondern weise herrschen lässt gemäß der göttlich-vorgeschriebenen Ordnung. Gilgamesh kann sich die Macht und die Ereignisserien, die ihn auf den „Weg“ der Reflexion brachten, nachvollziehen, er ist sinnvolles Glied eine Menschen, Natur und Götter umfassenden transparenten Ordnung, in der nur der Begriff des Schicksals selbst unbestimmt zu bleiben scheint. Menschen-Schicksal könnte jedoch heißen, durch Einsicht in seine Sterblichkeit Mensch zu werden, d. h. das Normative der rechten Liebe, des rechten Herrschen, des rechten Miteinander etc. ist Teil eines in die Entwicklung des Menschen (Natur zu Kultur) eingeschriebenen, an Gemeinschaft (Abstammung: Platz, Gemeinschaft: allgemeines Miteinander, Kampf als Verteidigung; Freundschaft: intimes wechselseitiges sorgendes und treues Miteinander; Frau: sinnliches Miteiander; Frau/Kind: Fortbestehen des Miteinander) gebundenen Prozesses der Individuation.


5. Beowulf-Gilgamesh, Freundschaftsmotiv: hier wäre Beowulf-Wieglaf und Gilgamesh-Enkidu zu vergleichen. Dabei erlebt Wieglaf (der Freund) den Tod von Beowulf (der Heros) und wird der nächste Herrscher, während Gilgamesh (Heros) den Tod von Enkidu (der Freund) erlebt. In dieser Hinsicht wirkt in Gilgamesh das Erleben der Welt und der Gemeisnchaft als Herrscher kontinuierlich fort (geht einen Individuierungsprozess durch), während er bei Beowulf unterbrochen wird und in einem anderen sich fortsetzt, ohne dass deutlich wird, ob Wieglaf dadurch weiser geworden ist.


6. Monster Beowulf/Gilgamesh und der Tod: Monster werden in Beowulf nicht, oder zumindest nicht direkt in eine übergreifende Handlungsebene eingebaut oder instrumentalisiert. Es gibt keine Götterebene, die sie schickt; genau die gibt es in Gilgamesh: Humbaba und der Himmelstier (wenn man sie denn mit Monstern analogisieren kann) haben einen Auftrag, sind Medien göttlicher Willen. Diese Differenz Beowulf/Gilgamesh verweist zugleich auf die Rolle/den Sinn des Todes: Monster bringen den Tod, sie setzen Menschen der Gefahr des Todes aus, doch ist ihr Kommen nicht Spur einer anderen (göttlichen) Ebene, sie stehen für sich selbst. Genauso steht auch der Tod des Menschen nur für sein Verschwinden, er ist dem Menschen immanent und absolut, es gibt keine Transitionsebenen (Fährmann etc.). Es gibt nur Ruhm unter Menschen und Verantwortung für den Schutz der Gruppe. Die Differenz Lebendig-Tod ist damit radikal in der Endlichkeit des Menschen festgeschrieben, während in Gilgamesh gerade die Transition nach dem Tod und das Ereignis des Todes selbst in den letzten Tafeln zum Hauptproblem werden, und zwar im Spannungspaar sterbliches Leben-ewiges Leben. Diskutiert wurde, ob die fehlende Göttebene in Beowulf extern durch die Übergangsphase von einem alten in einen neuen (christlichen) Gotteskult zu erklären ist.


7. Gilgamesh-Odysseus (Andreas)


8. Bibel (Genesis) - Gilgamesh - Sumerische Religion (Matthias)

Übergreifende Thesen

1. These: Aus der hybriden Zeugung (48) Gilgameshs (Mensch-Gott/Dämon?) geht ein grundlegendes Spannungsgefüge der Erzählung hervor. - Auch Enkidu ist hybrid.


2. These: (zur 1. Tafel) Die Spannung zwischen Verhülltem und Enthüllen bestimmt die Tafel. Gilgamesh entdeckt und kennt das Verborgene durch den enthüllenden Blick in das Verborgene, Tiefe. Die Tafeln selbst sind in einem Kasten verborgen, den der Leser öffnen soll. Gilgamesh entdeckt, öffnet, dehnt den Meer- und Weltzugang, überschreitet Grenzen, unterwirft Völker, enthüllt durch Bewegung, durch Sich-Entfernen vom Ursprung, dem Geburtsort. Enthüllen ist eine gegen etwas Widerständiges (Verborgenes) gerichteter Akt: Blick in die (dunkle) Tiefe, Reise ins Entfernte, Kampf.


3. These: (zur 1. Tafel) Hybris-Motif. Menschliche Existenz heißt, Widerständiges enthüllend Überschreiten und zugleich Erkennen, dass der Mensch (gegen die Götter) beschränkt bleibt (doch was ist hier ein Gott?). Gilgamesh vergisst dies. Er herrscht in Uruk quasi ohne Widerstand (vgl. 63-86). Erst Enkidu retabliert die Ordnung, er ist Freund Gilgameshs, weil er sein Widerpart ist. E. gibt G. den Rat, Familienfrieden in Uruk nicht zu stören. (VIII, 35 f.)


4. These: (zur 1. Tafel) Enkidu ist stark, weil er unentgrenzt Natur ist (der, der in der Steppe, 223) geboren ist, als Tier mit Tieren lebt, ohne Fallen stellen zu müssen, wie der Jäger, der ihn entdeckt (Rousseau-Hobbes-Thema!). Aber er "erkennt" nicht, was er ist, nämlich ein Mensch. Damit er ein (geschwächter) Mensch wird, entsteht eine komplizierte Figur, deren Vergleich mit dem Sündenfall zu bedenken ist: Die Frau als Hure und Lustobjekt (Reiz) bricht Enkidu, indem sie durch körperlich sehr intime und dichte Vergnügen zeigt, was Enkidu ist: einer, dem nach Menschen verlangt. Nach sieben Tagen Sex verlangt Gilgamesh nach mehr Sex, Frauen und einem Freund! (vgl. 214) Die Tiere wenden sich von ihm ab. Diese Wandlung ist kompliziert, da aus der Perspektive der Moderne die Hure ja das Tier in Enkidu weckte, im Epos jedoch den Menschen in Enkidu. Daher muss grundsätzlich gefragt werden: Was heißt es, Hure zu sein? Lust zu erzeugen und zu empfinden? Ist es überhaupt Lust?, Wörter wie "Reiz" deuten es an. Dazu kommt das Enthüllen der Hure am See (184ff.), das auf das Thema Verhüllen-Enthüllen anspielt (2. These). Erkennen, Wissen als ultimativer Lust-Akt. Sich im Verbinden, Durchdringen mit dem Anderen, Sterben im Anderen (Orgasmus, petit mort im Französischen) Selbst erkennen (romantisches Motiv!). Das ist nur Menschen möglich, zeichnet den Mensch aus, und macht ihn zum Menschen. Archehandlung ist der Hurenakt, der Reiz, der vom Anderen ausgeht, und zugleich den Anderen anzieht. Dem Reiz nachzugehen, heißt, Mensch sein, Mensch werden.


5. These: Die Themen 'Macht und Kraft haben, ausüben, erfahren, verführen, transformieren und sich ihnen widersetzen' formen die Dynamik der Erzählung. Enkidu will mit Gilgamesh kämpfen, um zu zeigen, dass er stärker ist (I, 220), dann wird er in Tafel II sein Freund, als er erfährt, dass Gilgamesh ihm widersteht (gleichstark ist). Zu fragen ist, was sie kennzeichnet und was sie voneinander differenziert. Woher kommen sie, was bedingt sie, wie erhalten sie sich?


6. These: In der ersten und zweiten Tafel geht es um Phasen der Individuierung und Menschwerdung von Enkidu aus einem Naturzustand (Tierheit). Man könnte sagen: gewisse Naturtriebe werden vermenschlicht reproduziert. Diese Phasen führen über die Verführung/Sex (Reproduktion der Art), zum Essen/Trinken (Reproduktion als ständige physische Erhaltung des Selbst), zum Kampf (Reproduktion als ständige Bewährung der Macht) und zur Angst vor dem Verlust des 'Freundes' (Reproduktion als ständiger Hang zum Anderen, zur Vergesellschaftung (Enkidu lebt auch in Tiergruppen)).


7. These: (ab Tafel 2 bis 4): In der Erzählung geht es um fortgesetzte Transformationen zwischen einer Natur als Ursprung (Kraft, Reproduktion, symbolisiert durch Enkidu) und einer Natur als Unbekanntes, Widerständiges, Bedrohliches (Zedernwald, Sintflut, symbolisiert durch Humababa), deren Ziel so etwas wie die Erkenntnis des Menschlichen Daseins selbst ist (symbolisiert durch Gilgamesh; beachte am Anfang: der, der in die Tiefe sah). Dieser Weg zu sich selbst führt über Aufgaben: die Menschwerdung als Lust, der Kampf mit dem, der Freund wird, der Freund als der, der die Angst vor dem Unbekannten mitträgt, auf sich zieht (Traumfänger) und entschärft, die Bruder-Gemeinschaft (Wechselseitigkeit) als Aufnahme in die Sippe/Familie, durch die man dem Unbekannten standhält, letztlich der Weise, der seine eigene Begrenztheit und zugleich den Weg der Transformationen und die Aufgaben 'sieht'. Humbaba versucht, bereits niedergerungen, die Freunde zu entzweien. V, 87ff. Enkidu riskiert selbst den Zorn der Götter: er weiß um Enlils Zorn beim Tod Humbabas, und fordert Gilgamesh doch auf, ihn für dessen Ruhm zu töten, und schleudert eine Stierschulter auf Ishtar, die Gilgamesh vorher als Betrügerin bezeichnete, die ihn heiraten will. Enkidu differenzierte sich auch in seiner Rede mit der Zedern-Tür von ihrer natur durch seinen Verstand. VII,40. Nur im Angesicht des Wissens um seinen eigenen Tod im Fiebertraum schwächelt Enkidu kurz, will wieder Tier-Natur werden.


8. Gilgamesh und Enkidu bilden eine Antithese: Gilgamesh ist der richtungsweisende, aber in der Realisierung schwächelnde, letztlich zögerliche Stadtmensch, Enkidu ungebändigte, entschlossene Kraft der Natur, die in Tafel 7 nur vom gemeinsamen Entschluss der Götter durch Wahntraum-Fieber gebrochen werden kann. Im Marsch zu Humbaba und dem Kampf mit ihm (IV-V) ist Enkidu Traumfänger-Schutzschild für Gilgamesh und derjenige, der zum Töten von Humbaba für den Ruhm Gilgameshs auffordert. Auch im Stierkampf (VI) ist es Enkidu, der das Unbändig-Naturale mit bloßen Händen nur hält und immobilisiert, Gilgamesh tötet gezielt durch die zivilisierte Waffe (Dolch etc.). In Tafel 7 kommt es dann zu mehreren Umkehrungen, Enkidu verflucht seine Vermenschlichung als Schwächung (den Fallensteller, die Hure Schamchat, VII, 95ff.) und Gilgamesh will zu Enkidu dem Steppentier werden (VII, 146; IX, 1ff.). Erst des Gottes Schamasch Rede, die auf den Zusammenhang zwischen Vermenschlichung und Freund/Bruder-Werden mit Gilgamesh verweist (VII, 134) bringt Enkidu dazu, seinen Fluch in Liebe zur Menschwerdung umzukehren.


9. These der Freundschaft als Liebe und als Erfahrung des Todes. Am Anfang klagt Ishtar Gilgamesh an, weil er von seinem Primat des ersten Beischlafs zu exzessiv Gebrauch machte und die Männer durch Spiele von ihren Frauen abhielt. Als Störer der Liebe wurde ihm der Gegenpart Enkidu geschaffen, dessen Freundschaft ihn zur Einsicht führt, dass Liebe weise regieren ermöglicht. (Tafel VIII, 35-8: Gilgamesh verweist darauf, dass Enkidus weiser Rat ihn vom Liebesstören abhielt) Der Schmerz über Enkidus Tod ist Liebe zu einem verlorenen Freund. Gilgamesh verliert seinen Weg der Herrschaft, geht in die Wüste, wird zum ersten Mal reflexiv. Shamash sagt in Schrott 241 (IX, Anfang): „Oh Gilgamesh, wohin wanderst du? Das Leben, das du suchst, wirst du nie finden?“ Die Erfahrung des Todes des Anderen, des Freunds, führt zur Einsicht des möglichen, sicheren und jetzt nicht datierbaren, unsicheren Eintritt des eigenen Todes, der Sterblichkeit. Gilgamesh geht in Tafel IX den „Weg des Berges“, um zu wissen, was Leben und Tod bedeutet. Er geht zu den Göttern.


10. These der Unbestimmtheit. Es gibt ein Moment, das in der menschlichen Welt zum Tragen kommt, dass auch Götter nicht beherrschen. Gilgamesh tötet Humbaba, scheinbar ohne Auftrag, und die Tat führt zu einer (göttlichen) Krise. Gibt es eine Macht hinter den Göttern, die sich im Epos unter Menschen zeigt, eine Art Schicksalsmacht?


11. Die Erzählung ist zirkulär angelegt, indem Ende und Anfang ineinander greifen, und verweist in sich auf einen etappenweisen Individuationsprozess, der von dr Hybris zur Weisheit fortschreitet, die ihrerseist den entscheidenen konstitutiven Kick aus der Einsicht in die Endlichkeit und die Fragilität des Menschen (Macht, Gesundheit, Abhängigkeit des Menschen vom Schicksal/den Göttern, Tod) erhält; diese Einsicht ist absolut, in Tafel XI (248ff.) durch die Ausstoßung des Fährmanns aus dem Reich der Toten, in dem Gulgamesh Unsterblichkeit zu erhalten hofft, verdeutlicht. Durch die zirkuläre Erzählstruktur lädt die Erzählung auch zum Wiedererzählen ein, löst sie sozusagen vom Historisch-Konkreten und überführt sie in die tausendjährigen Zeiten ihres Wieder-Aufsagens. Der, der in die Tiefe sah, ist der, der am Ende (wieder) in Uruk ankommt.

Literatur, Quellen & Links

George, Andrew: The Epic of Gilgamesh. London et al: Penguin Books 1999.

Maul, Stefan M.: Gilgamesh. München: Beck 2007.

Schrott, Raoul: Gilgamesh. München: Hanser-Verlag 2001. - siehe dazu ein Artikel aus der Zeit

Tigay: The Evolution of the Gilgamesh Epic 1982. (PDF)

Urhebergeschützt

Ausführliche Themen

Textgenese

0. Nach Schrott 2001: Drei Quellen: Sumerische Kurzepen (2100), Altbabylonische Fassung (1700), ninivitische Fassung (Textfund 650, Abfassungsdatum unbekannt, aber nach der Altbabylonischen).


1. Maul 2005

9

Im Dezember 1872 stellte der britische Assyriologe George Smith auf einer Sitzung der Londoner Society of BiblIical Archaeology das Bruchstück einer Tontafel vor, das man in den Ruinen der assyrischen Hauptstadt Ninive im Schutt des Palastes des Assyrerkönigs ssurbanipal (668-627 v. ehr.) gefunden hatte. Das Tafelfragment gehörte zu einem dichterischen Werk, in dem in formvollendeter poetischer Sprache, in dem dem Hebräischen recht nahe verwandten Babylonischen, die Geschichte von der Sintflut und dem «Überaus-Weisen» erzählt wurde.


10

... die Eroberer Ninives hatten im Jahre 612 v. Chr., bevor sie den Palast in Brand gesteckt hatten, auch in den königlichen Bibliotheken übel gehaust und Abertausende von Bruchstücken der mutwillig zerschlagenen Tafeln in einem Umkreis von mehreren hundert Metern über Räume, Säle und Höfe des Palastes verstreut. Nur das, was zweieinhalb Jahrtausende später unter meterhohem Schutt noch aufzufinden war, war ins Britische Museum gelangt.


Nach langer und geduldiger Arbeit (es müssen immer wieder kleine und kleinste Tafelbruchstücke als zusammengehörig erkannt und physisch miteinander verbunden werden) zeigte sich, daß die große Dichtung um König Gilgamesch stets auf Tontafeln niedergeschrieben worden war, die drei Kolumnen auf der Vorderseite und drei

Kolumnen auf der Rückseite aufwiesen, wobei eine jede etwa fünfzig Zeilen umfaßte. Die Tafeln des Werkes waren numeriert, und schließlich fand sich eine, es war die zwölfte Tafel, auf der vermerkt war, daß es sich bei dieser um die letzte handelt. Zwölf Tafeln mit insgesamt weit über dreitausend Versen galt es also, aus den vielen kleinen Fragmenten zusammenzuflicken. Diese philologisch-physische und ganz grundlegende <Arbeit am Mythos> ist auch heute, mehr als 130 Jahre, nachdem die erste Passage des Textes bekannt wurde, noch nicht abgeschlossen.


Mit seiner hervorragenden neuen wissenschaftlichen Edition des Gilgamesch-Epos aus dem Jahr 2003 stellte der Londoner Altorientalist Andrew R. George unsere Kenntnis des Gilgamesch-Epos auf eine völlig neue Grundlage. Seine jahrelange, unermüdliche Suche nach unerkannten Stücken des Epos in allen Museen der Welt war von großem Erfolg gekrönt. Der britische Gelehrte konnte über 100 Textzeugen des Epos zusammentragen, die keineswegs nur aus der Assurbanipal Bibliothek in Ninive, sondern auch aus anderen Städten des Zweistromlandes stammen (aus Assur, Kalchu und Huzirina, aus Babyion und Uruk). Die neue Textrekonstruktion des Gilgamesch-Epos, in der zahlreiche zuvor unbekannte Tontafeln verwertet sind, hat zur Folge, [11] daß alle vor dem Jahr 2003 erschienenen Übersetzungen des wohl bedeutendsten literarischen Werkes des Alten Orients mit einem Male veraltet sind.


11

Die hier vorgelegte Übersetzung fußt auf der neuen Textedition von Andrew R. George. Darüber hinaus werden in dem vorliegenden Buch zum ersten Mal fünf weitere, zum Teil umfangreiche Bruchstücke von Tontafeln aus Assur mit bislang unbekannten Passagen des Gilgamesch-Epos berücksichtigt. Die erst jüngst entdeckten Tontafelfragmente füllen Lücken in der ersten, fünften, sechsten, siebten und zehnten Tafel der Dichtung und erweitern unsere Kenntnis des Gilgamesch-Epos erheblich. Trotz der Fortschritte in der Textrekonstruktion fehlt von dem Epos um König Gilgamesch immer noch mehr als ein Drittel. Es bleibt daher leider noch allerlei Unklares und wohl auch manches Mißverstandene.


13

Heute veranlaßt uns der Sprachstand des Gilgamesch-Epos zu glauben, daß das Werk in seiner vorliegenden Form im letzten Drittel des [14] zweiten vorchristlichen Jahrtausends entstand. Obgleich in der Einleitung des Epos der Eindruck hervorgerufen wird, als sei die Heldendichtung ein uralter, ursprünglich auf steinerner Tafel niedergeschriebener Rechenschaftsbericht des Königs von Uruk, war der Dichter des Gilgamesch-Epos gewiß kein Zeitgenosse des Gilgamesch. Denn als das Epos des Sin-leqe-unnini seine endgültige Gestalt erhielt, waren die Sagen um König Gilgamesch bereits uralt. Heute wissen wir, daß dem Dichter Sin-leqe-unnini als Grundlage für sein Werk eine erheblich ältere Version des Epos zur Verfügung stand, die ebenfalls in babylonischer Sprache verfaßt und wohl schon im 18. vorchristlichen Jahrhundert entstanden war. In diesem uns bisher nur bruchstückhaft bekannt

gewordenen altbabylonischen Gilgamesch-Epos waren mehrere, ihrerseits noch weit ältere, unabhängige Gilgamesch-Erzählungen zu einem harmonischen und schönen Ganzen zusammengefügt. Den Namen des Schöpfers dieses frühen sprachlichen Meisterwerkes kennen wir nicht. Sin-leqe-unnini übernahm mehr oder minder unverändert lange Passagen

des alten Textes in sein umfangreiches Werk. Schon das altbabylonische Gilgamesch-Epos, das Sin-leqe-unnini als Vorlage gedient hatte, war zu großer Berühmtheit gelangt, als sich das Babylonische um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends von Kleinasien bis nach Ägypten als internationale Diplomatensprache der Welt des Alten Orients durchgesetzt hatte. Textfunde beweisen, daß sich die Dichtung um Gilgamesch, die ja nicht allein von der ernsten Frage nach Leben und Tod, sondern auch von Freundschaft und Liebe, von königlichen Heldentaten und kühnen Abenteuern handelt, auch an den Königshöfen Syriens, Palästinas und Kleinasiens großer Beliebtheit erfreute.


14

Die ältesten uns erhaltenen Erzählungen um König Gilgamesch sind in der uralten sumerischen Sprache niedergeschrieben, die die Schöpfer der frühen Hochkultur des südlichen Mesopotamien gesprochen hatten. An der Wende vom dritten zum zweiten vorchristlichen Jahrtausend zählten diese Texte zur Pflichtlektüre in den Schulen des Zweistromlandes und wurden von denjenigen, die die aussterbende sumerische Sprache erlernten, immer wieder abgeschrieben. Aus Hunderten Einleitung [15] von Tontafelbruchstücken, die sich im Ruinenschutt mesopotamischer Städte fanden, ließen sich diese Perlen sumerischer Literatur rekonstruieren. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sich sogar unter den noch weitgehend unverständlichen ältesten literarischen Keilschrifttexten in Numerischer Sprache aus dem 26. Jh. v. Chr. dichterische Werke befinden, die von Gilgamesch, dem König von Uruk, künden. Die mündliche Überlieferung von Erzählungen der Abenteuer und Heldentaten des Gilgamesch dürfte bis in die Zeit des frühen dritten vorchristlichen Jahrtausends zurückgehen, als ein König namens Gilgamesch tatsächlich in der südmesopotamischen Stadt Uruk regiert haben mag.


2. Schrott 2001.


12

Aus der Ära dieser sumerischen Herrscher von Ur stammen nun die ersten sumerischen Kurzepen um Gilgamesh: Gilgamesh und Agga; Gilgamesh, Enkidu und die Unterwelt; Gilgamesh und der Himmelsstier, Gilgamesh und Huwawa und Tod des Gilgamesh. Ihren Ursprung fanden sie wohl in alten, oral tradierten Gesängen, die von den Hofdichtern aufgegriffen und zur Unterhaltung vorgetragen wurden, um dann schriftlich fixiert zu werden; die Texte gehen wahrscheinlich auf die Kopien in Shulgis >Tafelhäusern< zurück. Narrativ noch unverbunden, geben sie jedoch bereits die Grundmotive der späteren Geschichte vor - und sind wie alle Epen bereits Abbild einer Gegenwart.


13

[Altbabylonische Fassung]

Mit dem 18. Jahrhundert wandelt sich die politische Lage erneut. Eine neue Welle von Immigranten fallt ein, die aus demselben Ursprungsraum stammen wie zuvor die Akkader; man nennt sie die Amorriter, die >Westlichen<. Auch die Sprache ist mit der der Akkader verwandt, ein weiterer nordwestsemitischer Zweig, aus dem später sowohl das Ugaritische

und das Hebräische entsteht. Und wieder werden sie in diesem Schmelztopf des Nahen Ostens von der sie umgebenden Kultur schnell assimiliert und verschaffen ihr zugleich neuen Schwung. Von 1792 bis 1750 etwa war es der Amorriter Hammurapi, der die in Stadtstaaten zurückgefallenen Länder Sumer und Akkad sowie das nördliche, ebenfalls längst semitische Assyrien rund um seine bis dahin unbedeutende Hauptstadt Babylon reorganisierte. Wie die alten [14] mesopotamischen Könige vor ihm baute und restaurierte er Tempel, Stadtmauern,

öffentliche Gebäude, Kanäle, setzte erstmals Marduk als obersten Gott ein, focht wie inuner Kriege um die Wasserrechte am Euphrat und konsolidierte mit seinen Gesetzen die Idee eines territorial einheitlichen Staates. Sein Codex - der Handelsregelungen ebenso umfaßte wie Familien-, Straf- und Bürgerliches Recht - war um ein gewisses Maß an Vereinheitlichung verschiedener Traditionen bemüht, vor allem aber als Selbstdarstellung eines über ein Großreicn gebietenden idealen Herrschers angelegt. Ob er jemals angewendet wurde, ist umstritten; aber auch als Konzept belegt er einen gewissen ideellen Wandel hin zu einer Art aufgeklärten Monarchie. Das Sumerische war zu dieser Zeit bereits als Umgangssprache ausgestorben, die generell konservative mesopotamische Kultur aber führte es in seinen Schreibstuben immer noch als Schriftsprache weiter, ähnlich der mittelalterlichen Gelehrtensprache des Latein. Die Götter sind nun gebräuchlicher unter ihren akkadischen Namen und selbst wenn die Hofdichter noch gelegentlich auf Sumerisch schrieben oder daraus übersetzten, so wurde der überwiegende Teil der Texte doch auf Akkadisch

abgefußt - Werke in einem modernen Sinn, die zwar von antiken Überlieferungen inspiriert waren, aber in sie eine zeitgenössische Perspektive einbrachten. Dazu zählen die zwölfhundert Verse des Epos von Atrahasis, dem >Überaus Weisen<, aus dem später die Geschichte der Sintflut an manchen Stellen sogar wortwörtlich in das Gilgamesh-Epos einfließen sollte: eine Geschichte der Menschheit und des Kosmos von den mythischen Anfangen bis zur Gegenwart, eine Neudefinition der menschlichen Existenz und ihres Sinns. Mit derselben Geisteshaltung griff aber auch ein ebenso unbekannt gebliebener Autor den alten Gilgamesh-Stoff wieder auf, um das erste Großepos der Weltliteratur zu schreiben.


15

[Ninivitische Fassung]

Die Herrschaft der Kassiten, die keine großen imperialistischen Gelüste hatten, dauerte bis 1150; und auch unter ihnen änderte sich an der mesopotamischen Kultur nichts - sie überstand alle Machtwechsel, indem sie letztlich allen ihren Stempel aufprägte. So setzte beispielsweise nach [16] den Kassiten eine neue Immigrationswelle semitischer Stämme aus dem Nordwesten ein, deren Sprache das Aramäische war und zu denen auch die Chaldäer zählten. In ihrem Raum war längst schon das einfacher zu lernende Alphabet gebräuchlich - die traditionsbewußten Mesopotamier werden es jedoch noch viele Jahrhunderte lang ignorieren; damit war aber wohl kein Fortschritt in der Schreibgeschwindigkeit, sondern lediglich in der Erlernbarkeit erzielt. Die elitäre Kaste der Schreiber hatte darüber hinaus natürlich ihren eigeneh Fortbestand im Sinn. Assyrien war während dieser Zeit zu seiner vorherigen Unabhängigkeit zurückgekehrt und begann mit Babyion an Macht und Rang zu rivalisieren. Unter der Dynastie der Sargoniden (720-609) - deren militärische Kampagnen gegen Persien, Ägypten und Israel gerichtet waren, wie wir aus der Bibel wissen - wurde die Hauptstadt von Assur nach Ninive verlegt. Ihr berühmtester Herrscher Assurbanipal (668-627) war wie Shulgi vor ihm ein allseits gebildeter Mann, der von sich behaupten konnte, daß der Gott Nabu, der Schreiber des Universums, ihm das Geschenk des Wissens aller Weisheit zu eigen gemacht und Ninurta, der Gott des Krieges, und Nergal, der Gott der Jagd, ihn mit einer Gestalt männlicher Härte und unvergleichlicher Stärke ausgestattet hatte. Auf seinen Befehl hin wurden die babylonischen Gelehrten angewiesen, Kopien ihrer gesamten Literatur in die Hauptstadt zu schicken. Zwanzig Jahre nach seinem Tod aber zerfiel auch dieses Reich; Assyrien wurde erneut Babylonien angegliedert, in dem sich inzwischen die Chaldäer Init Nebukadnezar etabliert hatten.

Das Gilgamesh-Epos erlebte aber gerade zwischen dem Ende des 2. und denl Beginn des 1. Jahrtausends seine größte Rezeption, denn wieder steht es für den klassischen Modellfall eines idealen Herrschers. Man hat bis heute über 200 bruchstückhafte Tontafeln ausgegraben, in Uruk, Nimrud, Assur und vor allem Ninive, wo allein in der >Bibliothek Assurbanipals< 150 davon wieder ans Tageslicht kamen. Sie alle sind Abschriften einer einzigen Fassung, die zwischen dem 9· Jahrhundert und 250 v. u. Z. unverändert gleich bleibt. Allgemein bekannt war sie unter den drei Worten, mit denen das Epos beginnt: Sha Naqba Imuru - >Der Alles/ Die Tiefe Sah<. Heute wird sie, um sie von der altbabylonischen Fassung zu unterscheiden, allgemein als Ninivitische Version bezeichnet. Ein bibliographischer Katalog der Zeit nennt auch ihren Autor: Sinleqe-unninni, Exorzist. Mehr weiß Inan nicht von ihm. Dem Namen (>Oh Mondgott Sin Nimm Mein Gebet An<) und seinem Idiom nach zu schließen, könnte er irgendwann gegen Ende des zweiten Jahrtausends gelebt haben. Erwähnt wird er nur noch in einer Königsliste aus dem zweiten Jahrhundert v. u. Z. aus Uruk, wo es heißt: Während der Herrschaftszeit Gilgameshs war Sin-Ieqe-unninni dessen Berater - was aber nur [16] einen später scheinbar notwendig gewordenen historischen Legitimationsanspruch der Geschichte belegt. Vermuten läßt sich durch diese Bezeichnungen immerhin, daß der Autor zu seiner Zeit einen gewissen literarischen Ruf genoß und ihm explizit die Neufassung das Urstoffs zugestanden wurde.

An die 3000 Verse lang (von denen etwa 600 immer noch fehlen), auf elf Tafeln verteilt, war sie länger als die altbabylonische Fassung. Wie der Vergleich der Bruchstücke der einen Version mit der anderen zeigt, hielt Sin-leqe-unninni sich eng an die Vorlage, kopierte sie stellenweise wörtlich, streckte sie sehr oft aber auch, um sie rhetorisch auszuschmücken - die alte Version ist härter und direkter im Tonfall und realistischer, die neue verboser, pompöser, im eigentlichen Sinn des Wortes: epigonal. Manche Verse und Episoden dürfte er hier und dort nach eigenem Gutdünken eingegliedert haben, so vielleicht die ganze Erzählung der Sintflut - jedenfalls verrät er die Vorlage, wenn er statt Ut-napishti einmal aus Versehen >Atrahasis< schreibt. Man bemerkt jedenfalls, daß der Autor sein Material kompiliert hat und eine allseits bekannte Erzählung voraussetzt, denn die Übergänge von einer Episode zur anderen sind oft abrupt und selten um einen roten Faden bemüht - so ist die Rückkehr Gilgameshs nach Uruk beim ersten und beim zweiten Mal ebenso kursorisch, wie auch das Auftauchen Ishtars unvermittelt bleibt.

Sin-leqe-unninnis Version ist bereits historisierend; wenn sie die Formelhaftigkeit der sumerischen Texte, ihre wiederholenden Parallelismen benützt, dann als Zitat, um auf die Archaik des Epos zu verweisen. Gleichzeitig aber erhält diese auf geschriebenen Vorlagen beruhende Fassung dadurch auch wieder einen quasi postmodernen Zug von Schriftlichkeit. Die Wortspiele sind klar herausgearbeitet, die wörtliche Wiederholung der Eingangsstelle am Schluß der Geschichte schafft eine Klammer, die den Text sowohl inhaltlich wie formal als Text präsentiert und ihn verschachtelt, indem er die Autorschaft wieder abgibt: denn es ist Gilgameshs Bericht, den man gehört und gelesen hat - da ihm jene Tontafeln zugrunde liegen, die Gilgamesh als Grundstein seiner Mauer verwendete. Angehängt an das Epos findet sich allerdings noch eine zwölfte Tafel, ein Appendix, der im wesentlichen aus einer Übersetzung des sumerischen Kurzepos Gilgamesh, Enkidu und die Unterwelt besteht. Vermuten läßt sich, das sie von einem späteren Redaktor vielleicht mit der bewußten Absicht erdacht wurde, das Epos mit einer Ursprungslegende für Gilgameshs Funktion als König der Unterwelt und Richter der Toten auszustatten.

Sprache, Schrift

1. Schrott 2001, 8: Sumerer, Akkader, Schwarzköpfe.

"Von den diversen Ethnien, die dieses Land im Laufe des 4. Jahrtausends zum Zentrum der ersten Hochkultur machten, sind uns nur die zuletzt gekommenen namentlich bekannt: die Akkader und die Sumerer. Sie besiedelten den zwischen den zwei Strömen liegenden Landstrich südlich des heutigen Bagdad bis zum Meer. In der nördlichen Hälfte dieses Gebiets ließen sich die Akkader nieder, die aus den Randzonen der syrischen Wüste kamen und der semitischen Sprachgruppe angehörten. Von den Sumerern im Süden weiß man hingegen weder, woher sie stammen, noch kennt man die Herkunft ihrer Sprache (obwohl bisweilen eine Verwandtschaft mit den dravidischen Sprachen Indiens ins Spiel gebracht wird). In Mythen aus viel späterer Zeit werden sie als Schwarzköpfe bezeichnet, die vom Meer kamen; und es sollen die legendären Sieben Weisen gewesen sein, die die Einsässigen in das zivilisierte Leben eingeführt haben."


2. Keilschrift – 7.Jan 2009 (Tiemo)

Keilschrift expl.jpg

Schriftkategorien

(Siehe auch http://www.uni-duisburg-essen.de/Ev-Theologie/courses/course-stuff/hebr01alphabet.htm)

  • Tokens
  • Bilderschrift
  • Wortschrift
  • Silbenschrift bzw. Lautschrift – phonetische Schrift
  • Konsonantische Alphabetschrift
  • Vokale Alphabetschrift

Keilschrift durchläuft alles von der Bilderschrift bis zur Konsonantischen Alphabetschrift


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Keilschrift
  • In Stein, Silber oder Ton (gebrannt oder ungebrannt zum Teil mit Schutzhaube aus Ton) geritzt mit stumpfen Keil (Schreibgriffel aus Schilf oder Holz)
  • Typische Größe von Tontafeln - 15 bis 22 cm, aber auch zum Teil sehr kleine Schrift auf 3qcm großen Tafeln mit 6 Zeilen (Vergrößerungsglas notwendig)

Zeitrahmen

  • 3500 v. Chr erst als Bilderschrift bzw. Wortschrift (z.B. stehen und gehen durch einen Fuss)
  • 2700 v. Chr. Hochkultur der Sumerer – Keilschrift dominiert in der Region - Entwicklung der Schreibwerkzeuge hin zur abstrakteren Linienschrift - Rationalisierung
  • Ab 2300 drangen Semiten (Akader) in das Gebiet ein und entwickelte die Schrift weiter
  • Bis 1500 v. Chr. – Dominanz beginnt zu enden - Verdrängung durch griechisch und phönitzische Lautschriften – den Vorläufern des Altgriechisch (Alphabetschrift zum Teil mit Vokalen)
  • 330 v. Chr. – persische Keilschrift (Alphabetschrift)
  • bis 1. Jhdt. n. Chr. – letztes Zeugnis - astronomische Tabelle

Verbreitung in den Spachkulturen

  • Ursprünglich Sumerisch,
  • dann an akadisch angepasst – babylonisch und assyrisch sind Dialekte des akadischen
  • Ansonsten bis nach Armenien im Norden und bis Palästina zum Teil mit anderen Symbolen
  • Auch Hethiter (indogermanische Sprachfamilie) nutzen die Keilschrift
  • Am Ende des Jahrtausends bis nach Syrien und Ägypten - weitere Varianten Hurritisch, Eblaitisch, Hetitisch, Luwisch, Palisch, Elemisch, Uartäisch etc.
  • Neue alphabetische Schriftsysteme aus Keilschrift abgewandelt – Ugarisch, persische Keilschrift - Altpersich

Gründe für die Verbreitung - Mutmaßung

  • Logogramme konnten einfach in andere Sprachen umgewandelt werden
  • Ton und Holz vorhanden
  • Rationalisierung und Formalisierung in größeren Verwaltungsstrukturen notwendig

Schriftgut

  • erst nur Verwaltungsschrift,
  • später religiöse und politische Dokumente
  • dann wissenschaftliche und unterhaltende Literatur (Klagelieder, Mythen, Hymnen Epen, Wahrsagesprüche)
  • später als Botendokument

Entwicklung

  • Keil.png
    Bilderschrift
    • Säugetieren, Vögeln, Insekten, Fischen, Bäumen, Sternen und Wolken, Erde und Wasser, Gebäuden, Booten, Haushaltsgegenständen, Feuer, Waffen, Kleidungsstücken, Kultgegenständen, Netzen, Fallen, Tonwaren und Musikinstrumenten
    • 1500 Zeichen
    • Viele Sumerische Wörter einsilbig
    • Aber auch Logogramme für ganze Bedeutungen (Sätze) oder mehrere Wörter
    • Beispiele
      • Berg – drei Berge,
      • Auge und Wasser zu Weinen,
      • Fürstin durch Frau und Schmuck,
      • Heuschrecke stand für Heuschrecke und für Vernichtung
  • Silbenschrift
    • die Zeichen entsprachen verschiedenen Silbenwerten
    • 600 Zeichen (Logogramme, Phonogramme und Determinante und später Begrenzungszeichen – ca. die Hälfte fungierte als Logogram wie auch als Silbenzeichen
    • Aber auch viele Wörter mit gleichem Laut, die dann auch gleich geschrieben wurden, obgleich die Bedeutung entfernt ist.
    • Beispiel
      • A stand für Fluss aber auch für in – also wurde Fluss auch für in und später als Zeichen für den Laut a genutzt oder sogar für ähnliche Laute (Phonetisierung)
  • Elamisch
    • 96 Silbenzeichen, 16 Logogramme, fünf Begrenzungszeichen
  • Alphabetische Schrift
    • Am Ende erreichten nur die persische (36 Zeichen mit Worttrennzeichen – 330 v. Chr.) und ugarische Keilschrift (22) den Schritt zum Alphabet.

Entzifferung

  • über Gesetzessteine in mehreren Übersetzungen (17 Jhdt)

Erzählform, Stil

1. Keine Strophengliederung, aber zwei Doppelverse bilden meist eine Einheit (auch: drei- und fünfzeilige Einheiten). Verse enden mit einem Trochäus (lang-kurz). Kann man sowas eigentlich sagen, bei Keilschrift? Erkennt man wörtliche Rede in eienr Keilschriftfassung?


Geographie

1. Schrott 2001, 7.

"Mesopotamien ist, geologisch gesehen, ein junges Land. Sein Gebiet - das in etwa den heutigen Irak und Syrien umfaßt - wurde nach dem Ende der letzten Eiszeit, vor etwa 12000 Jahren, langsam freigelegt. Von dem, was ursprünglich das Bett eines riesigen Stromes war, blieben nur Schwemmland und die Flüsse Euphrat und Tigris zurück. Im Süden des Landes, im späteren Babylonien, wird die menschliche Besiedlung allerdings erst ab dem 5. Jahrtausend greifbar - nach der Zeit, als abschmelzende Gletschermassen den Spiegel des Mittelmeers gehoben und es daraufhin das Bosporustal durchbrochen hatte, den dahinter liegenden Süßwassersee überflutete und das Schwarze Meer entstehen ließ. Ob sich so der Mythos von der Sintflut erklären läßt, muss Vermutung bleiben; unzweifelhaft jedoch ist, daß diese Naturkatastrophe in jenen Kernraum zwischen Anatolien und der Kaspischen See fiel, in dem dann sowohl die indo-europäische wie die mesopotamische Kultur ihren Anfang nahm."

[Des weiteren: eventuell Überschwemmungen des Euphrat 2800/600 vChr.]

Religion: Götter und Monster

1. Schrott 2001, 10.

"Als dargestellte Natur sind diese Götter von einer Gewalt, so hart und brennend schmerzhaft zu empfinden wie das steile Licht über der Wüste; der von ihnen ausgehende >blendende Glanz< ist daher auch das sie am häufigsten schmückende Beiwort. Als ein Teilstück der Natur unterwirft und erniedrigt man sich vor ihnen und fürchtet sie. In ihre Nähe begibt man sich nur gezwungenermaßen: man dient ihnen; das Verb >lieben< wird nur selten - und dann auf Könige bezogen - in Verbindung mit den Göttern gebraucht (wie auch die Idee einer Liebe zu einem Gott erst Erbe der jüdischen und christlichen Religionen ist). Statt von

mysthischen oder gar dionysischen Verzückungszuständen geprägt, ist das Verhältnis zu ihnen lethargisch oder apathisch, von formelhaften Ritualität geprägt: es ist Fatalismus und Angst, der die menschliche Existenz kennzeichnet. Sich im Schatten der Götter zu sehen und die eigenen Vorgänger als Göttlich zu bezeichnen, diente deshalb auch der Rechtfertigung des eigenen Ranges als König. Als nach dem Zusammenbruch von Sargons Reich ein Teil der Stadtstaaten wieder unter der sumerischen Herrschaft der sogennanten III. Dynastie von Ur (ca. 2100-2000) geeint wurde, berief man sich bereits auf den >Freund<, >Bruder< und >Urahn< Gilgamesh."

Kulturgeschichtliche, völkerkundliche und urbane Aspekte, Geschichte

1. Maul 2005, 16-17

16

"Man sollte sich hüten, die Gestalt des Gilgamesch allzu schnell dem Reich der Sagen zuzuweisen. Denn zumindest einer der Herrscher, die der <Sumerischen Königsliste> zufolge vor Gilgamesch regiert haben sollen, muß als historische Persönlichkeit des frühen dritten vorchristlichen Jahrtausends gelten. Obgleich man ihm, so wie auch Gilgamesch selbst, eine undenkbar lange Regierungszeit zuschrieb, beweisen Keilinschriften dieses Fürsten eindeutig dessen Historizität. Es ist daher keineswegs unwahrscheinlich, daß auch ein König mit dem Namen Gilgamesch in Uruk regierte. Die eindrucksvolle, mehr als 9 km lange, turmbewehrte Mauer, die Uruk umfriedete, könnte durchaus von diesem König errichtet worden sein. Archäologische Forschungen [17] Einleitung der letzten Jahrzehnte bestätigen jedenfalls, daß, in Übereinstimmung mit der Überlieferung der altorientalischen Gilgamesch-Dichtungen, die wohl erstmals im frühen dritten Jahrtausend v. Chr. errichtete Mauer von Uruk tatsächlich die älteste Stadtmauer des Zweistromlandes ist. Die Ausgrabungsergebnisse der letzten Jahrzehnte lassen auch keinen Zweifel daran, daß in der Frühgeschichte Mesopotamiens Uruk

die führende Rolle spielte. Im vierten Jahrtausend v. Chr. hatte sich die schnell anwachsende Stadt zum Mittelpunkt der sumerischen Hochkultur entwickelt und baute weit über Mesopotamien hinausreichende Handelsbeziehungen auf. Die immer komplexer werdenden Verwaltllngsaufgaben, die mit dem Unterhalt und der Beschäftigung Zehntausender von Menschen verbunden waren, führten im Uruk des ausgehenden vierten vorchristlichen Jahrtausends zu einer folgenreichen Innovation. Weitsichtige Verwaltungsbeamte hatten dafür gesorgt, daß erstmals in der Geschichte der Menschheit eine Schrift entwickelt wurde, um schwierige Buchungsvorgänge auch langfristig überschauen und so Planungssicherheit garantieren zu können. Von Uruk aus nahm der Siegeszug der Keilschrift, die rasch weite Verbreitung fand, seinen Lauf. Reste der von gewaltigen Tempelanlagen, riesigen Verwaltungsgebäuden, Vorratsspeichern und künstlich angelegten Kanälen geprägten Stadtanlage der Frühzeit zeugen auch heute noch von der Tatkraft und dem Organisationstalent der ersten Fürsten von Uruk. Im Gilgamesch-Epos sind Erinnerungen an diese frühe Zeit wachgeblieben.


17

"Keilschrifttexte dokumentieren, daß Gilgamesch schon in der Mitte des dritten vorchristlichen Jahrtausends als Gott verehrt wurde, dem Opfer dargebracht und auch von einfachen Leuten Weihegeschenke zugeeignet wurden."


2. Schrott 2001, 9-10.


9

"... die frühe urbane Architektur hatte bereits um 3200 mit der Stadt Uruk, die in der Bibel Erech genannt und zu den ersten vier Städten der Völkertafel gezählt wird, einen Höhepunkt

erreicht. Was die Deutsche Orient-Gesellschaft dort ausgrub, umfaßte an die 6 km2 und hatte gleich zwei heilige Bezirke. Dies läßt sich möglicherweise dadurch erklären, daß in Uruk zwei Orte zusammengewachsen waren, die sich an einer Furt des Euphrat gegenüberlagen. Zentrum der Stadt war eines der größten Heiligtümer Babyloniens, das durch alle Jahrtausende gepflegt wurde, das Eanna-Viertel mit zentralen Kultbauten. Geweiht war der Bezirk - in dessen Mitte sich bald eine mehrstufige Zikkurat erhob - der Liebes- und Kriegsgöttin Inanna/Ishtar. Er bestand aus großen hallenartigen Tempeln, Verwaltungs- und Versammlungsgebäuden, die außen mit aufwendigem Nischenschmuck gegliedert, mit Mosaiken aus Ton- und Steinstiften verziert waren und Dächer trugen, für die man gewaltige Baumstämme hatte beschaffen müssen - und das in einer Gegend, wo schon damals keine geeigneten Bäume wuchsen. Außerhalb dieses zentralen Gebiets existiert ein zweiter Bereich mit nicht weniger spektakulären Architekturresten, rund um den sogenannten weißen Tempel. Dabei handelt es sich um einen auf einer Terrasse errichteten Tempel, wobei diese Terrasse immer wieder überbaut wurde und damit in die Höhe wuchs. Auf diese Weise über die Jahrhunderte immer wieder aufgestockt und ummantelt, ragte er schließlich 11m über die Ebene. Neben diesen Kultanlagen gab es einen Hafen, Handwerkerviertel, Schafställe, Palmenhaine und Lehmgruben - all dies umgeben von einer [10] 9,5 km langen, doppelten Ringmauer. Hinter ihr lebten je nach Schätzung zwischen dreißig- und siebzigtausend Menschen, die mit Abstand größte Ansiedlung der Epoche, weit größer noch als Athen oder Rom am Beginn ihrer Zeit: Uruk war also die erste Großstadt der Welt. Als Erbauer ihres Schutzwalls nennt eine Inschrift aus der Zeit um 1800 Gilgamesh (eigentlich Bilgamesh auf Sumerisch); die aus der Zeit um 1950 stammende Sumerische Liste, auf der die Könige vor und nach der Flut verzeichnet sind, führt ihn als fünften König jener nachsintflutlichen Dynastie an, die mit einem gewissen Meskiaggasher beginnt, dem Sohn des Sonnengottes. Gilgamesh, so heißt es dort, war der Sohn eines en-Priesters von Kullab, eines líl-Dämons (was weit auslegbar ist: Enkidu, als erster und wilder Mensch, wird so bezeichnet; líl läßt sich aber auch mit dem Windhauch und dem Traumgott in Verbindung bringen oder kann >ein Niemand, ein Unbekannter< bedeuten); er soll legendäre 126 Jahre regiert haben; sein Sohn Urlugal dann nur 30. Als >historische Persönlichkeit< setzen ihn chronologische Querbezüge um 2650 v. u. Z. an.

Realpolitik war es jedenfalls, die die verhältnismäßig neue Institution eines Herrschers nicht nur als obersten Richter und Repräsentanten einer privilegierten Schicht sah, sondern ihm darüber hinaus auch priesterliche Funktionen gab und ihn mit dem Ornat des Göttlichen ausstattete - ansatzweise vergleichbar mit dem divus, das die Griechen und Römer ihren Herrschern zugestehen mußten: der Name Gilgamesh ist denn auch in allen Texten mit einem Sternchen versehen, das ihn als göttlich ausweist. Die Legendenbildung dürfte bereits bald nach seinem Tod begonnen haben. Ein noch diskutierter Text aus Ebla um 2450 spielt jedenfalls bereits auf einen göttlichen König von Uruk an,jenen vom Zedernwald, der den Himmelsstier umbrachte."


Exkurs ZIKKURAT:

Die Zikkurat, Ziqqurrat, Zikkurrat, Ziggurat oder Schiggorat (babylonisch „hoch aufragend, aufgetürmt“; „Himmelshügel“; „Götterberg“) sind typische pyramidenartige Stufentempel Mesopotamiens. Die biblische Überlieferung des Turmbaus zu Babel geht möglicherweise auf einen solchen Zikkuratbau zurück. Der sumerische Bericht, der die Sprachenverwirrung“ erklärt, war den Juden aus der babylonischen Gefangenschaft bekannt.


3. Die Sumerer (Matthias)

Die genaue Herkunft der Sumerer ist bis heute nicht geklärt – vermutlich Einwanderung, aber stark umstritten. Abgegrenzte Kultur und Sprache von nomadisch lebenden semitischen Stämmen und den im Nordosten angrenzenden Völkern Elams ( Elamiter).

Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. lassen sich die Sumerer im Bereich des fruchtbaren Schwemmlandes von Euphrat und Tigris dauerhaft nieder. Bislang verließen die nomadisch lebenden Völkerstämme der Region dieses Gebiet in der Trockenzeit. Kernland der Sumerer ist Mesopotamien – das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris in Nordostsyrien und im Irak ( inkl. dem später Babylonien genannten Gebiet südlich von Bagdad).

Die Sumerer entwickeln neben dem Rad, dem Einsatz von verschiedenen Nutztieren in der Landwirtschaft ( Zugtiere für Pflug und Karren ) auch ein ausgeklügeltes Kanalisations- und Bewässerungssystem, welches das Gebiet von den wiederkehrenden Naturereignissen in Form von Überschwemmungen , Dürre etc. unabhängig macht. Sie wurden in Verbindung mit Viehhaltung und der Vorratshaltung der Ernte die Begründer einer Wirtschaftsform, die nicht mehr nur von dem Prinzip der Gewinnung des Lebensunterhalts beherrscht wurde, sondern Raum für eine komplexere und strukturierte Kultur ermöglichte.

Aber in der Bewässerung lag auch die Keimzelle für den späteren Niedergang. Aufgrund des Salzgehalts des Wassers führte die permanente Bebauung der Böden zu einer zunehmenden Versalzung und dem Rückgang der Ernteerträge. Da das Ackerland durch umliegende Wüsten begrenzt wurde, waren die Auseinandersetzungen zwischen den Siedlungen um die landwirtschaftliche Nutzung der Böden vorprogrammiert.

Aus den einfachen Siedlungen der Sumerer entstehen mit zunehmendem Reichtum durch Landwirtschaft und Handel bis 2.800 v. Chr. immer größere Stadtanlagen mit Stadtmauern, Tempelanlagen und Gemeinschaftsbauten. Zu den wichtigsten Städten zählen Eridu, Ur, Uruk, Lagasch, Umma und Kisch.

Die sumerische Stadt ist ein politisch autonomes Gebilde mit Selbstverwaltung. Das öffentliche Leben spielt sich in den Tempelbezirken ab. Der Tempel war zugleich politisches Zentrum, es herrschte Einheit von „Staat und Religion“. Der Tempelverwaltung oblagen nicht nur religiöse Zeremonien wie Opfer und Feste, sondern auch Planung und Organisation von Bewässerung, Ackerbau, Fischerei, Viehzucht, Handel, Schule und Rechtswesen. Die höchste Würde der sumerischen Tempelstadt besaß der priesterliche Stadtfürst, der „Ensi“. Er war zugleich weltlicher Herrscher, oberster Heerführer, oberster Priester und irdischer Vertreter des Stadtgottes. Umfasste ein „Machtzentrum“ mehrere Städte, oblag dem führenden Stadfürsten bzw. „Ensi“ der Titel „Lugal“ ( großer Mensch / Herrscher ).

Das Leben der sumerischen Stadt war von Ackerbau und Viehzucht beherrscht. Vorrangig wurde Getreide in Form von Gerste etc. angebaut. Bodenschätze und Zedernwälder waren selten, weshalb Rohstoffe zumeist durch Tauschhandel erworben werden mussten. Das gesamte Wirtschaftgefüge war kollektivistisch, öffentliche Arbeit und private Arbeit waren identisch, ebenso wie der Gewinn und das Recht. Privateigentum gab es nur in beschränktem Maße – die Ernte wurde im Tempel gespeichert und nach dortigen Kriterien ( geleistete Arbeit etc. ) an die Bürger verteilt. Voraussetzung hierfür waren eine effektive Verwaltung und schriftliche Aufzeichnungen. Dies wurde durch die Entwicklung der Keilschrift möglich.


Im Stadtstaat bildeten sich durch unterschiedliche Funktionen neben den Landarbeitern und Hirten auch die Gruppen der Priester, Krieger, Handwerker, Kaufleute und Beamte nebst Schreibern heraus. Durch die absolute Macht des von den Göttern ausgewählten Stadtfürsten bzw. „Ensi“ handelte es sich jedoch eher um ein „absolutistisches System“ als einen „religiösen Staatssozialismus“. Verlor der Stadtfürst jedoch die Gunst der diversen Götter - versinnbildlicht durch Katastrophen ( Krankheiten, Einfall von Feinden, Naturereignisse etc. ) - konnte er schnell durch einen anderen „Auserwählten“ abgelöst werden. Dieser rekrutierte sich vermutlich aus der „Versammlung der Ältesten“, an die der „Ensi“ sonst seine Entscheidungen weitergab und durch den Probleme an ihn herangetragen wurden.

Auch sonst war das Leben der Sumerer von der Religion und dem Wirken der Götter bestimmt. Hauptgott war „Enlil“, der zornige Gott des Sturmes, der Flut und der (politischen) Ordnung. Dessen Vater ist „Anu“ oder „An“, der Himmelsgott, vermählt mit der Erdgöttin „Ki“. Dessen Tocher ( oder die des Mondgottes Nanna ) ist ferner „Ianna“, die Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit. Geliebter und Gemahl der „Ianna“ ist der Vegetationsgott „Dumusi“, ein ehemaliger Sterblicher und früherer Herrscher von Uruk. Dieser muss aufgrund eines Verrats von „Ianna“ an ihrer Stelle in der Unterwelt bleiben und darf nur im Frühjahr zur Feier der göttlichen Hochzeit mit „Ianna“ wieder auf die Erde zurückkehren. Die Unterwelt wird von „Ereschkigal“, einer Schwester „Iannas“, und deren Gemahl „Nergal“ beherrscht. Dieser ist der Gott der gezielten ( kriegerischen ) Zerstörung. Freund und Retter der Menschen sowie der Zivilisation ist der Gott der Weisheit „Enki“. Daneben gibt es eine Vielzahl von lokalen Stadtgöttern, wobei häufig identische Gottheiten mit unterschiedlichen Namen bezeichnet werden.

Das Jenseits ist für die Sumerer ein trostloser Ort, an dem jegliche menschliche Größe ausgelöscht wird. Angelehnt an das legendäre Vorbild „Dumusis“ ( s.o. ) erhofften sich mächtige Stadtfürsten die Vergöttlichung. Prächtige Grabbeigaben in aufgefundenen Schachtgräbern ( 1922 in Ur durch Sir Woolsley ) lassen auf entsprechende Vorstellungen auf ein solches „Leben nach dem Tod“ schließen. Durch vermutlich freiwillige Einnahme von Gift ( kleine Gefäße neben den Leichen ) folgten teilweise bis zu 80 Personen (!) ihrem Herrscher in den Tod, um so ggf. Anteil an dessen Vergöttlichung zu erhalten. Zunehmend war die Gesellschaft beherrscht von Misstrauen gegenüber Menschen und materiellen Dingen, was sich in verschwenderischem Totenkult und dem Sintflut-Mythos niederschlägt.

Die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse zwischen den mächtigen sumerischen Städten bzw. deren Einflussbereichen gaben zudem immer öfter Anlass zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit teilweise verheerenden Folgen für die Bewohner. Auch die lebenswichtigen Bewässerungsanlagen wurden dabei in Mitleidenschaft gezogen. Die Ausfälle in der sumerischen Bevölkerung wurden durch Zuzug semitischer Nomaden ausgeglichen, für die die Kultur der Sumerer ein stetiger Anziehungspunkt war. Auch sie werden daher in Mesopotamien zunehmend sesshaft. Als typisches Wüstenvolk bringen die Semiten ( politischen ) Individualismus, gewerbsmäßigen Handel und eine unerbittliche Gesetzlichkeit ( Vergeltung von Gleichem mit Gleichem ) in die sumerische Kultur ein. Durch die Besiedlungsschübe wird der Norden Mesopotamiens im Gegensatz zum Süden zunehmend „semitisch“ geprägt.

Die sumerischen Heere rekrutierten sich in der Regel aus der lokalen Bevölkerung und aus Söldnern, zumeist semitische Wüstenkrieger. Die Hauptmasse stellten schwerfällige, mit Lanzen versehene Infanteristen, welche durch große Schilde sowie Helme und Umhänge aus gehärtetem Leder geschützt wurden. Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. traten zudem frühe Formen eines vierrädrigen Streitwagens auf, welcher durch Wildesel ( Onager ) gezogen wurde. Die Wagenlenker benutzten Lanzen und Speere als Stoßwaffe bzw. Wurfgeschoß.

Nach einer kaum dokumentierten Vorherrschaft des südlichen Besiedlungsraumes um das politische Zentrum Uruk mit seinem frühgeschichtlichen Herrscher Gilgamesch (!), nimmt ab 2.600 v.Chr. das nördlich gelegene Kisch unter dem historisch belegten Herrscher Mebaragesi und dessen Sohn Akka die Führungsrolle ein. Unter Mebaragesi kommt es zu einer erheblichen territorialen Ausdehnung mit Strafexpeditionen gegen die kriegerischen Elamitern. Dies führt schließlich dazu, dass der Ausdruck „Herrscher von Kisch“ später auch von anderen Stadtfürsten zum Ausdruck einer Vormachtstellung ( unabhängig von der Stadt Kisch selbst ) übernommen wird.

So nennt sich auch Anfang des 25. Jahrhunderts v. Chr. der Stadtfürst Mesannepadda während der 1. Dynastie von Ur, die von einer erneuten Stärkung des Südens, gekennzeichnet war, „Herrscher von Kisch“. Abgesehen von reichen Grabfunden ( s.o. ) ist über die politischen Unternehmungen dieser Dynastie ansonsten wenig erhalten. Vielmehr wurden anhand der Art und der Qualität der Grabbeigaben erste Verfallserscheinungen der sumerischen Kultur deutlich.

Zunehmend war politisch eine Tendenz zu kriegerischen „Großreichsbildungen“ erkennbar. Dabei vollzog sich eine Trennung von geistlicher und weltlicher Macht. Die jeweiligen Herrscher konzentrierten sich immer weniger auf religiöse Zeremonien und immer mehr auf die Kriegführung. Das Tempelvermögen wurde „säkularisiert“ und diente dem Herrscher zum Unwillen der auf ihre religiöse Sphäre begrenzten Priester als Grundlage weltlicher Macht.

Dieser Widerstreit von „Tradition“ und „Realpolitik“ wurde am Beispiel der sumerischen Städte Lagasch und Umma auf den Punkt gebracht.

Nachdem auch die Stadt Lagasch unter seinem Herrscher Ur-Nansche die Ambitionen einer „Großmacht“ verfolgt hatte und schließlich gescheitert war, stürzte Mitte des 24. Jahrhunderts v. Chr. ein Vertreter der Priesterschaft mit Namen Urukagina den amtierenden Stadtfürsten. Er versuchte die althergebrachte Ordnung wiederherszustellen. Der (elitäre) Tempelbesitz wurde an das Volk zurückgegeben und die Vormachtstellung der willfährig agierenden Bürokratie eingeschränkt. Urukagina setzte sich für das „einfache Volk“ ein und reformierte das Recht bis hin zur Abschaffung der Ehe einer Frau mit zwei Männern (!). Die friedfertige Politik, die auf die Wiederbelebung einer vom Tempel beherrschten öffentlichen Ordnung zielte, wurde jedoch durch den Vernichtungsfeldzug eines ganz anderen und „typischen“ Herrschers dieser Zeit zunichte gemacht.

Unter dem absolutistisch regierenden Lugalsagesis gingen von der Stadt Umma Eroberungs-züge aus, welche von einer bisher nicht gekannten unerhörten Grausamkeit geprägt waren. So wurde das wenig wehrhafte Lagasch unter Urukagina trotz freiwilliger Aufgabe so gründlich gebrandschatzt, dass es 200 Jahre brauchte, bis wieder eine richtige Stadt aus den Trümmern erwuchs. Lugalsagesis versuchte mit seiner kriegerischen Politik die Handelswege zum Mittelmeer zu sichern, um die stets schwankende Einfuhr von Metall und Zedernholz zu gewährleisten. Ferner trat er dem zunehmenden „Unabhängigkeitsstreben“ von Städten mit vorrangig semitischer Prägung entgegen.

Die Erfolge waren trotz Eroberung so bedeutender Städte wie Uruk, Ur, Kisch, Adab, Eridu sowie Nippur von kurzer Dauer. Lugalsagesis beließ es mangels ausreichender Kräfte zumeist dabei, lokale Größen als „Marionettenherrscher“ einzusetzen, und sich von diesen huldigen zu lassen. Sobald aber das Heer die Gegend verlassen hatte, erhob sich das Volk gegen die Kollaborateure und verjagte sie. Da die Bevölkerungsmehrheit zu dieser Zeit aufgrund steter Einwanderung von Semiten gestellt wurde, gelangten nun vermehrt Personen semitischer Herkunft in die vakanten sozialen Führungspositionen. So schaffte es beispielsweise eine semitische Gastwirtin (!) mit Namen Kubaba in Kisch die Herrscherwürde an sich zu reißen.

Ihr Sohn Ur-Sababa wurde schließlich aufgrund seiner Unfähigkeit von dem Mundschenk Scharrum – Kin, hebräisch Sargon, verjagt. Dieser war lt. Legende als Kind von einer Priesterin im Euphrat ausgesetzt worden. Sargon war Semit und verschaffte diesen eine kriegerische und soziale Vormachtstellung gegenüber den verbliebenen Sumerern. Er gründete unweit von Kisch eine eigene Stadt, die er Akkad nannte. Diese wurde Grundzelle eines semitischen Staates, der die Ausweitung über die bisherigen sumerischen Grenzen anstrebte. Nachdem er den traditionell semitisch geprägten Norden unter seine Kontrolle gebracht hatte, griff Sargon den stärksten „sumerischen“ Herrscher Lugalsagesis im Süden an.

Durch eine Heeresreform und den vorrangigen Einsatz leicht bewaffneter Truppen, die den schwerfälligen Schildwall der Sumerer mit permanenten Geschosshageln zermürbten und direkte Kämpfe vermieden, gelang es Sargon seinem Gegner eine vernichtende Niederlage beizubringen. Diese bewegliche Kampfesweise sollte sich noch über Jahrtausende bis zu den Auseinandersetzungen mit den Römern im Wüstenkrieg bewähren. Lugalsagesis wurde vor dem Enliltempel in Nippur mit dem Hals in einer Nackengabel zur Schau gestellt. Auf die Niederlage folgte die Annexion der verbliebenen Städte Sumers.

Sargon wurde „König der Schlacht“ mit uneingeschränkter Macht, welche allein aus seinem sehr beweglichen Heer resultierte. Mit diesem gelangte er auf Kriegszügen bis nach Syrien und Kleinasien. Er unterwarf Elam und das Gebiet des späteren Assyriens. Die Rohstoff-einfuhr wurde zum Staatsmonopol, um die Versorgung des Heeres zu sichern. Durch Besatzungstruppen und Statthalter in unterworfenen Städten gelang ihm schließlich eine zentral organisierte, allumfassende Monarchie, welche das altsumerische Modell der Tempelstädte bzw. Stadtstaaten endgültig ablöste. Akkadisch wird Verwaltungssprache.

Auch religiös löste Sorgan nun eine Revolution aus, indem er sich zum „Gottkönig“ erklärte, welcher nicht mehr in sumerischer Weise dem Willen der Götter folgte, sondern selbst das Geschehen und den Geschichtsablauf beherrschte. Diese soziale und religiöse Revolution war zugleich Voraussetzung für die überlieferten Gesetzessammlungen folgender Herrscher. Sargon herrscht 56 Jahre, seine Söhne werden jedoch ermordet und auch seinem Enkel gelingt es nur bedingt, das riesige Reich zu stabilisieren. Ca. 2.191 v.Chr. endet die akkadische Dynastie mit dem Einfall der Gutäer und anderer auswärtiger Völker.

Von 2.112 bis 2004 v. Chr. entsteht unter der Herrschaft der 3. Dynastie von Ur noch einmal ein Reich mit sumerischer Prägung. So wird sumerisch wieder Amtssprache. Doch der Druck auswärtiger Gegner – in diesem Fall aus dem benachbarten Elam – bringt dieses trotz eindrucksvoller Tempelbauten ( Zikurrate ) schwache „neusumerische Reich“ bald wieder zu Fall. Sumerisch stirbt bis 2000 v.Chr. als Sprache langsam aus. Das Machtvakuum wird von der ca. 1894 – 1830 v.Chr. von Amoritern gegründeten semitischen Stadt Babylon gefüllt.


Mythentheorie

1. Andreas - Papier vom 22.1.2009


Einige Überlegungen zu Begriff und Wesen des „Mythos“

(Leicht bearbeitete Auszüge aus: „Zur Rolle der Frau in der attischen Tragödie“)

Der Konsens zur Definition von „Mythos“ reduziert sich auf „traditionelle Erzählung“. Das ist nicht viel und bleibt eng an der direkten Wortbedeutung des griechischen Terminus. Mythos ist unter formalen Gesichtspunkten eine tendenziell offene, erzählende Sequenz.

Einen eingrenzenden Zugang bieten verschiedene Gedanken zu Entstehung, Entwicklung und Funktion von Mythen.

Nach Erich Fromm „geht der Mythos aus dem Unterbewußten der Menschheit in ähnlicher Weise hervor, wie der Traum aus dem Unterbewußtsein des Einzelnen“, wäre also notwendig auftretende, gleichwohl aber nicht zu steuernde Verarbeitung von Realität.

Die Gegenposition scheint vertreten von Horkheimer und Adorno, die annehmen, daß Mythos begreiflich machen, erklären will und also durch dieses Wollen so etwas wie (aktive) Aufklärung ist. Aufklärung aber mit dem Ziel der Erkenntnis der Ohnmacht.

Bei Hans Blumenberg geht der Ansatz der bewußten Entstehung bzw. Schöpfung des Mythos mit der Funktion desselben Hand in Hand - hier auf die Formel gebracht, daß Mythos ein „Stück hochkarätiger Arbeit des Logos“ sei, in der Absicht, mit dem „Schrecken des Realen“ durch „Schaffung eines Sinnganzen“ zu versöhnen. Seine Aufgabe ist es, „Modelle zu offenbaren und damit der Welt und dem menschlichen Dasein eine Bedeutung zu verleihen“. Durch Komplexitätsreduktion füllt er die Lücke, die Rationalität nicht schließen kann.

Oder werden die alten Erzählungen eher beiläufig zu Mythen - durch stetig wiederholtes Aufgreifen der Themen in bildender Kunst und Literatur, durch immer wieder Erzählen, Neuerzählen, Weiterspinnen, Umdeuten?

Mythos ist also im Fluß. Aber gerade die verschiedenen erfolgenden Umdeutungen und Schwerpunktssetzungen deuten auf die politische Dimension des Phänomens hin:

„Das nämlich war seit jeher das Bestreben derer, die Mythen gedeutet haben: die Bedeutung der mythischen Erzählung eindeutig werden zu lassen, sie zu präzisieren und festzulegen, um so beispielsweise dem Gründer eines Gemeinwesens mythischen Glanz zu verleihen, um Vorbilder zu schaffen, die zur Nachahmung einladen, um bestimmte Aspekte von Entwicklungen unsichtbar werden zu lassen, schließlich auch, um Mut zu machen und Selbstvertrauen zu geben.“ Hier sieht Münkler Deutungseliten am Werk, die sicher eine bedeutende Rolle spielen. Nichtsdestoweniger wäre eine Gleichsetzung von Mythos mit Ideologie (im Sinne von herrschaftsstützender Fehlmeinung) zu kurz gegriffen.

Über diese erzieherische, handlungsanleitende Dimension hinaus ist Mythos auch auf subtilere Art soziologisch-politisch:

„Myths (...) constitute a discourse (...) through which members of the community - those who share the same myths - use the past to think about the present.“

So Tyrrell und Brown. Und weiter:

„Mythic discourse is political in that a group of people identify themselves as related to one another and distinct to other groups by telling the same myths.“

So ein „Mythos“, ob zu Ödipus, zu Beowulf oder Gilgamesch hat also vielfältige Bedeutung, Wirkung. Wie ungleich höher müsste diese Bedeutung sein, wenn eine solche „traditionelle Erzählung“ als verbürgter Tatsachenbericht aufgefasst würde. Um diesen Gedanken im Blick zu behalten, hier noch eine weitere (allerdings auf die Griechen bezogene) Passage aus der „Rolle der Frau“:

Die Frage nach der Wahrheit der Mythen scheint aber eine in der historischen Perspektive konstruierte, oder anders ausgedrückt, eine für den Zeitgenossen sich nicht stellende zu sein.

„The authority imparted by time and by the voice of Homer and countless other poets had conditioned the Greeks to believe that their myths held truth.“

Oder direkter:

„Der Mythos war grundsätzlich wahr.“

Bis zu Thukydides, dessen Darstellungsobjekt Peloponnesischer Krieg und vielleicht auch dessen Persönlichkeit den Ausgang des 5. Jh., den Abgang des klassischen Athen und damit auch der Hoch-Zeit der Tragödie markiert, ist das genannte Verhältnis Mythos - Geschichte offensichtlich überaus unkritisch und gleichsetzend betrachtet worden. Die Forschung ist sich daher in der Beurteilung der Begriffe als im Verständnis der Zeit (annähernd) gleichbedeutend einig.