Nibelungenlied

Aus Epen-Zirkel-Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Symposien

  • 13.08.2009 - 20:30 Uhr bei Tobias. Themen: Einführung und erste Textpassagen, Nachwort Grosse. Wir lesen Brackert: Ende 3. Aventiure.
  • 2.09.2009 - 20:30 bei Tiemo 4. und 5. Aventiure gelesen
  • 12.9.2009 - 20:00 Wanderhütte bei Dörscheid am Rhein. Bis Ende 9. Av. gelesen. siehe auch unsere Fotos
  • 30.09.2009 - 20:45 bei Tiemo. Andreas: Die Edda und das Nibelungenlied. Gelesen bis Ende 14.Av.
  • 14.10.2009 - 20:30 bei Matthias. Matthias-Vortrag: historischer Kontext Siegfried-Arminius, Burgunden-Römer; Dietrich von Bern. Bis Ende 16. Av. gelesen.
  • 05.01.2011 - 20:00 bei Matthias. Erstmal wieder reinkommen. Bis Ende 18. Av. gelesen.
  • 26.01.2011 - 20:30 bei Andreas. Bis Ende 20. Av. gelesen.
  • 10.02.2011 - 20:00 bei Matthias. Bis Ende 24. Av. gelesen.
  • 23.02.2011 - 20:30 bei Tobias. Bis Ende 28. Av. gelesen. Kurze Diskussion über Reflexions-Lektüre: Blumenberg: Arbeit am Mythos. Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. Planung einer kritischen Lektüre der Rezeption des NL während des Nationalsozialismus.
  • 28.02.2011 - 20.30 bei Matthias. Bis Ende 34. Av. gelesen.
  • 10.03.2011 - 20.30 bei Tiemo. Bis Ende 39. Av. gelesen (Ende des NL).
  • 23.03.2011 - 20.30 bei Andreas. Rezeption des NL während des Nationalsozialismus.
  • 13.04.2011 - 20.30 bei Tiemo. Rezeption von der Romantik bis Wagner. Langs Film Teil 1.
  • 26.04.2011 - 20.30 bei Tiemo. Rezeption von der Romantik bis Wagner - Vertiefung der Thesen. Langs Film Teil 2.
  • 12.05.2011 - 20.30 bei Tobi. Unsere abschliessene Interpretation.
  • 18.05.2011 - 20.30 bei Matthias. Unsere zweite abschliessene Interpretation.

Fragen, Kurzeinträge, Thesen, Literatur.

Fragestellungen

1. Was unterscheidet Mythologie von Religion? Wenn es im ersten Teil vom NL um mythologische Resonanz geht, stellt sich die Frage, ob hinter dieser Mythologie ein Sinn steht, eine Antwort auf die Frage nach Ursprung und Ende, oder eben Sinn auf ganz andere Weise generiert: Liebe, Treue, Kampf? Es stellt sich auch die Frage, inwiefern Epen die Roman-Funktion übernahmen, die Lukács definierte: der Roman ersetzt das in der Moderne nicht erfüllte Bedürfnis nach Transzendenz, nach einem metaphysischen Zuhause.


2. Wie wichtig ist das Treue-Motiv? Zumindest das Wort ist dominant. Was ist Treue? Wer ist treu?


3. Was baut eigentlich den übergreifenden Spannungsbogen im NL auf? Worum geht es?


4. Was für ein Held ist Siegfried (Hybris, naiv, unbescholten etc.)? Vor allem Eines: unbekümmert! - Gegenpol des "Kümmerers", des grimmen Hagen - grimm ob der Last des ständigen Bedenkens, Grübelns. Seliger Siegfried! Und überhaupt: was zeichnet einen Helden aus, was ist ein Anti-Held? Übt NL Kritik am Helden-Epos, indem Helden unmöglich werden? (NL weniger Helden- als vielmehr höfisches Epos. Heldenepos: 1 menschlicher Held. NL: diverse ausgezeichnete Recken einerseits und andererseits Überlagerung durch das Höfische.) Ironisiert NL die Heldenfrage? Siegfrieds Vorstellung am Hof Worms ist Hybris-artig: Ich schlage alle, ich nehme mir alles. Keine Spur von Weisheit. AV2, 55: Holt sich gewaltsam, was er will. 88: schlachtet für den Nibelungenschatz 700 Krieger und 12 Riesen, später aus Spaß Löwen, Elche, Bären, Wisente...


5. Hybris-, Minne- und Treue-Motiv: wie verhalten sie sich zueinander? Ist Minne Glaubensersatz an das Transzendente, damit Immanenz-Erscheinung? Was ist/bedeutet Liebe zu einer Frau und zu einem Mann?


6. Welche Rolle spielen Frauen? Mit Kriemhield geht's los, sie verbindet die beiden großen Teile, sie initiiert große Ereignisserien. Krimhild, die Klammer des Epos. Brunhild, die Klammer zu den alten Sagen. Wenn Frauen aktiv werden, dann öffnet sich der Himmel und es regnet Unheil und Grauen. Sie dürfen nicht unterschätzt werden. Sie dürfen gar nicht zu (widernatürlicher) Aktivität gereizt werden, müssen also gut behandelt werden. Dann kann die natürliche Ordnung bestehen bleiben. Frauen sind der Ausblick in eine individualistische Zukunft (siehe erweiterte Minne-These V 5) Ein bestimmtes Verhalten Frauen gegenüber macht auch das "Höfische" aus (siehe auch Subversions-These V 10).


7. Hagen, der Wissende: AV 3, 84: berichtet über Siegfrieds große Taten, erkennt ihn, erwähnt ganz kurz den Drachenkampf (100).


8. Siegfrieds Riss im schützenden Hautpanzer ist zugleich Möglichkeit des grundlegenden Risses in der Großhandlung. (Vgl I. 12, IV. 6, V. 9)


9. Siegfried: kämpft mit dem Schwert Balmung.


10. Kriemhild träumt in AV1, 11: von ihrem Schicksal, stemmt sich dagegen (keinen Mann kennenlernen), doch dann verliebt sie sich in S.


11. Was heißt es, ein „wahrer Ritter“ zu sein?


12. Gibt es eine "Epos-Entwicklung" vom Gilgamesch (Menschliche Handlungen werden durch uneinheitliche Gottesmacht gelenkt), über Beowulf (Menschen handeln selbstständiger, sind aber mystischen Kräften - Drachen & Monstern, ausgesetzt) zum Nibelungenlied (bei dem der Mensch nur noch durch rein menschliche gegenseitige Beeinflussung nicht seine Handlung voll kontrolliert)? (Vgl. I. 8, IV. 6, V. 9)


13. Was verbindet die verschiedenen Epen? - Länge, Verse, übergreifende Themen mit Völkern, Ländern und vielen handelnden Personen und mystischen Kräften (Göttern, Monstren, Drachen, und mystischen zwischenmenschlichen Strukturen)?


14. V150 Schicksalsmotiv: Sterben wird, wer dem Tod verfallen ist.

15. V155: Wahre Freundschaft: Vertrauen, Tapferkeit, Dank.

16. V175: Übermuts-Motiv. V381: Eifer bringt Unheil.

17. V198: andauernde körperliche Konfrontation: scharfe Schwerter, tiefe Wunden, Blutströme, Frauen, die Leid ertragen, Kampf, Sein-Leben-Lassen ...

18. V207: Siegfried hat das Schwert Balmung. Tatsächlich: er hat es einfach. Die, vermutlich bekannte, Geschichte dieser trefflichen Waffe ist dem NL-Dichter nicht wichtig.

19. V224, 238: Liebesmotiv Kriemhild-Siegfried ist an den Sorge und Kampf gebunden: Übermittlung von Nachrichten über den Zustand, Freude über erschlagene Gegner, den Sieg.

20. V230: Siegfried vereint alle Tugenden.

21. V232: Es geht darum, die Ehre ohne Makel zu bewahren.

22. Warum ist Siegfried so stark? Vermutung: externer Verweis auf die Edda-Geschichten. man kennt den überstarken Siegfried bereits ...

23. Schlacht gegen die Sachsen: alle sind Helden, nur die Burgunder sind Über-Helden. Das Nibelungenlied protzt nur so vor Lob nach allen Seiten über Tapferkeit, Schönheit etc.

24. Das Niblungenlied etabliert ein Wettkampf auf allen Ebenen (vgl. V271): vom richtigen Kampf, zum anschließenden Turnier, zum Kampf mit Brünhilde im Bett ... Liest man hier etwas Krankhaftes, ein Sich- ständig-beweisen-müssen? Ist es eine Unruhe der Immanenz, in der keiner göttlich sanktioniert einfach besser ist? Ständiger Konkurrenzkampf als Ausdruck sozialer und/oder wirtschaftlicher Verschiebungen?

25. Gibt es im Nibelungenlied eine richtige Reflexionsebene? einen Weisen, einen Alten? Bei Siegfried scheint es ja quasi aus seiner Natur herauszuwachsen. Als Siegrfried & Co. zum Brünhilde-Ausflug rüsten, klingt alles spontan, Entscheidungen werden erst kurz vor den Ereignissen getroffen, kurz und wenig überzeugend, vielmehr naiv, ohne Bedenken der Folgen. Eben unbekümmert.

26. V296: Neid!

27. V324, 328: Ankündigung von Siegfrieds Tod und des Tods der anderen Helden. Es gibt eine Art Schicksalsmotiv, unbewusst auf der Ebene der Akteure - bis auf Kriemhild und ihren Traum, den sie aber offensichtlich nicht ernst nimmt. Erst der Erzähler hat im Nachhinein den Überblick ... V337: immer wieder Vorgriffe auf den Ereignisverlauf.

28. V336: Tarnmantel.

29. V360: sich schön kleiden, zur Hochzeit, Seide,Brokant.

30. Am Ende der 6. Aventiure scheint Siegrfried schlauer zu werden, während der Planung zum Brünhilde-Ausflug. Was bedeutet der Ausdruck 'listig' hier? Was ist nicht-listig? Und: wie steht es um die Paare listig-weise, listig-naiv?

31. Warum interveniert Hagen nicht entschieden vor dem Brünhilde-Auszug?

32. Was heißt Liebe im NB?

33. Der Königinnenstreit (Av. 14) ist der Punkt an dem sich eine Spirale ohne Umkehr bis zur Vernichtung der Nibelungen entwickelt.

34. Warum riskiert Siegfried, dass Brünhild von Kriemhield Ring und Gürtel zu sehen bekommt und die unaufhaltsame Krise einleitet? In der 11. Av. (714) wird Siegfried in der Siegmund-Nachfolge zum gerechten Herrscher inkl. Rechtsprechung, in der 14. Av. zeigt die aufgebrachte Kriemhild (B. bezeichnet S. als einen Eigenmann)Ring und Gürtel, die ihr S. wohl plus Geschichte gab! Wie erklärt sich diese Einfältigkeit? Ist es eigentlich, aus der Sicht der Zeitgenossen, unwichtig, wie genau die Krise eingeleitet wird, da sie als Schicksal so wie so irgendwann kommt? Ist daher auch die Konsistenz von S.s Charakter dem untergeordnet?

35. Gunther, der König, zeigt wiederholt Schwächen: seine Leidenschaft für Brünhild, sein Einlenken in Hagens Mordplan (872ff.).

36. 16. Av. 934ff.: Auffallend ist, dass S. hier als "Jäger" ein Tier nach dem schlachtet, wie ein Massaker, und dann selbst aufgespießt wird. Intensives Todesthema.

37. Was ist ein "Held" und ein "Heldenepos"? Wann kommt dieser Diskurs auf? Im NL werden die Recken oft auch "Helden" (mhd) genannt. Es scheint, es meint einfach nur: tatkräftiger Mann, einer, der Ereignisse beeinflussen kann, einer, der Macht und Herrschaft erfolgreich ausübt, unter gewissen moralischen Rahmenbedingungen (H.s Ermordung S.s ist keine Heldentat).


38. Was war das weibliche Schönheitsideal der Zeit? War die mannsstarke Brünhilde erotisch? Warum ist sie so anziehend für Gunther?

39. Um Siegfried herum geht es immer wieder um Freundschaft, gute Freunde, etwa V 1054.

40. Warum wird aus Siegfrieds Sohn keine Rache-Träger? (V 1090)

41. Wie groß ist der Kreis der Mittwisser um den Mordplan für Siegdried? Siehe 865.

42. Nach Siegfrieds Tod gibt es keine große Aufruhr, es geht eher ums vertuschen, Räuber-Geschichte etc. V 1000.

43. Kriemhild liebt Siegfried innig, klassisch, oder? V 924.

44. Übermut-Motiv: etwa bei Brünhild.V 1100.

45. 20. Av.: Wusste Rüdiger vor dem Werbezug für Etzel und seinem Kriemhild-Versprechen (sie bedingungslos zu rächen, sofern es zu Kränkungen kommt)von Siegfrids Ermordung? Es scheint nicht so. Rüdiger (1201) kommt gut mit Hagen und anderen aus. 1733: Als "Kunde" ist an Etzels Hof bekannt, dass Hagen Siegfried erschlug. Etzel scheint aber nichts davpn zu wissen.

46. 20.-21. Av.: Es geht immer wieder darum, Kriemhild 'fröhlich' zu machen. Was ist das für eine Stimmung?

47. 20.-21. Av: Zusammenhalt wird immer wieder mit einem Appell an Freundschaft ('Freunde') in Verbindung egbracht. Etwa 1246, 1282.

48. 1214: Es scheint erstaunlich, dass sie Hagen nicht gegen die anderen durchsetzt (Verhinderung der Werbung).

49. In der 19. Av. kommt es zum Klimax der Aufweichung des Höfischen und der Werte. In Brackert (1994) ist hierzu ein guter Kommentar (keiner straft Hagen etc.), S. 284, Note 113: man zürnt, greift aber nicht ein, zögert, vertagt ...

50. Brünhilde verschwindet mit dem Gunter-Siegfrid-Komplex als Akteurin.

51. 1335, 1353: Erstaunlich ist das Lob der Vielfalt von Brauchtümern, des Harmonierens von Heiden und Christen an Etzels Hof.

52. In welchem zeitlichen Verhältnis steht das Nibelungenlied zu anderen höfischen Romanen und den Artus-Erzählungen?

53. 1756: zu bedenken: Hagen war als Kind und Kind-Gefangener bei Etzel.

54. 1676: immer wieder geht es im NL um das Motiv der "Heimatlosigkeit", und zwar als Leben in einem fremden Land (Rüdiger, Kriemhild).

55. Merkwürdig ist immer wieder, dass Etzel die Burgunden ohne jeden Argwohn empföngt und bewirtet, obwohl ja eine Kunde grassiert. Etwa 1806ff.

56. 33 Av.: warum Dietrich mit Etzel und Kriemhild aus dem Saal nach einfacher Anfrage einfach abziehen darf, bleibt unklar.

57. 2005: Hagen denkt an Etzels Hof durchaus an die Möglichkeit einer Rückkehr ins Burgundenland.

58. Was für ein Charakter ist Volker, der Spielmann? Er wird der engste Freund, Waffengenosse von Hagen im Endkampf. Warum verbindet er Musik und Grauen (als wild Tötender)? Warum tötet er mit der Fiedel, spielt Musik bevor er schlachtet, tötet ohne klares oder nachvollziehbares Motiv? Etwa: 32. und 33. Av. Ist Volker ein entfremdeter Siegfried, soigelt er Hagens Entfremdung?

59. Das Wort: Recken wird oft synonym mit: Helden verwandt. 1821, 1822. Es gibt schwache Helden, starke Helden, vor allem aber: viele, sehr viele Helden: Das NL ist also nicht, wie Beowulf, auf wenige, oder nur einen, Helden zentriert. Und doch (siehe Subversions-Thesen 1+2) ist der mächtig-übermächtige Krieger zentrale Figur beider Codes: des Höfischen und des Archaischen.

Wobei generell Helden in "schwächerer" häufigerer Form im NL genutzt werden als das im Beowulf oder Gilgamesh. Einer Definition wie folgender modernerer entspricht das nicht.

Ein Held (griechisch ἥρως hḗrōs, althochdeutsch helido) ist eine Person mit besonders herausragenden Fähigkeiten oder Eigenschaften, die sie zu besonders hervorragenden Leistungen, sog. Heldentaten, treibt. Dabei kann es sich um reale oder fiktive Personen handeln, also um Gestalten der Geschichte, aber auch der Legende oder Sage. Die Taten des Helden können ihm entsprechenden Heldenruhm bescheren. Seine heldischen (auch heldenhaften oder heroischen) Fähigkeiten können von körperlicher Art (Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer etc.) oder auch geistiger Natur sein (Mut, Aufopferungsbereitschaft, Einsatzbereitschaft für Ideale oder Mitmenschen). Helden stehen meist in einem Gegensatz zum Schurken oder Feigling (Neiding).

60. 2114: was bedeutet hier das Trinken vom Blut der Gefallenen (unter denen: Freudne und Feinde) in der brennenden Halle, sowie Hagens Aufforderung hierzu?

61.1586: Hagen, der Orakelgläubige, der sich dem Schicksal fügt? Nachdem der er den Kaplan nicht ertränken konnte, teilt H. allen mit, dass sie nie mehr in das Land der Burgunden zurückkehren werden.

Charakterisierungen

- Siegfried - Unbekümmert

- Hagen - Grimm. sehend. gefühlsmäßig getrieben, in der konkreten Handlung aber immer rational. - Der Kümmerer. - Strukturfanatiker.

- Kriemhild - Im Wandel. Zunächst unschuldig. Am Ende schuldig. Immer Opfer. Kriemhild ist die Zeichensetzerin - die unvermögende Setzerin, nicht die Herrin der Zeichen. (Gütel, Ring, Schulterblattkeuz, Träume)

- Gunther - Unbehaglich, entscheidungsschwach, inkonsequent, Zauderer

- Gernot - Der Diplomat

- Volker - Der Wahnsinnige Fiedler


Vergleiche mit anderen Erzählungen und Topoi

1. Kriemhild und Helena: die Schönsten im Lande (AV1), geben Anlass zum Krieg.


2. Siegfried und Enkidu: Wildheit, Naiviät, gezähmt durch die Verhandlungstechnik Gernots (AV3, 123ff.). Dann wird er ein guter Hof-Gefährte, Turniere etc. Dann Treue zu Gunter bis zum Tod.


3. Siegfried und Arminius: [Matthias]


4. Das Ankunfts/Fremden-Thema in NL und Beowulf: AV 3, Worms, Ritual des Fremden (Siegfried), der letztlich für Liebe dienen will (wie Beowulf für Ruhm).


5. Hagen und Unferth? Parallelen? Hagen und Unferth berichten über die Taten des Helden, und bekommen unangenehm seine Stärke zu spüren, werden (zumindest zeitweise) Gegner.


6. Grendel-Siegfried: haben eine undurchdringbare Haut. Insofern ist Siegfried auch Monster (VERGLEICHBAR DEM; DAS ER VORHER SELBST ERSCHLUG?)(Vgl. I.8, I.12, V.9)


7. Siegfrieds ungeschützte Hautstelle auf dem Rücken und Achills Ferse.


8. Hagen warnt vor dem Auszug (1203ff.) wie Enkidu vor Humbaba-Reise, wird dann zum entschlossenen Mitstreiter.

  Beide sind irgendwie Verwandte, irgendwie auch Dienstpflichtige.


9. Das Nibelungenlied ist kein Heldenepos - es gibt keine durchgängige menschliche Heldengestalt, wie Beowulf oder Gilgamesch.

10. NL und Lieder-Edda: viele Überschneidungen, die von Andreas noch konkret ergänzt werden müssten. Da die Lieder-Edda wohl 1370, das NL 1320 (?) abgefasst wurden, stellt sich hier die Frage der Rezeptionsrichtung und nach einem gemeinsamen Metaerzählungsraum. Wandert etwa im Rahmen der sog. Völkerwanderungen und der anschließednen Christianisierung eine mittel-nordeuropäische (heidnische) Religion nach Skandinavien etc. aus, so dass die Göttersagen der Lieder-Edda den Kontrapart der Teile bilden, die sowohl in der Edda als auch im NL als Heldensagen vorkommen?

Laut Volker Honemann (bei Wein am 10.10.09) ist der Inhalt Edda eher als vorher bekannt anzusehen.

12. Bülow-Rede 1909 ("Nibelungentreue") ist vergleichsweise unschuldig.

13. Kain erschlägt Abel, den Begnadeten, den Liebling der Götter. (Ein Gedanke von Fernau, S. 96)


14. Edda:

(um 1220 Snorri-Edda, auch Prosa-Edda, eher unscharf auch Jüngere Edda genannt; um 1270 Lieder-Edda, eher unscharf auch Ältere Edda, eher falsch auch Saemundar-Edda genannt; Edda = Elternmutter / Großmutter)

hier einige Motive der Lieder-Edda, die engste Verwandtschaft mit dem NL aufweisen:

Lieder-Edda 18, Helgi Hiörwards Sohn: Ein "Atli", der für jemand anderes um "Sigurlinn" freit, kann die Vögel verstehen. Helgi, dem Sohn der Sigurlinn (und Wiedergeburt von Helgi dem Hundingstöter (s. LE 19)) singt eine Walküre (die er später heiraten wird) von einem besonderen Schwert.

Lieder-Edda 19, Das 1. Lied von Helgi dem Hundingstöter: Sigmunds Sohn Helgi, der "Freund der Wölfe", Sinfiötlis Bruder, erschlägt im Alter von 15 Jahren den Hunding.

Lieder-Edda 20, Das andere Lied von Helgi dem Hundingstöter: "Sigmund, Wölsungs Sohn ... und seine Nachkommen heißen Wölsungen und Ülfinge (Wölfinge)." König "Högni" hat eine Tochter "Sigrun". Sie ist Walküre. Helgi und Sigrun heiraten. Sigruns Bruder erschlägt Helgi.

Lieder-Edda 21, Sinfiötlis Ende: Sigmund, Wölsungs Sohn, ist mit Borghild verheiratet, der Schwester "Gunnars". Sinfiötli erschlägt seinen Onkel Gunnar, woraufhin Borghild Sinfiötli vergiften will. Sigmunds Sohn mit Hjördis ist wiederum Sigurd, der "allervorderste". (Sinfiötli ist nach Simrock der "Fitela" des Beowulfliedes.)

Lieder-Edda 22, Das 1. Lied von Sigurd Fafnirstöter: Sigurd wird geweissagt, der mächtigste Mann auf Erden zu werden, dass er den "Wurm" auf der "Gnitaheide" sowie Regin und Fafnir fällen und den Hort heimführen wird, dass er die auf dem Felsen schlafende Fürstentochter erwecken wird. Er wird Brünhild lieben, sie aber an Giukis Hof vergessen durch die Tücke Griemhilds, welche ihm dann die eigene Tochter Gudrun geben wird. Er wird für Gunnar um Brünhild werben. Er wird mit Gunnar die Gestalt wechseln. Högni wird dabei sein. Sigurd wird keusch bei Brünhild liegen aber die Brüder Gunnar, Högni, Guthorm werden sein Verderben bewirken.

Lieder-Edda 23, Das andere Lied von Sigurd Fafnirstöter: Regin übernimmt Sigurds Erziehung. Fafnir und Regin bekommen die Goldbuße der Asen. Fafnir übervorteilt Regin. Fafnir liegt als Wurm auf der Gnitaheide. Regin schafft Sigurd das Schwert "Gram".

Lieder-Edda 24, Das Lied von Fafnir: Sigurd ersticht den Fafnir-Wurm. "Das Gold, der Schatz, die Ringe verderben Dich!" Durch Drachenblut kann Sigurd die Vögel verstehen, die weisen ihm den Weg zu Giukis Tochter. Sigfrida schläft auf einem Felsen, feuerumlodert.

Lieder-Edda 25, Das Lied von Sigfrida: Sigurd erweckt die Walküre Sigfrida.

Lieder-Edda 26, Bruchstücke eines Brünhildsliedes: Gunnar will Sigurd töten. Högni vermutet, dass Brünhild aus Eifersucht auf Gudrun dahinter steckt. Sie töten Sigurd. Ein Rabe ruft: "In Euch wird Atli das Eisen röten."

Lieder-Edda 27, Das 3. Lied von Sigurd Fafnirstöter: Sigurd freit Gudrun. Fahrt zu Brünhild. Sigurd gewinnt Brünhild dem Gunnar (das Schwert liegt zwischen Ihnen). Högni will Gunnar nicht helfen, Sigurd zu töten, wie Brünhild es verlangt. Aber Guthorm, der jüngste Bruder, tötet SIgurd. Brünhild ist die Schwester Atlis. Gudrun, dem Atli vermählt, tötet diesen im Bett.

Lieder-Edda 28, Brünhilds Todesfahrt: Gudrun hat Brünhild und Sigurd fälschlich beschuldigt.

Lieder-Edda 29, Das 1. Gudrunslied: Gudrun hat von Fafnirs Herz gegessen, kann die Vögel verstehen.

Lieder-Edda 30, Der Mord der Niflunge: Atli, mit Gudrun vermählt, tötet Gunnar und Högni, weil sie am Tode Brünhilds schuld tragen.

Lieder-Edda 31, Das andere Gudrunslied: Dietrich ist bei Atli. Gunnar und Högni wollen Gudrun Lösegeld für den toten Sigurd zahlen. Gudrun wird dem Atli vermählt.

Lieder-Edda 32, Das 3. Gudrunslied: Dietrich wird bei Atli der Unzucht mit Gudrun beschuldigt. Ein Gottesurteil entlastet Gudrun.

Lieder-Edda 34, Die Atlisage: Gudrun rächt den Tod ihrer Brüder an Atli.

Lieder-Edda 35, Grönländisches Atlilied: Nibelungenschlachtung an Atlis Hof. Rache Gudruns an Atli.

15. Odysseus: Hagen und Odysseus sind listig (mhd: liste, vgl. 1479). Was unterscheidet ihre Listigkeit? Auch Krimhild ist listig, planerisch, kann sich verstellen.

16. Artus-Erzählungen: hier ist der Gral, das Christliche konstituierend, nicht so im Nibelungelied. An Etzels Hof sind auch die Heiden gut. Sind es "edle Wilde" im Sinne Karl Mays?

17. Siegfried ist Friedrich Barbarossa - so zumindest Richard Wagner 1848: "Dort, im Kyffhäuser, sitzt er nun, der alte Rotbart Friedrich, um ihn die Schätze der Nibelungen, zu Seite ihm das schafe Schwert, das einst den grimmigen Drachen erschlug." Wagner (hier zitiert nach Münkler) kommt von der etymologischen Konstruktion Nibelungen - Wibelungen - Waiblingen - Ghibellinen auf den Weg von den Nibelungen zu den Staufern.

Übergreifende Thesen

1. Immannenz-Epos: Im Gegensatz zur Völsungensaga und Wagners Aneignung, geht es, ähnlich wie im Beowulf, um eine immanente Handlungsdynamik ohne (göttliche) Metaebene. Ereignisse generieren Ereignisserien, deren Teil Helden und alle andere Personen sind. Doch was sind die Ereignis-generierenden Elemente? Taten. Also: was sind Taten? Gefragt wäre eine Typologie von Taten (wichtig/unwichtig, von wem etc.)


2. Gunther-These: Im NB geht es um einen (Gilgamesh-artigen) archaischen Herrscher, der ohne Rücksicht auf sein Volk eigenmächtig-leidenschaftlich handelt. Seine Entscheidung, Brünhilde zu erlangen, leitet die entscheidende Wende ein. Ihm fehlt ein Enkidu, Hagen interveniert zu spät, verstärkt letztlich die Schicksalsspirale.

Nein, glaube ich nicht. Gunther ist kein Tatmensch. Er ist Zauderer. Seine wenigen eigenen Entscheidungen (Brunhild, Etzel) sind dann auch fatal.

3. Trieb-These: NB muss aus der Perspektive der Autoren als ein nicht harmonisiertes Triebspiel unterschiedlicher Kräftekonstellationen gelesen werden (Minne, Sex, Kampf, Töten, Sieg etc.), die sich ineinander so verwringen, dass daraus eine unentrinnbare Schicksalsspirale wird.

4. Held-ohne-Ort-These: Siegfried hat keinen richtigen Ort in der Geschichte (Ja scheinbar vergisst er selbst seinen Ort: Auf dem Rheinzug kommen die Recken mehrfach an Worms vorbei, ohne dass er aussteigen oder den Umstand auch nur erwähnen würde.), er wandert ständig, behauptet sich, um annerkannt zu werden, sich endlich stabil zu sozialisieren und Freunde zu gewinnen. Doch wirkt seine Energie letztlich als ein treibendes Moment der Tragik, die alle umkommen lässt, indem er Wünsche/Triebe für andere realisiert, die den ganzen Burgunder Hof unhaltbar destabilisieren. S. ist also ein Held ohne Ort, einer, der in der höfisch-verwalteten Gesellschaft archaisch-überholt wirkt. Hierher könnte auch der standpunktlose S. gehören, der seine destabilisierenden Kräfte überall einsetzt, ohne entschieden gegen das zu stehen, was er selbst für Falsch hält. Hagen versucht hingegen beständig, S. einzuordnen (erste Ankunft von S.,etc.) und später auszuschließen. S. als der Übermensch, der das ganze Hofsystem von Wettkämpfen und Minne als beständiges Sich-Beweisen und Verbessern und Messen außer Kraft setzt, da er einfach der stärkste, schönste, listigste, lustigste ist etc., wird genau vor seinem Tod in der Jagdszene der 15. Av. deutlich. Umgekehrt und spiegelbildlich erfodert seine Auslösung aus der Hofgemeinschaft (sein Tod) eine Aufhebung der Hof-Formalien (Treue, guter Rat, Tugend etc.). In der 16. Av. kollabiert das Hofsystem, zentrale Werte werden ausgehöhlt, sinnleer (vor allem: Treue, Vertrauen). Hagen führt in 993 als Motiv der Ermordung an: Angst vor S., Schmach von ihm (sórge, leit), seiner Herrschaft (hêrschaft)ein Ende setzen. S. der Ortlose könnte in dieser Perspektive als auch als der Unberechenbare erscheinen, wie ein wildes Tier, das sich in alle Richtungen wenden kann.

5. Minne-These: NB ist eigentlich eine höfischer Minne-Erzählung. Siegfried kämpft für Kriemhild, Gunther will Brünhilde. Ihre blind-individualistiche Liebe harmonisiert nicht, ihre Verschränkung führt in den Untergang.

Sehe ich nicht. Gunther liebt nicht, schon gar nicht individualistisch. Er folgt irgend einer fixen Idee, eingeimpft oder wenigstens kompatibel mit einer gesellschaftlichen Erwatung an ihn. Siegfried liebt nicht. Vielleicht begehrt er (vielleicht nicht mal das). Minne ist für ihn ein Spiel (wie Alles). Eventuell ist auch das ein Zug des Höfischen Epos: Tapfere Recken werben halt um schöne Damen... Andere Minne-These: Die Frauen können (schon individualistisch und leidenschaftlich) lieben. Kriemhild tut das. Brunhild tut das. (Beide den Siegfried - seliger Siegfried)

6. Hagen-These-1: Hagens zwar durch seinen Unmut gegenüber S. sich anbahnender, doch in seiner Radikalität am Ende der 14. Av. in seiner Radikalität überraschender Mordplan könnte nicht auf einer Motiv-Logik, sondern auf einer Taten-Logik beruhen: S. hat die Krise ermöglicht: erstens als Täter im Bett mit Brünhild, zweitens als Täter des Weitergebens der Geschichte und der Dinge (Ring, Gürtel) an Kriemhild. Als Täter verkörpert S. die Schuld, er muss entfernt werden, damit verschwindet sozusagen auch die Ursache. Dabei ist unwichtig, was Leute sich wünschen, vorstellen oder beabsichtigen. Entscheidend ist Tat und Resultat. Des Weiteren kommt die Taten-Logik aus einer Gunthers Königshoheit überschreitenden älteren Legitimations-Schicht: Ob Gunther will oder nicht und S. Gunthers Unschuld öffentlich beteuert oder nicht, die Situation (als Resultante von Taten: grundlegende doppelte Ehre-Verletzung (Gunther und Brünhild), die mit dem repräsentativen Status des König- und Königin-Seins unvereinbar ist) ist objektiv-gebietend, sie lässt nur eine Lösung zu und fordert sie zugleich. Kein Kommunikations-Bedarf aufgrund der Vereinfachung: der Täter ist qua Tat schuld. Dass Hagen einer anderen Moral folgt, wird auch in 1001 deutlich: er strahlt eine ungewöhnliche Kälte aus, will S. selbst nach Worms tragen, Kriemhilds Tränen "rühren" ihn nicht.

Ab Av. 31 befördert Hagen und die Burgunder insgesamt die Gewaltspirale besonders durch den Tod eines Hunnen beim Buhurt (Av. 31 - Volker), beim Tode Bloedels (Av.32 - Dankwart), und durch die Enthauptung Etzels Sohnes durch Hagens mehr als Kriemhild. Ist es gar nicht Kriemhilds Rache - sondern Hagens Plan?

7. Hort-These: (vorgreifend) Die tragische Dynamik des NL ist motiviert durch die Gier der Burgunden, vor allem von Hagen, nach dem Nibelungen-Hort und den entsprechenden magischen Dingen. Die Burgunden nehmen später selbst den Namen der Nibelungen an (?, prüfen). Zu klären wären in dieser Hinsicht u. a., warumm der Hort letzten Endes versenkt (?) wird.

8. Kriemhild-These-1: Kriemhild ist eine tragischer Prophetin, eine Fortführung und Transformation der Kassandra-Figur, indem K. nicht nur das Unheil träumend voraussieht, ohne es verhindern zu können, sondern auch selbst die entscheidenen "Zeichen" setzt und exponiert (Zeigen des Ringes, Gürtels, Setzen des Kreuzes auf S.s Hemd), die zur Krise führen. Ihr Schicksal sehend ist sie blind als Tätige, wirkungslos als Warnende.

9. Schicksal-Widerstands-These: An mehreren Stellen des NLs fragt sich, warum gegen evident problematische Entscheidungen Einzelner (Gunthers B.-Hochzeitsfahrt, die Einladung von S. und K. durch B., Hagens Vorschlag der Ermordung von S. etc.) kein wirkmächtiger Einspruch erhoben wird, kein nachhaltiger Konflikt entsteht, obwohl es doch ständig um den "Rat" guter Freunde und um "Treue" geht. Alle Teilnehmer erscheinen in dieser Perspektive wie passive Puppen von K.s Traum, gelenkt von unischtbaren Fäden, ihre Entscheidungen sind nur Wirkungen anderer Ursachen, keine eigenmächtigen Selbstsetzungen. Die Unfähigkeit zum diskursiven Konflikt und der problemorientierten Kommunikation kontrastiert auch stark mit der ständigen Betonung der körperlichen Stärke der "Recken". 2132: Volher der Fiedler: es heißt, es in der Halle "zu Ende zu bringen", sie sind "bestimmt, zu sterben". Es gibt mehrere Verweise auf die Bedeutung von Weisheit als "Erfahrenheit") (etwa: Hildebrand 2250: der alte Erfahrene), aber es gibt keine Person, die nachhaltig Weisheit vertritt, oder eine Reflexionsebene eröffnet, eine Person, die sich also der Gewaltspirale entzieht.

8. Politik-These: Nach Ursula Schulze (Das Nibelungelied, Reclam 1997, 214, 223) wird in S. s Tod zentral für die ganze Problemlage des NLs deutlich, dass der Starke wehrlos gegen perfide Intrige ist (214): "Die erzählte Geschichte führt vor, dass politisches Handeln nicht im offenen Kräftemessen, sondern in der Überlistung besteht." Hagen (214) handele zwar aus heterogenen Motiven (Sühne für die Entehrung B.s, Ausschalten potentieller Gefahr von S., Machtzuwachs durch Gewinn von S.s Besitz),doch seien sie allesamt politisch zu nennen. Schulze unterstreicht dies durch das rekurrente Motiv der Täuschung (212). Tobias Kommentar: Im Ansatz (Täuschung, Kraft gegen Organisation) interessant, in der Schlussfolgerung (Politik) aber schief, da unterbestimmt, unscharf. Dazu kommt, dass Schulze an anderer Stelle behauptet, Hagen handele (wie S. und Brünhild) archaisch. K.s Rache ist archaisch (ohne Staatsprinzip), auch in dieser Hinsicht besteht Klärungsbedarf - denn die politische Intrige geht ja nicht auf, sondern zerschellt quasi am Schild. Kurz: ich finde, ohne ihr zu Nahe treten zu wollen, Schulzes Lösung fade. Sie reiht das NL reibungslos in eine allzuoft iterierte Metageschichte des Fortschritts der Moderne ein. Probleme einer Kontinuität der Triebe in die Moderne/in das Höfische hinein (Triebthese), des bewussten Treuebruchs, der Täuschung als nicht hintergehbare Grundverfassung menschlichen Seins in einer entgötterten Welt (man denke an Descartes), Schicksal und Schuld usw. werden einfach ins Politische absorbiert und damit zugleich neutralisiert.

9. Inversions-These (an Immanenz-These anschließend): Das Böse ist nicht mehr Draußen, in einem (klar) vom Guten getrennten, eher abstrakten Anderen, es wird auch nicht mehr gesetzt oder göttlich verwaltet, sondern das Böse ist der Andere, der Freund, die Geliebte, der Fremde. Es kommt nicht mehr wie Grendl vom dunklen Berg zur Tür hinein, in das Heim des Inneren, sondern lauert schon immer, als Argwohn, Verdacht, im Inneren. Siegfried weiss davon nichts, und stirbt. Durch die Inversion differenziert sich das Böse (wird etwa zum Fiesen, Grimmigen) und wird perspektivisch, kontextuell, tritt in ein neues Verhältnis zum Guten. Zugleich scheint das Böse abgeleitet. Vielleicht erklärt sich auch hieraus das Ambivalente von Hagens Person. Ja, das erklärt mir den Hagen: Es gibt keine Monster (wie im Beowulf) mehr (außer dem Drachen, der nur noch seinen Schatten wirft). Siegfried ist das Monster. Er hatte Kontakt zum letzten echten Monster, er ist überstark, unverwundbar - bringt die Welt so aus dem Gleichgewicht (vgl. I.8, I.12, IV. 6). Hagen sieht das, spürt das, muss handeln. (Andreas) 1699: Inversion der Gabe (gut-schlecht): Die Gabe Rüdigers an Gunther (nach der Heirat von Rüdigers Tocher mit Giselher), ein Schwert, wird genau zu dem, was Rüdiger später tötet.


10. Subversions-These (1): Im NL wird das Höfische ausgehöhlt, das alte Wertesystem zersetzt, von Hagens Speer durchbohrt, von Gernots Fürstenhafter Lüge (1097: er wisse von nichts,kenne keinen Täter, siehe dagegen 865: Kreis der Mitwissenden über den Komplott)zum Gespött. Zugleich droht durch den Überhelden Siegfried, dem spielenden blinden Giganten, eine Entleerung aller Spannung des Höfischen, indem er immer schon Sieger ist, das Magische (Drachen etc.)und die Natur (Bären, wilde Eber 961) bannt, auf den Sattel bindet, Wälder 'leert', so dass nichts mehr zur Jagd übrig bleibt, Mensch und 'Tier' ist (1002), das Wilde der Natur (in Form des Bärens) nach Belieben demütigend auf andere entlässt. Siegfried, der archaische Held, der keine Angst kennt und dem sein eigener Tod, immer angezeigt und präsent durch den Riss, das Lindenblatt, seiner Panzerung und Kriemhilds wiederholte Warnvisionen, unbewusst ist, 'büßt' schließlich für seine höfische Erziehung (980. [Fortsetzung nach Lektüre der 21-24 Av.] In der 21. Av (Wie Kriemhild zu den Hunnen zog) dominiert das Höfische ohne Patzer und Riss durch Harmonie (Triebausgleich, Befriedigung) und klare Rollenverteilung entlang der Themen: 1. Turnier, Tapferkeit, Begafft von Frauen 2. Gastfreundschaft, Bewirtung, Unterkunft/Quartier 3. Kleiderordnung, Waffenordnung 4. Dem anderen Dienen (Mann-Frau etc.) 5. Begleitung, Schutz 6. Küssen 7. Turteln 8. Ausschau halten, Sorgen. 9. Reichtum, Überfluss 10. Bewegung und Wohnen zwischen Burgen, die Gefährliche Zwischenbereiche miteinander verbindet, jedoch innerhalb von geschützten Einflusszonen (Reise) 11. Geschenke 12. Wertschätzung gewinnen 13. Empfang bei Eintritt in Hoheitszonen. All dies shcließt V. 1368 ab: "dass da ein jeder zu aller Zeit die Unterhaltung fand, wonach ihm Herz und Sinn stand". In Av. 22 bricht die höfische Harmonie schon wieder auf, es kommt zu Tränen und Erinnerung (1371), zur Ankündigung von Leid. In Av. 23 brüllt schon der Grund, der eigentliche Anlass des Auszugs durch die Frohe Gesellschaft hindurch, Mord, Plan, Rache. 1352: Selbst der Kuß ist formalisiert, vorgeschrieben. 1666: die junge Markgräfin küsst Hagen nur auf Befehl. Frauen spielen eine Rolle, werden wichtig - und das Verhalten ihnen gegenüber macht das "Höfische" aus. Frauen öffnen der Geschichte Möglichkeiten, Erzählvarianten (siehe I. 6). - In der 25. Aventüre kommt es zu einer weiteren Kulmination der Subversion: dichte Abfolge höfischer Schlüsselthemen (Treue, Schwur, Leibe, Freudnschaft, Gastfreundschaft, Geselligkeit, Vertrauen, Sorge, Geschenke/Gabe), jedoch vor dem Subtext, dass Hagen planen könnte, ein möglichst festes Bündnis mit Rüdiger (der zu Etzel gehört, aber von den Burgunden kommt) einzugehen (gesteigert durch die Verheiratung von Rüdigers Tochter mit Giselher).

11. Hagen-Kriemhild-These (1): Kriemhild verbindet mit Hagen, dass sie metikulös ihre Rache plant, Trieb, Gefühl und Tat in ein tödliches Kalkül einbindet. Dies wird vr allem in der 20. Av. deutlich: Kriemhild willigt in die Etzel-Heirat erst ein, nachdem Rüdiger ihr bedingunglose Rache gegen alle Kränkung zusagt (1256) - mit der Einschränkung, Kriemhilds und seiner eigenen Ehre nicht zuwider handeln zu können (1266). Rüdiger greift mit seiner Zusage nicht eigenwillig vor, sondern, so scheint es, macht nur explizit, was nach einer Heirat mit Etzel gilt: Kriemhilds Kräkung wäre zugleich Etzels. 1396-1399: Krimhilds langer Plan der Rache, Einladung an Etzels Hof. 1431: Hagen kennt Kriemhilds Pläne, beide Strategen erkennen sich, kennen sich. Er kennt den Grund, warum Fremde kommen. Hagen (1471) geht mit an Etzels Hof, sieht aber eine Chance, wieder heil heimzukommen, mit 1000 Recken. Hagen fügt sich also nicht dem Schicksal. will nicht sein Ende, sondern fügt sich nur dem Widerstand der anderen, die ihre Schwester sehen wollen, ihn irgendwie feige aussehen lassen. Ab der 29. Av. wird die Spiegelbildlichkeit von Hagen und Kriemhild immer deutlicher: 1765, 1783, 1904: Hagen und Kriemhild mehren ihre Kräfte durch Verpflichtungen von Freudnen etc. 1848: "die grimmige Kriemhild! 1754: Kriemhild hat eine "arge List". 1738ff: Duell Hagen-Kriemhild.

12.Hagen-Kriemhild-These (2): Hagens scheinbare Motivlosigkeit liegt in Wahrheit im Selbstbezug seiner Taten: Hagen handelt für sich, für seine Begierden, vor allem für seine Macht. Hierfür benutzt er nur andere Personen und vor allem Gunters höfischen Apparat (das wäre "modern"). Hagen nimmt die Schuld der Taten auf sich, stärkt damit sein institutionelles Schutzschild, bestimmt aber zugleich zunehmend und für seinen eigenen Nutzen, was entschieden wird, höhlt alle Werte aus; es ist diese Entwertung der Werte, die im Konflikt mit der Handlungsmatrix von Kriemhild in eine nicht mehr auflösbare, fatale Schicksalslogik führt. Diese Hagen-Tendenz wird vor allem in der 20. Av deutlich: 1273: es geht um die Gefahr einer neuen Feindschaft gegen ihn, 1274: die drei Könige setzen sich nicht mehr gegen Hagens Entscheidung, Kriemhild auch den Rest des Schatzes zu nehmen, durch, sie resignieren vielmehr. Hagens indvidualisierte Handlungslogik, die in keine traditionelle Matrix eingebettet ist, kontrastiert mit der (höfisch-archaischen) Liebe-Schuld-Rache-Matrix, die Kriemhilds Handlungen leitet (1730: Kriemhild weint beständig um Siegfrid). Auch sie kalkuliert, aber dieses Kalkül steht im Dienste der Matrix, hat nur in ihr Sinn. Zugleich hasst Hagen Kriemhild, da sie durch Siegfrid/Nibelungenschatz/Etzel kontinuierlich eine starke Macht darstelltt, eine mächtige Frau ist, für die Hagen keinen Siegfrid hat. Genau so, wie Hagen ständig neue Strategien aufstellt, transformiert Kriemhilds Macht beständig. 1368: Kriemhilds Machtanwuchs an Etzels Hof. Siegrid war ohne Argwohn, und verschwindet, er hatte die Ambivlaenz des Gut-Bösen nicht, kannte es nicht. Auch Etzel erscheint arglos (1402: getriuwe was sin muot). 1765: Kriemhild sinnt auf "Rache" (rechet micht). Etzels Vermittlungsversuche (1895ff) können nicht mehr wirken, beide Maschinen - Kriemhilds und Hagens - haben sich in einem Raum ineinander verkeilt, der alle Werte entwertete, hier geht es nur noch archaisch um Auge-um-Auge, intern erhitzen sich die Maschinen jedoch über höfische Praxen und Werte (Sorge, Treue, Beistand ... etwa 1832, immer wieder durch das räumliche Motiv der Gruppen-Abgeschlossenheit in einer Halle etc. intensiviert, sowie durch Türen, Passagen, Übergänge, zu anderen Räumen. Ortlieb, neutral zwischen den Lagern/Maschinen verortet, wirkt als Zünder. Kriemhild setzt die Lunte frei, setzt ihn als Köder an den gemeinsamen Tisch (1912), Hagen entbrennt.

13. Hagen-Steuermann-These: Hagen wird im zweiten Teil des NL neben Kriemhild zur zentralen, Entscheidungen direkt einleitenden oder ausführenden Instanz, die nicht mehr verdeckt (unter dem König Gunther), sondern offen agiert. Dies wird besonders in der 25. Aventüre deutlich: Hagen verfügt über die Gewalt, Passagen zu eröffnen (und zu schließen), durch die er andere in größere Handlungskomplexe quasi unwiderruflich einschließt. Er ist derjenige, der die "Zuversicht" der ganzen Burgunder-Truppe repräsentiert (1510), wahrsagende, mythische Kräfte (Meerjungfrauen) zur Aussage zwingt (die Meerfrauen 1533ff., und zwar durch den Raub ihrer Kleider), sich dem von diesen Kräften geweissagten Fatum widersetzt, indem er es der Prüfung unterzieht (er versucht, den Kaplan zu ertränken, der laut Weissagung der einzige Überlebende sein wird 1575ff.), der lügen oder Taten verschweigen darf (auch gegenüber den König Gunther, 1620) und der tötet, nämlich den von anderen Mächten (Etzel) eingesetzten Fährmann des Passagen-Flusses (der zwischen Leben und Tod vermittelt), nur um sogleich selbst zum Fährmann zu werden: "Hagen war der Steuermann" (Hagene was da meister) (1572. Des Weiteren misstraut Hagen Träumen und setzt vielmehr auf seine eigene Urteilskraft (1510). Hagen, der wiederholt Ehre entwertete, wird damit selbst als Führer Köngigs-gleich zu dem der, der bestimmt und repräsentiert, was Ehre ist. Er wird zum "Schutzherr der Nibelungen" (1726). Die erneute Kulmination höfischer Werte und Gesten in der 25. Aventüre am Hofe Rüdigers, der zu Etzel gehörender Burgunder ist (Schwur, Treue, Freude, Freundschaft, Gastfreundschaft, Gabe, Wechselseitigkeit, Heirat) dient nur, maximal gesteigert durch die Heirat von Rüdigers Tocher mit Gislher, der Bindung Rüdigers an den Burgundenzug. Hagen, der Herrscher, wird nicht aufgrund seiner Schönheit geliebt, nicht aufgrund seiner übermäßigen Kraft geehrt (1610: verliert den Kampf gegen Gelfrat, Dankwart muss Hagen schützen). Die Frauen lieben ihn nicht (1666, Hagen, der Grimmige). Hagen ist vielmehr der Siegfrid-Töter, der Anti-Siegfried, der steuert, der ökonomisch Ziele anstrebt, die aber immer wieder nur in ihn als Führer zurücklaufen, ohne über ihn hinauszugehen. Hagen hat alle in den Strudel der Gewalt hineingezogen, der Hass Kriemhilds gilt, das macht der NL Erzähler des öfteren deutlich, nur ihm, aber wenn Hagen, dann, in der Vision des Führers, alle mit ihm. 1783: Hagen trägt Siegfrids Schwert Balmung, übernimmt seine Machtsymbole. 1961: Hagen ist derjenige, der durch die selbstherrliche Enthauptung Ortliebs (Sohn von Etzel) die Endschlacht unausweichlich einleitet.Hagen argumentiert 1961: er handelt, wie es die "Notlage erzwingt". 1790: Hagen nimmt sich die Freiheit, vor den Hunnen zu erklären: Ich habe Siegfried erschlagen, ich bin noch immer derselbe Hagen ...

14. Ironie-These: In mehreren Personen und Szenen scheint Ironie am Werke. Gunther, der von Brünhild an den Haken gehängt wird. Kriemhild, die ihren Geliebten an seinen Todfeind verrät, um ihn vor seinem möglichen Tod zu schützen. Der ambivalente Heldenstatus: 29. Av.: Helden handeln entweder aus falschen Motiven (für Hagen etwa) oder aus Unvollkommenheit (Furcht, Angst). 2015-2016: Volker nennt Hunnen feige, die über Toten weinen, oder sich nachts zum Überfall heimtückisch anschleichen, tötet aber ohne klares Motiv zugleich einen Mann, einen Hunnen, der andere bestatten möchte, ohne von ihm bedroht zu werden, während einer Kampfpause.

15. Subversions-These (2): Grundlegendes Strukturelement des NL ist die Spannung zwischen Archaischem und Höfischem. Im ersten Teil ragt durch Siegfried als Meta-Held (unbezwingbar, ohne Angst, arglos) und Über-Tier (er beherrscht wilden Eber und Bär)das Archaische berstend in das Höfische hinein, und verweist damit zugleich auf eine grundlegend in das Höfische eingebaute Spannung, die auch Hagens Speer nicht zu durchdringen vermag: der Meta-Held oder der Archetyp Held (als idealer Krieger) bleibt Protagonist des Höfischen, auf ihn hin ist alles (Liebe, Kampf, Turnier, Minne) ausgerichtet, aber eben gezähmt, formalisiert in Codes, das Wilde gebannt im Blick der Anderen, des Hofes, der Liebenden. Mit Siegfried reißen die Codes, er überdehnt das System und verweist zugleich auf dessen Kollaps, die Entwertung der Werte, die im Streit zwischen Hagen und Kriemhild im zweiten Teil des NL in eine unentrinnbare Spirale führt, die alle Spieler entfremdet, keinen mehr als echt erscheinen lässt, jede Tat (paradigmatisch: die Gabe, die Ehrenhandlung) in ihr Gegenteil verkehrt, sie kollabieren lässt. Diese tragische Zuspitzung erreicht ihren Höhepunkt in Rüdigers Zug gegen die Burgunden (2153, 2166): Rüdiger muss das Höfische aufgeben, um Höfisch zu sein: er muss, um Kriemhild die versprochene Treue zu halten, die töten, denen er als Burgunder und Freund Treue pflichtig ist; und wäre er den Burgundern treu, würde er die Eide brechen, die er Kriemhild schwor. "Heimatlos" im Lande Etzels muss Rüdiger das vernichten, was für ihn "Heimat" ist, ortlos rasend werden für etwas, was er "nicht will"; ohne Zögern, nur durch einen Punkt getrennt, folgt auf die Ehrerbietung unter Burgunder-Freunden in gemeinsamer Halle die rasende Wut der blindwütig Tötenden (2206: Rüdiger: "Vor Kampfeszorn begann er zu rasen"). Die Gaben, die er den Burgundern vor dem Kampf gibt (Schild, Schwert), wenden sich im Kampf gegen ihn, Gernot tötet ihn mit der Gabe, zugleich tötet Rüdiger in Gernot den, dem er die Gabe gab: die Gabe wird damit genichtet, und auch die Möglichkeit, Gabe zu geben, alles gefriert, unter dem Blutsee "versinkt höfische Verbindlichkeit" (2202: im Kontext: mit Rüdigers Tod); aus der Stille der Toten ragt jedoch das ins Höfische verkeilte Archaische hervor, das ergötzte Heldenbild, das Lachen Siegfrieds, das in Volkers Fiedel wiederhallt und das verhindert, das Hagen und Gunther leben (überleben): denn sie wollen als Helden, und nicht als Dietrichs Geiseln, angesehen werden; zugleich ist es aber auch das Lachen Siegfrieds, das Kriemhild sterben lässt, die das missachtet, was das Höfische gebietet: sich nämlich so zu geben (so zu sein), wie Siegfrid: sterbe wie ein Held; Hildebrand, der alte, erfahrene Meister, muss Kriemhild erschlagen, sie zerstückeln, um das Höfische zu retten, und sieht doch nicht, dass Kriemhild schon gefroren, schon tot ist: sie kann nicht mehr richtig handeln, ist unbeweglich, so wie der gefesselte Hagen und Gunther. Am Ende stehen sie da, Etzel, der König, Dietrich, der Schlichter, Hildebrand, der Wächter der Codes, entfremdet, entkernt, sprachlos, in der Nibelungennot. (das Höfische (Siegfried im Turnier) feiert im ersten Teil, und das Archaische im zweiten Teil (die 38. Av. ist eine Ode an das Archaische), und doch feiert sich im Höfischen nur das Archaische, und das Archaische (Kriemhilds Hieb) geht am Höfischen zugrunde).


Literatur, Quellen & Links

Allgemeines

Akademisch

Basisliteratur

  • Brackert, Helmut: Das Nibelungenlied. 2 Bde. (1. Aufl. 1970) Neuauflage. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 1994/2008.
  • Brackert - Unsere Wahl
  • Grosse, Siegfried: Das Nibelungenlied. Nach dem Text von Karl Bartsch und Hehrtut de Boor. [Handschrift B] (1. Aufl. 1997) Stuttgart: Reclam 2003
  • Grosse - Zur Lektüre von Volker Honemann empfohlen
  • Edda, übersetzt und mit Erläuterungen begleitet von Karl Simrock, 1. Auflage 1851, hier : Phaidon Verlag, Essen 1987
  • Wagner, Richard, Libretto zum "Ring"

Zusatzquellen

Spezial: Nibelungen und Nationalsozialismus
Spezial: Romantik bis Wagner
Spezial: Verfilmung von Fritz Lang
Spezial: generelles zu Mythos und Epos

Wesentliche Handschriften und Texte

Ergänzende Handschriften und Texte

Medien

  • DVD-Filmprojekt für 2009/2010
  • Hebbels Nibelungenlied in der Schaubühne 2009
  • Das Nibelungenlied von Eberhard Kummer gesungen - Die erste und einzige, komplette Einspielung des gesamten Nibelungenlieds aufgrund einer Live-Aufnahme des Phonogramm-Archivs der Akademie der Öst.Wissenschaften. Der Aufnahme liegen fünf sechsstündige Darbietungen im Okt. und Nov. 2006 im „Kulturquartier“ in 1190 Wien zugrunde. E.Kummer singt im Hildebrandston und begleitet sich auf einer keltischen Schoßharfe. Die Einspielung umfasst zwei MP3 CDs (ca. 30 Stunden Musikzeit) und wurde im „The Chaucer Studio“ der Brigham Young University Provo (UT) hergestellt. Vertrieb : E.Kummer, Chaucer Studio

Urhebergeschützt

  • Hörspiel: http://www.amazon.de/Die-Nibelungen-Heldensage-Collectors-Heldensage/dp/B001D2DDDU/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1247949744&sr=1-1 - bei Tiemo nachfragen bei Interesse
  • TV-Beitrag ZDF; TerraX - Der Nibelungen-Code: Deckname Siegfried - bei Tiemo nachfragen bei Interesse oder via Youtube oder ZDF-Mediathek
  • TV-Beitrag ZDF; TerraX - Der Nibelungen-Code - Kriemhilds Todesspiel - bei Tiemo nachfragen bei Interesse oder via Youtube oder ZDF-Mediathek
  • TV-Beitrag ZDF; TerraX - Varusschlacht - Kampf um Germanien: Teil 1 - bei Tiemo nachfragen bei Interesse oder via Youtube oder ZDF-Mediathek
  • TV-Beitrag ZDF; TerraX - Varusschlacht - Kampf um Germanien: Teil 2 - bei Tiemo nachfragen bei Interesse oder via Youtube oder ZDF-Mediathek
  • TV-Beitrag ZDF; Sturm über Europa - Kimbern und Teutonen: Teil 1 - bei Tiemo nachfragen bei Interesse oder via Youtube oder ZDF-Mediathek
  • TV-Beitrag ZDF; Sturm über Europa - Varusschlacht und Gotensaga : Teil 2 - bei Tiemo nachfragen bei Interesse oder via Youtube oder ZDF-Mediathek
  • TV-Beitrag ZDF; Sturm über Europa - Der Kampf um Rom : Teil 3 - bei Tiemo nachfragen bei Interesse oder via Youtube oder ZDF-Mediathek
  • TV-Beitrag ZDF; Sturm über Europa - Die Erben des Imperiums : Teil 4 - bei Tiemo nachfragen bei Interesse oder via Youtube oder ZDF-Mediathek

Ausführliche Themen:

I. Datierungen/Textgenese

1. Grosse 2003, 970: Entstehung: Wende 12./13. Jh., unklar. Die Inhalte entstammen unterschiedlichen Sagenkreisen, die nicht miteinander verbunden sind. Sie haben wahrscheinlich schon Jahrhunderte vor den uns bekannten Texten existiert und werden in kürzeren mündlichen Fassungen von Generation zu Generation bewahrt worden sein.


2. Grosse 2003, 980: Drei Handschriften, entdeckt zwischen 1750-1770. Erforschung ab 1810 an der HU.


3. Grosse 1011-1012: Wir kennen den Autor des Nibelungenliedes nicht. ... Es mag sein, daß die Gattung der Heldenepik mit ihrem Übergang von der Oralität zur Skripturalität die Anonymität mit sich gebracht hat, wie sie ja auch bei den ähnlich tradierten Texten der Sagen und Märchen üblich ist.


II. Sprache, Schrift, Erzählform, Stil

1. Grosse 2003, 988: Im Unterschied zu den höfischen Epen der Stauferzeit hat das Nibelungenlied keine paarweise gereimten vierhebigen Verse, sondern (in der HS B) 2379 Strophen. Jede Strophe besteht aus vier Langzeilen, die aus der germanischen Dichtung bekannt sind. Jede Langzeile hat zwei Halbzeilen, den An- und den Abvers: 2,1 ez wuohs in Burgonden ein viI edel magedin. Die beiden Halbverse sind durch eine metrisch gekennzeichnete Zäsur getrennt. Die Abverse der ersten und zweiten Langzeile und die der dritten und vierten reimen sich ...


2. Grosse 2003, 995: Nicht die Entwicklung der Personen bestimmt den Handlungsverlauf, sondern es greifen einzelne Ereignisse wie Glieder einer Kette ineinander, welche die Aktionen und Reaktionen der Handelnden bestimmen. Jede Situation fordert zu Taten heraus. Dabei braucht eine psychische, für den heutigen Leser nachvollziehbare Entwicklung der Charaktere nicht gegeben zu sein. Die erwartete Handlungsfähigkeit und ihr Ergebnis wachsen aus der jeweiligen Situation und ihrer Personenkonstellation heraus und passen sich in den szenischen Ablauf ein.


3.Grosse 2003, 999-1001: Zeitstruktur: Die angegebenen Zeiträume markieren den Abstand in relativer, aber nicht absoluter Art. Sie haben weder die Funktion einer Uhr noch die eines Kalenders. So werden auch die Menschen nicht älter. Die Ritter kämpfen im Sachsenkrieg ebenso schlagkräftig wie 37 Jahre später am Hofe Etzels; Kriemhild wäre etwa fünfzig bei der Geburt ihres zweiten Sohnes, Giselher wird bis zuletzt der junge Mann (daz kint) genannt. Raumstruktur: präziser.

4. Grosse 2003, 1001ff.: Widersprüche im Handlungsverlauf.

III. Geographie

IV. Religion

V. Kulturgeschichtliche Aspekte, Geschichte

1. Grosse 2003, 975-977: Im Nibelungenlied lassen sich für den zweiten Teil mit der Niederlage der Burgunden in der Zeit der Völkerwanderung eher historische Ansatzpunkte finden als für den ersten Teil, der mit den Figuren Brünhild (Isenstein) und Siegfried (Drachen, Tarnkappe, Hort) Verbindungen zur germanischen Mythologie und zum Märchen zeigt. ... Zwischen 406 und 413 hat es wahrscheinlich unter König Gundahar ein Burgundenreich am Mittelrhein gegeben (Hoffmann, 1992, S. 42 ff.) ... König Attila (Etzel) starb 453 in der Hochzeitsnacht mit der Germanin Hildico - nach zeitgenössischen Berichten an einem Blutsturz, also 16 Jahre nach Gundahar. Dieses unkämpferische Ende hat früh Gerüchte entstehen lassen, Hildico habe ihren Mann umgebracht, um Verwandte zu rächen, die 437 im Kampf gegen die Hunnen umgekommen sind. Damals hatte Attila das hunnische Heer nicht angeführt. ... Für Hagen gibt es kein historisches Vorbild. ... Zur Erklärung der Siegfried-Figur ist, besonders von Höfler, auf Arminius hingewiesen worden (Hoffmann, 1979). Beide sind als junge Männer von Verwandten heimtückisch ermordet worden, und Xanten, Siegfrieds Heimatstadt, ist auch Ausgangspunkt für die Arminius-Überlieferung. Aber die Verbindung des heroischen Siegfried mit der mythischen Sagenwelt und die Dominanz traditioneller, märchenhafter Erzählmotive führen nicht zu einer historisch begründeten Fixierung.

VI. Mythentheorie

VII. Spezialthemen

Die Nibelungen von Fritz Lang

Saal.jpg
Nach der Fertigstellung des zweiteiligen „Dr. Mabuse“ wandte Fritz Lang sich dem mythologischen Stoff der Nibelungensage zu. Zwei Jahre verwendete er dafür, den Stoff zu verfilmen und es wurde sein bis dahin größter Erfolg. Aus der Stoffmasse mit ihren unterschiedlichen Versionen und den verschiedenen Bearbeitungen, die sie schon erfahren hatte, folgte Lang weitgehend dem eigentlichen Nibelungenlied, wobei er einige Vereinfachungen und Zuspitzungen vornahm. Der Stoff selbst war jedoch vorgegeben und wurde auch kaum entgegen der Überlieferung interpretiert. Langs Leistung besteht in der Illustrierung.

Das Gesamtwerk ist aufgespaltet in zwei Teile, wie die ursprüngliche Sage dies vorgibt. Im ersten Teil erfahren wir die bekannte Geschichte von Siegfried (Paul Richter), der den Drachen tötet, durch ein Bad in dessen Blut unverwundbar wird und den Nibelungenschatz gewinnt. Er kommt nach Worms an den Hof der Burgunder und hilft König Gunther (Theodor Loos) die amazonenhafte Brunhild (Hanna Ralph), Königin von Island, im Wettkampf zu besiegen und zur Frau zu bekommen. Im Gegenzug erhält er Gunthers Schwester Kriemhild (Margarete Schön) zur Gattin. Im berühmten Streit der Königinnen erfährt Brunhild von Kriemhild, dass es in Wahrheit Siegfried war, der sie besiegte. Um diesen Schandfleck zu beseitigen, lässt Gunther sich von dem düsteren Hagen (Hans Adalbert Schlettow) dazu drängen, Siegfrieds Ermordung zuzustimmen. Den Mord selbst führt Hagen aus, der sich unter einem Vorwand von Kriemhild die verwundbare Stelle markieren lässt.

Der zweite Teil „Kriemhilds Rache“ steht ganz im Zeichen von Kriemhilds Racheschwur. Kriemhild wird die Frau des Hunnenkönigs Etzel (Rudolf Klein-Rogge) und lädt einige Jahre später Gunther, Hagen und die übrigen Burgunder an den Hof des Hunnenkönigs ein. Sie will Rache an Hagen nehmen und als die Burgunder in Treue zu ihm stehen, dehnt sie ihre Rache auf alle, einschließlich ihrer Brüder aus.

Erster Teil: Siegfried

Es kann hier nicht darum gehen, den Stoff selbst zu kritisieren, sondern es geht nur darum, was Lang daraus machte. Er entschied sich bei seiner Gestaltung zu vollkommener Stilisierung und Künstlichkeit. Die mythischen Anfangsszenen sind bewusst unwirklich gehalten und halten in ihrer atmosphärischen Wirkung einem Vergleich mit neueren Fantasy-Filmen durchaus stand. Die Welt der Anfangsszenen ist märchenhaft und unterweltlich. Lang arbeitet mit faszinierenden Licht- und Schattenspielen. Er verzichtete bewusst auf Außenaufnahmen und ließ im Studio einen Wald aus gewaltigen säulenartigen Stämmen aufbauen. Die Drachenszene war zu ihrer Zeit etwas nie Gesehenes und Lang war bemüht, die besten Techniker der Zeit um sich zu versammeln. Besonders surreal wirkt eine Szene, in der wir eine Gruppe angeketteter Zwerge sehen, die einen Kessel voll Gold tragen und die beim Tod ihres Königs Alberich (Georg John) versteinern, wobei ihre Gesichtszüge erhalten bleiben. Der Film verblüffte seine Zuschauer mit beeindruckenden Überblendungen, etwa beim Eindringen in die Nibelungenhöhle, oder bei den Szenen mit der magischen Tarnkappe, wie z.B. beim Wettstreit mit Brunhild, wo der unsichtbare Siegfried Gunther die Hand beim Speerwurf führt. Die Welt der Burgunder wird geprägt durch ihre monumentale Architektur. Hier dominieren kahle Räume und riesige hohe Hallen. Diese Welt ist streng geometrisch aufgebaut. Wir finden überall symmetrische Muster, sei es im Boden oder bei den Gewändern. Die Menschen wirken klein vor dieser Architektur, etwa in den Domszenen, wo die Personen absolut symmetrisch bis hin zur Farbe der Gewänder vor dem imposanten Dom gruppiert werden. Die Menschen werden dieser Architektur völlig untergeordnet oder besser eingeordnet. Sie werden zum Teil der Architektur, zum bloßen Ornament. Berühmt ist hier die Szene, wo Brunhild bei ihrem Einzug in Worms über eine lebende Brücke vom Schiff an Land geht. Die Personen bewegen sich langsam und statuarisch und immer in strenger Symmetrie, sei es in Reihen oder spiegelbildlich. Eine psychologische Vertiefung erfolgt nicht und wird vom Stoff auch nicht gefordert. Die Personen sind reine Archetypen, sie vollziehen vom Schicksal vorgegebene Handlungsmuster. Die Atmosphäre bei den Burgundern hat insgesamt etwas Totes, was bildlich in den langen Gewändern, den leeren Räumen und der allgegenwärtigen Ritualisierung zum Ausdruck kommt.

In deutlichem Kontrast zum statuarischen Worms steht das Island Brunhilds. Der Burgfelsen ragt aus einem unzugänglichen Flammenmeer hervor, womit visualisiert wird, worum es beim Wettkampf mit der Königin geht: um die Bezwingung ihrer Jungfräulichkeit. Wie die Märchenwelt, aus der Siegfried nach Worms kam, wird auch Brunhilds Welt als heidnisch gezeichnet. Eine Schamanin gibt der Königin vor urzeitlicher Höhlenmalerei ihre Weissagungen. Am deutlichsten unterscheidet sich die Welt Brunhilds durch ihre Bewegungschoreographie von der Welt der Burgunder. Die Amazonen verkörpern in ihren raschen, ungestümen Bewegungen das wilde und natürliche Leben. Der Film deutet so auch die Interpretationsmöglichkeit an, dass Brunhild das Leben ist, das die tote Welt der Burgunder braucht.

Als Hauptthema des Films gilt gemeinhin die Treue und in der Tat gibt es kaum einen Begriff, der häufiger auf den Schrifttafeln auftaucht, als Treue. Dies ist mit Sicherheit auf den Einfluss von Fritz Langs verhängnisvoller Ehefrau Thea von Harbou zurückzuführen, die hier, wie in vielen anderen Filmen Langs, für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Sieht man sich den Film jedoch wirklich an, so stellt man sehr bald fest, dass sein eigentliches Thema keineswegs die Treue, sondern im Gegenteil der Verrat ist. Siegfried kommt nach Worms, um Kriemhild zur Frau zu gewinnen und er wird von Anfang an von den Burgundern für ihre Pläne zum Betrug an Brunhild benutzt.

Gunther, der ewig zögernde und schwache König der Burgunder braucht Siegfried, der als einziger in der Lage ist, die übermenschliche Brunhild im Wettkampf zu besiegen. Dafür erhält er Kriemhild als Belohnung. Dies ist der Plan Hagens, der grauen Eminenz seines Königs. Und Siegfried zögert nicht einen Moment, in den Betrug einzuwilligen. Die archaische ungebändigte Kraft Brunhilds wird durch List bezwungen. Und dies wird mit dem hohlen Pathos von Treueschwüren verbrämt. „Halte mir Wort Gunther, wie ich dir Wort hielt.“, sagt Siegfried auf einer Texttafel und es schließt sich der Treueschwur der Blutsbrüder Siegfried und Gunther an. Lang macht mit seinen Bildern und seiner Schnittfolge ganz klar, wie er den Mythos versteht. So sehen wir die Blutsbrüderszene gegengeschnitten mit der betrogenen und zweifelnden Brunhild, die ahnt, das etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann, aber auch mit der naiven und gutgläubigen Kriemhild, die sich auf ihre Hochzeit vorbereitet. Bei den Burgundern ist alles auf Lüge aufgebaut, die ganze vorgebliche Freundschaft und beide Ehen sind auf Lüge gebaut. Und wo bleibt die Treue? Es ist die gegenseitige Treue beim Betrug. Es ist die Treue unter Ganoven.

Und der Betrug setzt sich fort. Noch einmal muss Brunhild betrogen werden, diesmal in der Hochzeitsnacht. Diesmal zögert Siegfried, doch lässt er sich sehr schnell durch Phrasen wieder einbinden. „Willst du den Freund im Stich lassen?“, fragt ihn Hagen. Und Gunther schweigt dazu und lässt wie immer Hagen für sich reden und Siegfried für sich handeln. Gunther und Hagen werden als die düsteren Intriganten dargestellt, die meist im Schatten sitzen und nur beobachten. Siegfried ist der nützliche Idiot, der sich verwenden lässt. Die Betrogenen sind die beiden Frauen, vor allem Brunhild. Sie ahnen mehr, als dass sie wüssten, und so kommt es in der berühmten Treppenszene zum Streit der Königinnen. Brunhild verlangt als vermeintliche Herrin Siegfrieds den Vortritt und Kriemhild zeigt ihr aus gekränkter Eitelkeit den Armreif, den Siegfried der Amazone in der Hochzeitsnacht in Gunthers Gestalt abgenommen hat. Der Streit der Frauen hat seinen Ursprung im Lügengebäude der Männer. Bereut nun einer den Betrug? „Dein Schwatzen war schlimmer als ein Mord, Siegfried“, ruft Hagen. Dann geht es nur noch darum, die Folgen zu beseitigen. Brunhild verlangt aus verletzter Ehre den Tod Siegfrieds und Gunther ist zerrissen wie je: „Soll ich ihn töten, weil er mir treu war?“ Doch Brunhild überzeugt ihn mit dem Argument, Siegfried hätte sie entjungfert.

Siegfried war das Werkzeug beim Betrug der Burgunder. Solange alles geheim war, pflegte man den Schein von Treue und Blutsbrüderschaft. Das zählt jetzt alles nicht mehr. Es geht nur noch darum, den lästig gewordenen Helfer und Mitwisser zu beseitigen. Dem ersten Verrat an Brunhild folgt der zweite an Siegfried. Man veranstaltet eine Jagd und Hagen belügt Kriemhild, um die verwundbare Stelle Siegfrieds zu erfahren. Dann ermordet er Siegfried hinterrücks, als dieser an einer Quelle trinkt. Brunhild, die Barbarin ist es, die zu Gunther sagt: „Um eines Weibes willen erschlugst du deinen treuen Freund“, und sie ist es, die an der Totenbahre Siegfrieds Selbstmord begeht. Kriemhild fordert Gerechtigkeit von ihrem Bruder. Sie verlangt, den Mörder zu bestrafen. Aber Gunther und seine Brüder stellen sich vor Hagen: „Treue um Treue. Seine Tat ist die unsere. Unsere Brust ist sein Schild“. In diesem Moment wird Kriemhilds Verwandlung sichtbar und sie schwört die Rache, die sich im zweiten Teil erfüllen wird. Die Treue- und Ehrbegriffe der Burgunder reichen nicht weiter als die einer Mafia-Bande. Lang macht dies besonders deutlich, wenn er durch seine bildliche Darstellung die schwülstigen Zwischentitel konterkariert.

2. Teil: Kriemhilds Rache:

Ging es im ersten Teil um Betrug und Verrat, und zwar um mehrfachen Verrat, so steht der zweite Teil ganz unter dem Thema Rache. Kriemhild nutzt zunächst ihr Erbe, den Nibelungenschatz, um damit Verbündete gegen Hagen und ihren Bruder Gunther zu werben. Als Hagen ihr den Schatz raubt und ihn im Rhein versenkt, geht sie auf den Antrag des Hunnenkönigs Etzel ein und verlässt Worms. Sie lehnt ausdrücklich jede Versöhnung mit Gunther ab.

Noch stärker als im ersten Teil nimmt jetzt Hagen die zentrale Stellung auf der Seite der Burgunder ein. Er erscheint durchgehend in einem schwarzen Gewand mit Umhang und mit einem gewaltigen Flügelhelm. Um den finsteren Eindruck zu verstärken hat er im Film nur ein Auge. Er ist das Urbild des rationalen Bösewichts, der ohne Skrupel zu jedem Verbrechen im Dienst seines Herrn oder des Staates bereit ist. Er ist die fleischgewordene Staatsräson und kann als Folie für viele faszinierende Filmbösewichter von Dr. Seltsam bis Darth Vader gelten. Ihm gegenüber steht jetzt Kriemhild, die sich vom naiven Jungmädchen zur Rachegöttin gewandelt hat. Im Gegensatz zum ersten Teil, wo sie wie Siegfried immer weiß gekleidet war, trägt sie jetzt schwarz. Sie bewegt sich kaum und wenn, dann nur sehr langsam. Damit bildet unter den ständig wimmelnden Hunnen eine Art Statue, was ihren Charakter als Rachegöttin noch verstärkt. Jeden Mann, der ihr begegnet versucht sie auf ihre Rache einzuschwören, sei es der biedere Rüdiger (Rudolf Rittner), sei es ihr neuer Gemahl Etzel oder dessen Bruder Blaodel (Georg John). Die Welt der Hunnen steht in scharfem Kontrast zur Welt der Burgunder. Die Hunnen sind in ständiger Bewegung, sie werden als Barbaren gezeichnet, die in Erdhöhlen leben, sie sind orgiastisch und lebensfreudig. Statt der Gemessenheit des ersten Teils mit seinen langen Kamera-Einstellungen dominiert jetzt dynamische Beweglichkeit. Langs Nibelungenfilm stellt das Aufeinanderprallen dieser Welten ohne die platte Schwarzweiß-Malerei vieler neuerer Fantasyfilme dar. Hier steht nicht Gut gegen Böse, sondern es entsteht wirkliche Tragik, da Schuld und Unschuld auf beiden Seiten sich die Waage halten.

Kriemhild veranlasst Etzel, die Burgunder an seinen Hof einzuladen. Ihr Verlangen nach Rache jedoch weist er zurück. „Heilig ist der Gast“, sagt Etzel und wird damit zum Vertreter eines archaischen Moralbegriffs, der hoch über der Falschheit der Burgunder steht. Überhaupt wird Etzel, trotz seines wilden Äußeren, als sehr menschlich gezeichnet. Im Gegensatz zur starren Mimik der Burgunder drückt er seine Gefühle immer direkt aus. Wir sehen seine Liebe und Freude, wenn er mit seinem kleinen Sohn zusammen ist und wir sehen später seine abgrundtiefe Trauer, wenn Hagen diesen Knaben töten wird.

Trotz Hagens Abraten reisen die Burgunder zu Etzel und werden von ihm freundlich empfangen, während Kriemhild Etzels Bruder zum hinterhältigen Angriff auf die Knechte der Burgunder überredet. Es folgt ein Gemetzel, bei dem die in der Halle eingeschlossenen Burgunder sich gegen die Angriffe der Leute Etzels und seiner Verbündeten erwehren. Da die Kämpfe ohne Sieger bleiben, lässt Kriemhild das Dach der Halle anzünden. Der nächste Morgen sieht einzig Hagen und Gunther als Überlebende. Solange noch einer seiner Könige lebt, wird er den Ort des Nibelungenschatzes nicht verraten, sagt Hagen. Und als Kriemhild ihren Bruder Gunther töten und seinen abgeschlagenen Kopf vorzeigen lässt, da lacht Hagen: Jetzt wissen nur noch ich und Gott, wo der Schatz liegt. Kriemhild erschlägt ihn eigenhändig, um damit ihre maßlose Rache zu vollenden und sie wird daraufhin von Meister Hildebrand (Georg August Koch), einem letzten Gefolgsmann Etzels, getötet.

Mit der Notwendigkeit und Unbedingtheit, die so charakteristisch sind für die Stoffe der antiken und der germanischen Mythologie, steuert das Geschehen von Anfang an auf sein tragisches Finale zu. Vielleicht sind solche Stoffe nur mit den Mitteln des Stummfilms wirklich angemessen zu verfilmen. Dem archaischen Stoff korrespondiert hier die archaische Form. Ein Problem vieler neuerer Mythenfilme besteht ja darin, dass die pathetischen Dialoge unglaubwürdig wirken oder dass eine psychologische Figurenzeichnung dem Stoff nicht angemessen ist. Mythische Figuren handeln nicht als moderne Personen, sondern sie sind Archetypen, in denen Ideen und Weltanschauungen personifiziert werden. Fritz Lang hat sein Ziel einer adäquaten filmischen Umsetzung des Nibelungenmythos in beeindruckenden Bildern gemeistert.

Die Geschichte der Nibelungen ist wahrscheinlich der deutscheste aller Stoffe. Fritz Lang akzeptierte dies ganz bewusst, wenn er seinem Film die Widmung „Dem deutschen Volke“ voranstellte. Wobei zu berücksichtigen ist, dass Langs Werk 1924 in die Kinos kam, neun Jahre vor der Machtergreifung der Nazis. Dennoch gab es Kritiker, die in Langs Darstellung Parallelen zur Ästhetik des Faschismus finden wollten. Es lässt sich nicht bestreiten, dass mit Begriffen wie „Nibelungentreue“ oder mit der Glorifizierung der Siegfried-Figur der Nibelungenstoff für ideologische Zwecke missbraucht wurde. Es sollte aber deutlich geworden sein, dass dies im Film keinerlei Grundlage findet, sowenig wie im Stoff des Nibelungenmythos selbst. Im Gegenteil gilt es, das Werk vor faschistoiden Vereinnahmungen in Schutz zu nehmen.

Filmdaten

  • Die Nibelungen (1): Siegfried - Stummfilm, Deutschland 1924, Regie: Fritz Lang, Buch: Thea von Harbou und Fritz Lang, Kamera: Carl Hoffmann, Günther Rittau und Walter Ruttmann, Musik: Gottfried Huppertz, Produzent: Erich Pommer. Mit: Paul Richter, Margarete Schön, Hanna Ralph, Theodor Loos, Hans Adalbert von Schlettow, Rudolf Klein-Rogge, Bernhard Goetzke, Erwin Biswanger.
  • Die Nibelungen (2): Kriemhilds Rache - Stummfilm, Deutschland 1924, Regie: Fritz Lang, Buch: Thea von Harbou, Kamera: Carl Hoffmann, Günther Rittau und Eugen Schüfftan (Optische Spezialeffekte), Musik: Gottfried Huppertz, Produzent: Erich Pommer. Mit: Margarete Schön, Rudolf Klein-Rogge, Georg John, Theodor Loos, Hans Adalbert von Schlettow, Bernhard Goetzke, Erwin Biswanger.

entnommen aus der Filmzentrale

Thesen zum geschichtlichen Hintergrund der Handlung und der Personen des Nibelungenliedes

Vorbemerkung :

Der geschichtliche Hintergrund zerfällt vermutlich ebenso wie die Handlung des Epos in zwei Teile, die Ermordung des Helden Siegfrieds und den Untergang der Burgunder im Kampf gegen die Hunnen. Schon früh wurde deshalb spekuliert, dass es sich eigentlich um zwei unterschiedliche Erzählungen handelte, welche nur dramaturgisch durch einen dünnen Handlungsfaden verbunden wurden.

Während der erste Teil durch seine sagenhaften Anklänge geschichtlich schwerer einzuordnen ist, geht es im zweiten Teil nach wohl vorherrschender Meinung um den Untergang des Burgunderreiches während der Umwälzungen der Völkerwanderung. Aufgrund der besseren Überlieferungslage sind die insoweit handelnden Personen wie Attila alias Etzel oder Theoderich der Große alias Dietrich von Bern historisch leichter zu identifizieren.

Aber bereits am Beispiel dieser beiden verbürgten geschichtlichen Heroen fällt auf, dass im Nibelungenlied verschiedene „Heldengestalten“ miteinander agieren, welche sich tatsächlich niemals begegnet sind. So war Attila bei der Geburt Theoderichs bereits verstorben. Auch verbrachte Theoderich seine Jugend nicht als Geisel bei den Hunnen, sondern am Hof des oströmischen Kaisers Leo I.

1. Das Reich der Burgunden als Hintergrund von „Krimhilds Rache“ :

Aus dem Neckar - Taunus Raum kommend, drang der germanische Stamm der Burgunden

( später auch Burgunder genannt ) um den Jahreswechsel 406 / 407 im Zuge der Zerfalls- erscheinungen des römischen Limes über den Rhein vor. Ca. 413 schlossen sie mit dem weströmischen Reich einen Bündnisvertrag, welcher ihnen als „Foederati“ gegen Stellung von Truppen einen großen Siedlungsraum im Rheingebiet zugestand. Ob es sich dabei tatsächlich um das mittelrheinische Gebiet um die Stadt Worms herum handelte, ist noch strittig. Als die Burgunden unter ihrem Anführer Gundahar ab 430 begannen, sich weiter nach Westen in römisches Provinzgebiet auszudehnen, kam es erneut zum offenen Konflikt mit dem West-reich.

Unschwer ist in der Person des Gundahar die Person des Gunthers aus dem Nibelungenlied zu identifizieren. Anders als dort ist sein historischer Gegenspieler jedoch nicht der Hunne Attila, sondern der römische Heermeister Flavius Aetius.

Der um 390 geborene Aetius war in seiner Jugend zunächst als Geisel bei den Hunnen aufgewachsen. Nach einer glanzvollen militärischen Karriere als „Magister militum“ des weströmischen Reiches floh er aufgrund einer Palastintrige erneut zu den Hunnen. Mit deren Hilfe kehrte er 433 an den weströmischen Hof zurück, wo er als Heermeister das marode Reich ein letztes Mal militärisch stabilisieren konnte.

Hierzu zählte insbesondere der Feldzug gegen die Burgunden, wobei sich Aetius aufgrund seiner Beziehungen auch hunnischer Hilfstruppen bediente. In den folgenden Kämpfen der Jahre 435 / 436 wurde das Reich der Burgunden von den Truppen des Aetius vernichtet und Gundahar getötet. Anschließend siedelte der siegreiche Feldherr die überlebenden Burgunden im Rhonetal / Savoyen als Puffer gegen die germanischen Alemannen an.

2. Das Leben Attilas als Hintergrund von „Krimhilds Rache“ :

Der Hunnenkönig Attila trat nach den historischen Quellen bei dem Feldzug gegen die Burgunden selbst nicht in Erscheinung. Er regierte die Hunnen seit 434. Nach der Ermordung seines Bruders Bleda 444 / 445 wurde er ihr unbeschränkter Großkönig mit Herrschaftssitz in der ungarischen Tiefebene an der Theiß. Während er Feldzüge gegen Ostrom unternahm, unterhielt er zum weströmischen Reich, vermutlich aufgrund des dortigen Heermeisters Flavius Aetius ( s.o. ), überraschend gute Beziehungen.

Aber nach einem als Heiratsangebot getarnten Hilfserbitten der verzweifelten Schwester des weströmischen Kaisers Valentinian III forderte Attila sogleich die Hälfte Westroms als „Brautgeschenk“. In der Folge fiel er mit seinen überlegenen Reiterhorden in das Reich ein und konnte erst nach langen wechselhaften Kämpfen im Jahr 451 in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern von Flavius Aetius und einem Vielvölkerheer aus Römern, Westgoten und anderen Germanen ( vermutlich auch Burgundern ) zurückgeschlagen werden.

452 fiel Attila erneut mit seinem Heer in Italien ein. Diesmal wurde sein Kriegszug nach anfänglichen Erfolgen letztlich wohl durch Seuchen und Versorgungsprobleme gestoppt, welche der Römer Aetius durch die ausweichende Militärtaktik der „verbrannten Erde“ noch gesteigert hatte.

Nach dieser wiederholten Niederlage zog sich Attila in seinen Herrschaftsraum zurück und starb 453 während der Hochzeitsnacht mit seiner germanischen Braut Ildikó, der Tochter eines gotischen oder gar burgundischen Fürsten. Die Todesursache war entweder ein Blutsturz oder beigebrachtes Gift.

Da Ildikó auch als Hildiko bzw. neuhochdeutsch „Hildchen“ übersetzt werden kann, sieht man in dieser Braut des Attila ein mögliches Vorbild für die Krimhild der Nibelungensage.

Der mächtige Heermeister Flavius Aetius wurde 454 während einer Audienz vom damaligen Kaiser Valentinian III eigenhändig umgebracht. Gelegentlich wird der Römer Aetius aufgrund seiner historischen Rolle als der eigentliche „Etzel“ des Nibelungenliedes angesehen. Auch waren es historisch gesehen letztlich die Römer, welche den Untergang der Burgunden / Nibelungen und den Tod Gundahars / Gunthers zu verantworten hatten.

3. Das Leben des Arminius / Hermann als Hintergrund von „Siegfrieds Tod“ :

Während die Rollen des Gunther, des Etzel und der Krimhild aufgrund der historischen Geschehnisse leicht(er) zuzuordnen sind, stellt sich für den ersten Teil des Nibelungenliedes die zentrale Frage, welche historische Persönlichkeit eine derartige Wirkungskraft ausgeübt haben könnte, um aus dem Dunkel der sagenhaften Überlieferungen ein Vorbild für die Figur des Helden Siegfried zu sein.

Angeführte „zeitgenössische“ Personen der Völkerwanderung werden dem nicht ansatzweise gerecht. Aus den langen Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen , um die geht es letztlich trotz aller Verzerrungen auch im Nibelungenlied ( s.o. ), ragt jedoch ein Mann hervor, dessen Leben und Sterben in den grundlegenden Motiven auf den Sagenheld Siegfried wie eine Schablone zutrifft : Arminius, der Fürst der Cherusker.

a. Das Motiv der Herkunft und Namensgebung :

In einigen Versionen der nordischen Sagas wächst Siegfried in der Wildnis auf, gesäugt von einer Hirschkuh. Ggf. stellt dies eine Parallele zur römischen Sage von der Romulus und Remus säugenden Wölfin dar. Nach verschiedenen Deutungen des Stammesnamens der Cherusker ist wohl der Hirsch, germanisch herut, als deren „Wappentier“ anzusehen.

Im Nibelungenlied wird der Name von Siegfrieds Vater mit Siegmund angegeben. Nach den römischen Quellen lautet der Name von Arminius Vater Sigimer oder Segimer. Die Silbe Sig bzw. Seg war bei den Cherusker offenbar recht gebräuchlich ( siehe z.B. auch Segestes ) und deutete wohl auf Auszeichnung im Kampf hin. Der Name der Mutter des Arminius bleibt unerwähnt.

Auch sein germanischer Name ist unbekannt. Der Name Arminius wurde ihm von den Römern wie üblich erst bei der Verleihung des römischen Bürgerrechts gegeben. Er steht wohl am ehesten für „der Blauäugige“ (von armenium - „bergblau“). So wurde der Bruder des Arminius von den Römern auch nur schlicht Flavus, „der Blonde“, genannt. Der Name Hermann taucht erst später im Mittelalter auf und wurde angeblich von Luther geprägt. Angesichts der hohen Stellung seines Vaters Sigimer ist der gleichbleibende Namensteildes „Sig“ bei dem germanischen Namen des Arminius naheliegend.

Als Herkunft Siegfrieds wird im Nibelungenlied Xanten angegeben. Die historische Stadt Xanten ist römischen Ursprungs und diente unter dem Namen Vetera als eines der zentralen Lager der römischen Rheinlegionen. Arminius ist zunächst selbst ein Mitglied dieses Heeres, welches später von ihm vernichtend geschlagen wird.

b. Das Motiv des mutigen Kämpfers :

Ähnlich wie Siegfried im Nibelungenlied war Arminius nicht nur ein Anführer seines Volkes, sondern auch ein im Kampf erfahrener und herausragend erfolgreicher Krieger.

Bereits im römischen Militärdienst ab spätestens 4 bis 9 n.Chr. zeichnete sich Arminius als Führer von germanischen Hilfstruppen in den Feldzügen des späteren Kaisers Tiberius in Germanien und / oder Pannonien derart persönlich aus, das er in einer bis dahin beispiellosen Karriere als Germane sogar in den römischen Ritterstand aufsteigen konnte.

Der persönlich mit ihm bekannte römische Historiker Paterculus, selbst ein ranghoher Soldat, schilderte den späteren Gegner Arminius nach den gemeinsam verbrachten Kriegsjahren wie folgt : “ Er war tüchtig im Kampf und rasch in seinem Denken, ein beweglicherer Geist als es die Barbaren für gewöhnlich sind. Das Feuer seines Geistes verriet sich schon im Blick seiner Augen“.

c. Das Motiv des Drachenkampfes :

Vermutlich durch die persönlich erlebte römische Herrschaftspraxis in der germanischen Provinz entschied sich Arminius jedoch trotz geringer Erfolgsaussichten für den Kampf gegen die zu dieser Zeit geradezu übermächtig wirkende „Weltmacht“ Rom.

Ungeachtet aller persönlichen Gefahren und trotz Verrats seiner Pläne organisierte Arminius, quasi vor den Augen des recht vertrauensseligen Statthalters Varus, einen erfolgreichen germanischen Aufstand der durch das Inferno der Schlacht im Teutoburger Wald bzw. Varusschlacht um 9 n.Chr. mit einem Schlag die römische Herrschaft in Germanien jenseits des Rheins beendete und Rom in seinen Grundfesten erschütterte.

Dieses Motiv des Kampfes gegen einen schier übermächtigen Gegner findet sich bei Siegfried in Form des Drachenkampfes wieder. Die insoweit deutlich detaillierten Edda-Schilderungen über den Drachenkampf lassen überraschende Parallelen zu den jüngsten Erkenntnissen über den mutmaßlichen Ablauf der Varrusschlacht aus dem Raum um Kalkriese erkennen.

So stellt Siegfried dem Ungeheuer auf dessen Weg zum Wasser mit einer Erdgrube eine Falle. Darin verborgen sticht er dem Lindwurm in das Herz.

In Kalkriese wurde eine Erdwallanlage aufgefunden, mit der die dahinter verschanzten Germanen unter Arminius den auf dem Rückmarsch zum Rhein befindlichen römischen Legionen den Weg abgeschnitten haben sollen. Vermutlich kam es dort zu dem Endpunkt eines sich über mehrere Tage hinziehenden Kampfes, in welchem die Legionäre in ihrer verwundbaren Marschformation von den Germanen angegriffen wurden.

Der sich über viele Kilometer erstreckende Zug der Römer unter dem Befehl des Statthalters Varus, bestehend aus den drei kampfstärksten Legionen des Reiches, jeder der bis zu 18.000 Berufssoldaten mit Kettenhemd, Helm und eisenbeschlagenem Schild, wird wohl selbst von heutigen Autoren noch als „lindwurmartig“ bezeichnet. Den drei Legionen voran wurden die römischen Feldzeichen getragen. Zu Zeiten des Arminius waren dies die römischen Adler. Bereits vor der Völkerwanderung wurde der Adler im römischen Heer jedoch durch den eindrucksvollen Kopf eines Drachen ersetzt.

Nachbildung eines römischen Standartenträgers der Kavallerie nebst drachenköpfigem Feldzeichen aus der späten Kaiserzeit

d. Das Motiv des Blutbades und der Unverwundbarkeit :

Nach dem Sieg über den Drachen nimmt Siegfried ein Bad in dessen Blut, um hierdurch für seine Feinde unverwundbar zu werden.

Auch der Sieg des Arminius und seiner Verbündeten ist absolut. Die drei Legionen nebst Tross und Hilfstruppen werden so vollständig vernichtet, dass sie auf kaiserliche Weisung hin nie wieder aufgestellt werden. Der Statthalter Varus stürzt sich auf dem Schlachtfeld in sein Schwert. Das seit langer Zeit sieggewohnte römische Reich ist nach heutigen Maßstäben geradezu traumatisiert. Der damalige Kaiser Augustus soll mit dem Ruf „Varus, Varus gib mir meine Legionen zurück“ aufgelöst durch seinen Palast geirrt sein.

Auf dem morastigen Schlachtfeld lagen unter Berücksichtigung der germanischen Verluste bis zu 25.000 Tote nebst Pferden und Maultieren. Nach den römischen Quellen und den Erkenntnissen bei Kalkriese hatte es zuvor bzw. während des Kampfes in Strömen geregnet. Selbst für die damaligen Verhältnisse muss das Kampfgebiet einen apokalyptischen Eindruck geboten haben, zumal Schlachten dieser Größenordnung auf germanischem Gebiet bisher kaum stattgefunden hatten. Nach vorsichtigen Schätzungen moderner Militärhistoriker dürften aufgrund der Schwere der damaligen Kampfverletzungen allein 50.000 Liter menschlichen Blutes den aufgeweichten Boden, die Regenpfützen und die umliegenden Wassertümpel getränkt haben. Verletzte und wohl auch gefangene Römer wurden noch vor Ort massakriert.

Nach den Fragmentfunden aus Kalkriese gingen die Sieger dazu über, den toten Legionären die Rüstungen vom Leib zu reißen. In dem zu dieser Zeit noch eher kleinbäuerlich geprägten Germanien waren Metalle nur spärlich verfügbar. Fast nur Adlige konnten sich Schilder, Kettenhemden, Helme oder Schwerter aus Metall leisten. Der einfache Krieger zog mit dem im Feuer gehärteten Speer und einem Schild aus Holz in die Schlacht.

Nunmehr aber verfügte die Allianz des Arminius neben ihrer spärlicheren Hilfstruppen-ausrüstung mit einem Schlag über zehntausende hochwertige Rüstungen nebst Helmen und Schilden aus den römischen Legionsbeständen. Der weitere Kriegsverlauf belegt die folgende „Unüberwindbarkeit“ der Kämpfer des Arminius.

e. Das Motiv des Hortes und der darin befindlichen Schätze :

Nach seinem Sieg über den Drachen gelangt Siegfried an unermessliche Reichtümer aus dem Hort der Nibelungen, darunter eine Tarnkappe und einen Stab der Beredsamkeit.

Arminius fielen neben den unbezahlbar wertvollen Waffen der Rheinlegionen auch deren gesamte Habseligkeiten, die prachtvolle Ausstattung des römischen Statthalters und wohl unzählige Trossangehörige als Sklaven in die Hände. Römische Städte und Ansiedlungen auf germanischem Gebiet, wie z.B. Waldgirmes, wurden zerstört und vollständig geplündert.

Wie zuvor bei der Planung des Aufstandes unter den Augen der Römer gelang es Arminius mit einer bis dahin nahezu einmaligen diplomatischen Leistung ein dauerhaftes Bündnis aus verschiedenen, traditionell zerstrittenen germanischen Stämmen zu schmieden. Dieses erwies sich als stark genug, um den römischen Rache- und Rückeroberungsfeldzügen der Jahre ab 14 bis 17 n.Chr. erfolgreich standzuhalten.

Der römische Feldherr Germanicus setzte während dieser mehrjährigen Feldzüge zeitgleich nahezu ein Drittel des gesamten römischen Heeres der damaligen Zeit ein. Arminius griff seinerseits immer wieder auf eine ausweichende Guerillastrategie zurück. Überraschende Angriffe auf die Marschkolonnen des Gegners und kontrollierte Absetzbewegungen in den schützenden Wald bei einem problematischen Kampfverlauf kennzeichneten die bevorzugte Taktik des Arminius. Angesichts dramatischer römischer Verluste und geringer Erfolge befahl der nunmehrige römische Kaiser Tiberius, ein früherer Kampfgefährte des Arminius (s.o.), im Jahr 17 n.Chr. seinem Feldherrn Germanicus den endgültigen Abbruch der Feldzüge.

In der weiteren Folge nahm es Arminus noch im selben Jahr mit Marbod, dem äußerst mächtigen König der Markomannen und dessen unabhängigen Großreich im heutigen Tschechien bzw. Böhmen auf. Dieses verfügte nach römischen Quellen über ein Heer von ca. 75.000 Kriegern und hatte bis dahin selbst für Rom eine nachhaltige Gefahr dargestellt.

Und auch in diesem Kampf gelang dem Stammesbündnis unter Führung des Arminius der Sieg. Und dies trotz des verräterischen Überlaufens seines Onkels Inguiomerus zu den verfeindeten Markomannen. Der gedemütigte Marbod musste im Jahr 19 n.Chr. schließlich sogar in ein römisches Exil fliehen.

Im Krieg erwies sich der geschickte Kämpfer und Diplomat Arminius damit trotz seiner militärisch übermächtig wirkenden Gegner als unbesiegbar.

f. Das Motiv des Verrats und der Ermordung durch die eigenen Verwandten :

Der unverwundbare Siegfried wird von den gekränkten und neidischen Verwandten seiner Ehefrau mittels einer List hinterrücks ermordet. Die Tat wird von dem grimmen Hagen ausgeführt.

In den Berichten des Tacitus zum Tod des Arminius ist festgehalten, dass dieser ca. 19 / 21 n.Chr. durch die „Hinterlist seiner Verwandten fiel“. Er hatte wohl auf dem Weg zu einer Art „Königswürde“ zu viel Macht erlangt und erschien nach Wegfall des äußeren Feindes im internen Gefüge der Stammesfürsten schlicht zu gefährlich.

Der Mörder des Arminus wird namentlich nicht genannt. Ausgehend von dem spärlichen Berichten des Tacitus verblieben jedoch nach dem Verrat des Onkels Inguiomerus ( s.o. ) nur noch zwei in Betracht kommende Verwandte : Flavus, sein Bruder, und Segestes, der Schwiegervater des Arminius. Beide stehen während der kriegerischen Auseinandersetzungen zumeist auf Seiten der Römer.

Segestes soll Arminius sogar noch (erfolglos) an Varus verraten haben. Obwohl oder gerade weil Arminius seine Tochter Thusnelda zur Ehefrau genommen hatte, betrieb Segestes auch später noch dessen Vernichtung. Schließlich begab sich Segestes im Verlauf der geschilderten Feldzüge 15 n.Chr. nebst seiner Tochter sogar persönlich in die helfenden Hände der Römer.

Der Bruder Flavus blieb als Anführer von Hilfstruppen bis zum Ende der Kämpfe 17 n.Chr. seinem einstmaligen Schwur auf den römischen Kaiser treu. Wie Hagen in verschiedenen Edda-Versionen verlor Flavus nach den römischen Quellen während der Kämpfe ein Auge.

Anlässlich der Feldzüge lieferten sich Arminius und Flavus über die Weser hinweg ein sehr persönliches Wortgefecht, wobei laut des römischen Geschichtsschreibers nur das schnell fließende Wasser ein sofortiges Blutvergießen verhinderte.

Interessanterweise wird Hagen von Tronje in mehreren Deutungen des Ortsnames Tronje ein römischer Hintergrund zugewiesen. So wird das sagenhafte Troja als das Ursprungsland der ersten römischen Siedler oder das in der Nähe von Xanten gelegene Römerlager Colonia Ulpia Trajana als mögliche „Herkunft“ Hagens angeführt.

Da der historisch verbürgte Flavus an den Feldzügen des Germanicus teilnahm ( s.o. ), ist sein Standort in diesem Militärbereich zumindest möglich. Er hatte jedenfalls nach dem Ende des offenen Kampfes, ggf. im naheliegenden Zusammenspiel mit einem im Hintergrund die Fäden ziehenden Schwiegervater Segestes, ein Motiv und räumlich gesehen wohl auch Gelegenheit zum geschilderten „hinterlistigen“ Mord an Arminius. Bezeichnenderweise wurde erst dem in Rom geborenen Sohn des Flavus mit Namen Italicus von den führungslosen Cheruskern im Jahr 47 n.Chr. die Herrschaft über den Stamm angetragen.

Vor diesem Hintergrund sei noch angeführt, dass in der dem Nibelungenlied ähnlichen Thidrekssaga der dort als „Högni von Troia“ bezeichnete Hagen kurz vor seinem Tod mit einer „hunnischen“ (s.o.) Sklavin einen Sohn zeugt und dieser den Schlüssel zum Hort Siegfrieds übergibt.

g. Das Motiv der treuen Ehefrau am fremden Hof und des gemeinsamen Sohnes :

Krimhild bleibt Siegfried nach dessen Ermordung in aufrechter Liebe und Trauer verbunden. Sie rächt seinen Tod am Hofe der Hunnen an ihren Verwandten. Der gemeinsame Sohn wird ohne nähere Beschreibungen in das Nibelungenreich gebracht.

Die tragische Beziehung zwischen Arminius und seiner Ehefrau Thusnelda ist wohl das erste überlieferte „Liebesdrama“ aus dem deutschen Raum. Nach wiederholten Zerwürfnissen mit seinem im Machtgefüge konkurrierenden Schwiegervater Segestes muss Arminius miterleben, wie dieser im Jahr 15 n.Chr. die schwangere Thusnelda nach Rom verbringen lässt. Zur Haltung Thusneldas in dieser Situation schreibt der römische Historiker Tacitus wörtlich : „Sie stand mit dem Herzen mehr auf der Seite ihres Mannes als ihres Vaters. Sie ließ sich keine Träne entlocken und kein flehendes Wort verlauten; die Hände im Schoß zusammengelegt, blickte sie auf ihren schwangeren Leib.“ Sie sah Arminius niemals wieder.

Der Sohn des Arminius mit dem überlieferten Namen Thumelikus wird während des so erzwungenen Aufenthalts im römischen Reich geboren. Seinen Vater hat er weder sehen, noch rächen können. Seine Spur verliert sich letztlich im Dunkel der Geschichte.

Auch der einst so mächtige Stamm der Cherusker hinterlässt bald keine geschichtlichen Spuren mehr. Nach andauernden internen Zwistigkeiten, befördert durch die erfolgreiche römische Diplomatie des „Teile und Herrsche“ geht auch dieser Volksstamm ähnlich wie später die Burgunder sinnbildlich unter. Mutmaßlich gehen die Angehörigen der Cherusker später in dem sich langsam bildenden Stammesverbund der Franken auf.

h. Das Motiv des Gedenkens in Liedern und Gesängen :

Dem Helden Siegfried wurde im germanischen Sprachraum dauerhaft in den Überlieferungen der Edda und letztlich auch im Nibelungenlied gedacht. Sämtliche Schilderungen wurden deutlich nach den dramatischen Ereignissen um den Cherusker Arminius niedergeschrieben.

Eine germanische Geschichtsschreibung fehlte zu dessen Zeit noch und wurde durch die mündliche Überlieferung und Gesänge ersetzt. Eine noch im späteren Mittelalter bei den Volkssagen zu beobachtende märchenhafte bzw. symbolische Verfremdung und / oder Überhöhung der wahren Personen und Ereignisse ist einer derartigen Überlieferungsform geradezu innewohnend.

Tatsächlich berichtet der römische Historiker Tacitus in seinen zu Beginn des 2. Jahrhunderts n.Chr. verfassten und lange verschollenen „Annalen“ bzgl. des germanischen Gedenkens an Arminius wörtlich : „Noch heute besingt man ihn bei den barbarischen Völkern.“

Selbst seine römischen Feinde fällten über ihn ein historisches Urteil, welches Arminius bei den germanischen Völkern unsterblich gemacht haben mag. So heißt es bei Tacitus weiter :

„Arminius hat nicht wie andere Heerführer und Könige das römische Volk in seinen Anfängen herausgefordert, sondern das in höchster Blüte stehende Reich. In den Schlachten kämpfte er mit wechselndem Erfolg, im Krieg blieb er unbesiegt. Er war ohne Zweifel der Befreier Germaniens.“

Den sicheren Nachweis, dass das Schicksal des Arminius in der Form der Siegfriedsage und dem Nibelungenlied verewigt wurde, bleibt die Geschichte leider wohl für immer schuldig.

Alle Thesen bleiben auch unter den Experten aus den unterschiedlichsten Gründen heftig umstritten.

Aber welcher Sänger oder Barde würde wohl einen solchen Menschen mit all seiner persönlichen Tragik jemals der Vergessenheit preisgegeben haben !?

Resümee:

Tobias. Position. 12.5.2011

1. Kernthese

Das Höfische (Siegfried im Turnier) feiert im ersten Teil, und das Archaische im zweiten Teil (die 38. Av. ist eine Ode an das Archaische), und doch feiert sich im Höfischen nur das Archaische, und das Archaische (Kriemhilds enthauptener Hieb) geht am Höfischen zugrunde.

2. Kurze Charakteristik des Höfischen und des Archaischen

Das Höfische: - formalisiert mögliche Konfliktlinien, Begierden und Ansprüche (Macht, Erbschaft, Ehe) durch Bräuche, Rituale und Spiele (Turniere). - etabliert Schlichtungsinstanzen (Rat). - ist klar in Macht- und Entscheidungshierarchien gegliedert, mit einem zentralen Monarchen (Geschlechtsfolge). - etabliert sich mit anderen Gruppen, lädt das Andere ein, grenzt es nicht aus (Fest, Gastfreundschaft). - achtet die Regeln des Anderen. - Ideal: höfisch-kultivierter Held - Codes des Zusammenseins und des Gruppen-übergreifenden Miteinanderseins. - Grundlegendes Motiv der Handlungsdynamik: Harmonie aller Existenzbereiche. - Ethische Dynamik: durch spielerische Auseinandersetzung Freund werden und Ehre gewinnen (Turnier).

Das Archaische: - grenzt hermetisch Fremdes aus, tötet es, sieht im Fremden/Anderen eine Gefahr, ahnt immer eine eindringende Gefahr - ist zentriert auf strenge Zugehörigkeitsriten und Gelöbnisse, deren zentrales Motiv Abwehr und Rache ist. - kennt keine Schlichtung: Auge um Auge, Zahn um Zahn - misachtet die Regeln des Anderen - ist örtlich und von der Mitgliederzahl stark begrenzt - der Führer ist tendenziell der Stärkste - Ideal: der Held, der Anderes tötet - Codes der kategorisch-ausgrenzenden Gruppenidentifizierung - Grundlegendes Motiv der Handlungsdynamik: Rache - Ethische Dynamik: das Andere nichten, Köpfe der Feinde nach Hause tragen.


3. Aufbau der Spannung in der Erzählung: Aushöhlung des höfischen Wertesystems und Immanenz des Bösen

a. Aushöhlung des höfischen Wertesystems Im NL wird das Höfische ausgehöhlt, das alte Wertesystem zersetzt, von Hagens Speer durchbohrt, von Gernots Fürstenhafter Lüge (1097: er wisse von nichts,kenne keinen Täter, dagegen 865: er gehört zum Kreis der Mitwissenden über den Komplott) zum Gespött. Zugleich droht durch den Überhelden Siegfried, dem spielenden blinden Giganten, eine Entleerung aller Spannung des Höfischen, indem er immer schon Sieger ist, das Magische (Drachen etc.) und die Natur (Bären, wilde Eber 961) bannt, auf den Sattel bindet, Wälder ent-“leert“, so dass nichts mehr zur Jagd übrig bleibt, zugleich Mensch und 'Tier' ist (1002), das Wilde der Natur (in Form des Bärens) nach Belieben demütigend auf andere entlässt. Siegfried, der Held, der keine Angst kennt und dem sein eigener Tod, immer angezeigt und präsent durch den Riss, das Lindenblatt, seiner Panzerung und Kriemhilds wiederholte Warnvisionen, unbewusst ist, 'büßt' schließlich für seine höfische Erziehung (980).

b. Immanenz des Bösen Im NL ist das Böse ist nicht mehr Draußen, in einem (klar) vom Guten getrennten, eher abstrakten Anderen, es wird auch nicht mehr gesetzt oder göttlich verwaltet, sondern das Böse ist der Andere, der Freund, die Geliebte, der Fremde. Es kommt nicht mehr (archaisch) wie Grendl vom dunklen Berg zur Tür hinein, in das Heim des Inneren, sondern lauert schon immer, als Argwohn, Verdacht, im Inneren. Siegfried weiss davon nichts, und stirbt. Durch die Inversion der archaischen Ausgrenzung (nur die, die in der Halle sind, sind gut) differenziert sich das Böse, wird zum Fiesen, Grimmigen, zugleich perspektivisch, kontextuell, abgeleitet, tritt in ein neues Verhältnis zum Guten. Hagens Grimm, sein ständiges Grübeln, folgt der Inversion und der hieraus resultierenden Ambivalenz zwischen Gut und Böse. Er sieht, dass zum einen Siegfried das Höfische aus dem Gleichgewicht bringt (Andreas: vgl. I.8, I.12, IV. 6) und zum anderen das Höfische keine Mittel der Ausgrenzung oder Integrierung bereitstellt. Charakterisiert wird die Instabilität der Konstellation, die Hagen umgibt, durch den unheilbaren Riss in Siegfrieds göttergleichem Status, den ein Zufall - das herabfallende Lindenblatt - setzt, und dem unheilbaren Bruch höfischer Codes, den Brünhilds Niederlage im Schatten Siegfrieds setzt - scheinbar aus einer bloßen Laune oder Vorliebe Gunthers, des Königs, resultierend. Zur Lösung dieses Dilemmas könnte nur eine Reflexionsebene führen, die sowohl das Archaisch-Heldenhafte (Siegfried, der gegen das Monster kämpft) und das Höfische in Frage stellt. Eine solche Reflexionsebene, etwa unter dem Titel der Weisheit oder der Ironie, etabliert das Nibelungenlied nicht. Auswegslos in das Dilemma gestellt, retabliert Hagen das Archaische, indem er vergeblich versucht, das Archaische durch sich selbst zu nichten, indem er den Speer in die Brust des Gastes treibt.


4. Klärende Rache um jeden Preis, Wiederkehr des Archaischen: Kriemhild und Hagen, Auge um Auge, Zahn um Zahn.

In der 21. Av (Wie Kriemhild zu den Hunnen zog) dominiert noch das Höfische durch Harmonie (Triebausgleich, Befriedigung) und klare Rollenverteilung entlang der Themen: 1. Turnier, Tapferkeit, Begafft von Frauen 2. Gastfreundschaft, Bewirtung, Unterkunft/Quartier 3. Kleiderordnung, Waffenordnung 4. Dem anderen Dienen (Mann-Frau etc.) 5. Begleitung, Schutz 6. Küssen 7. Turteln 8. Ausschau halten, Sorgen. 9. Reichtum, Überfluss 10. Bewegung und Wohnen zwischen Burgen, die Gefährliche Zwischenbereiche miteinander verbinden, jedoch innerhalb von Einflusszonen, die Andere/Freunde schützen (Reise) 11. Geschenke 12. Wertschätzung gewinnen 13. Empfang bei Eintritt in Hoheitszonen. All dies schließt V. 1368 ab: „dass da ein jeder zu aller Zeit die Unterhaltung fand, wonach ihm Herz und Sinn stand“. In Av. 22 bricht die höfische Harmonie, es kommt zu Tränen und Erinnerung (1371), zur Ankündigung von Leid. In Av. 23 brüllt schon der Grund, der eigentliche Anlass des Auszugs durch die frohe Gesellschaft hindurch, Mord, Plan, Rache.


5. Übergreifende Schlussthese

Im ersten Teil ragt durch Siegfried als Meta-Held (unbezwingbar, ohne Angst, arglos) und Über-Tier (er beherrscht wilden Eber und Bär) das Archaische berstend in das Höfische hinein, und verweist damit zugleich auf eine grundlegend in das Höfische eingebaute Spannung, die auch Hagens Speer nicht zu durchdringen vermag: der Meta-Held oder der Archetyp Held (als idealer Krieger) bleibt Protagonist des Höfischen, auf ihn hin ist alles (Liebe, Kampf, Turnier, Minne) ausgerichtet, aber eben gezähmt, formalisiert in Codes, das Wilde gebannt im Blick der Anderen, des Hofes, der Liebenden. Mit Siegfried reißen die Codes, er überdehnt das System und verweist zugleich auf dessen Kollaps, die Entwertung der Werte, die im Streit zwischen Hagen und Kriemhild im zweiten Teil des NL in eine unentrinnbare Spirale führt, die alle Spieler entfremdet, keinen mehr als echt erscheinen lässt, jede Tat (paradigmatisch: die Gabe, die Ehrenhandlung) in ihr Gegenteil verkehrt, sie kollabieren lässt. Diese tragische Zuspitzung erreicht ihren Höhepunkt in Rüdigers Zug gegen die Burgunden (2153, 2166): Rüdiger muss das Höfische aufgeben, um Höfisch zu sein: er muss, um Kriemhild die versprochene Treue zu halten, die töten, denen er als Burgunder und Freund Treue pflichtig ist; und wäre er den Burgundern treu, würde er die Eide brechen, die er Kriemhild schwor. "Heimatlos" im Lande Etzels muss Rüdiger das vernichten, was für ihn "Heimat" ist, ortlos rasend werden für etwas, was er "nicht will"; ohne Zögern, nur durch einen Punkt getrennt, folgt auf die Ehrerbietung unter Burgunder-Freunden in gemeinsamer Halle die rasende Wut der blindwütig Tötenden (2206: Rüdiger: "Vor Kampfeszorn begann er zu rasen"). Die Gaben, die er den Burgundern vor dem Kampf gibt (Schild, Schwert), wenden sich im Kampf gegen ihn, Gernot tötet ihn mit der Gabe, zugleich tötet Rüdiger in Gernot den, dem er die Gabe gab: die Gabe wird damit genichtet, und auch die Möglichkeit, Gabe zu geben, alles gefriert, unter dem Blutsee "versinkt höfische Verbindlichkeit" (2202: im Kontext: mit Rüdigers Tod); aus der Stille der Toten ragt jedoch das ins Höfische verkeilte Archaische hervor, das ergötzte Heldenbild, das Lachen Siegfrieds, das in Volkers Fiedel wiederhallt und das verhindert, das Hagen und Gunther leben (überleben): denn sie wollen als Helden, und nicht als Dietrichs Geiseln, angesehen werden; zugleich ist es aber auch das Lachen Siegfrieds, das Kriemhild sterben lässt, die das missachtet, was das Höfische gebietet: sich nämlich so zu geben (so zu sein), wie Siegfrid: sterbe wie ein Held; Hildebrand, der alte, erfahrene Meister, muss Kriemhild erschlagen, sie zerstückeln, um das Höfische zu retten, und sieht doch nicht, dass Kriemhild schon gefroren, schon tot ist: sie kann nicht mehr richtig handeln, ist unbeweglich, so wie der gefesselte Hagen und Gunther. Am Ende stehen sie da, Etzel, der König, Dietrich, der Schlichter, Hildebrand, der Wächter der Codes, entfremdet, entkernt, sprachlos, in der Nibelungennot.

Matthias Persönliche Einordnung 19.6.2011

Das Nibelungenlied kennt im Gegensatz zu dem Beowulf- und dem Gilgamesch-Epos keine wirklich zentrale Heldenfigur. Der zunächst wie der „klassische“ Held wirkende Siegfried geht nicht wie die oben genannten Personen durch einen Reifeprozess in der Auseinandersetzung mit mythischen Monstern, sondern er tritt bereits als Herrscher und unangreifbarer Krieger auf. Nicht der äußere Feind oder der Kampf eines Helden mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten bestimmt den Epos, sondern die Auseinandersetzung mit dem in der höfischen Gesellschaft wirkenden „inneren Feind“ – Falschheit, Eitelkeit, Neid und Habgier– bestimmen das Geschehen.

Gegen diesen Feind kann der „unbekümmerte“ Siegfried trotz aller Heldenfähigkeiten nicht of-fen antreten, weil sich dieser Feind nicht offen zeigt. Er geht daher letztlich am höfischen Intri-genspiel zu Grunde, dessen Teil er ist. Die leichtfertigen Handlungen Siegfrieds und der verletzte Stolz von Brunhilde werden von Hagen und Gunther für eine „gesellschaftliche“ Begründung des Mordes herangezogen. Dabei werden Siegfrieds frühere höfische und kriegerische Verdiens-te, seine Liebesheirat mit der Schwester des Königs und seine Entschuldigung durch deren Maß-regelung bewusst ignoriert. Tatsächlich stellt Siegfried seine „Gefolgschaft“ gegenüber Gunther auch nach außen hin niemals in Frage. Als wahre Motive für den folgenden Mord sind daher, insbesondere anhand der „internen“ Äußerungen Hagens gegenüber Gunther, schiere Habgier, Neid und die Furcht vor Machtverlust auszumachen. Folgerichtig bringt Hagen später dann auch den Hort der Nibelungen unter seine bzw. Gunthers Kontrolle. Die Vorbereitung durch Täu-schung Kriemhilds mittels eines fingierten Kriegzuges und die Durchführung des Mordes sind nach höfischen Maßstäben heimtückisch und würdelos. Der anschließende Umgang mit der ge-zielt vor der Tür Kriemhilds abgelegten blutigen Leiche zeigt zudem deutliche Züge von persön-lichem Hass und Grausamkeit.

Der Mord und seine Folgen zerstören die höfische Gesellschaft der Burgunder, welche danach nur noch nach außen hin formal besteht. Er zieht immer neue Verbrechen nach sich. Die höfi-schen Abläufe und Regeln verkommen zunehmend wie die entsprechenden Textstellen zu aus-gehöhlt wirkenden Phrasen, welche von den burgundischen Herrschern nach Belieben eingehal-ten oder gebrochen werden. Schon bald wird Volker der Spielmann im Rahmen eines eigentlich fairen, unblutigen Turniers mit Billigung Hagens ungestraft einen Adligen der Hunnen nur des-halb gezielt töten, weil dieser hochmütig wirkt.

Die konsequente Rache der durch die Wegnahme des Hortes erneut gedemütigten Witwe Kriemhild wendet sich schließlich gegen die gesamte höfische Elite, welche sich nie ernsthaft gegen die Mörder und Hortdiebe Hagen und Gunther stellte.

Diese gesellschaftliche Deckung und die daraus folgende stillschweigende Billigung der Un-tat(en) ist somit auch der Grund für den folgenden allgemeinen Untergang. Anders als im Film denkt Hagen nämlich gar nicht daran, sich für den burgundischen Hof in auswegloser Lage zum Schutz der anderen persönlich zu opfern. Im Verlauf des Epos mutiert Hagen vielmehr von einem Mörder aus verbrämter Staatsräson zunehmend zu einem fast blutberauschten Verbrecher aus verletzter Ehre / Stolz. Als man ihm Feigheit vorwirft, führt er die Nibelungen sehend und gezielt in deren Ende am Hofe Etzels. Dabei sprengt er in seinem Tun zunehmend weitere Regeln des höfischen Ritus. Der von ihm getäuschte Fährmann wird samt der Fähre beseitigt, um ein Entkommen unmöglich zu machen. Der Kaplan des Königs, ein nach höfischen Normen un-antastbarer kirchlicher Würdenträger, wird zur schieren Überprüfung einer heidnischen Wahrsa-gung von Hagen fast im Fluss ertränkt. Die archaischen germanischen Gesetze des Stärkeren und der unbedingten Treue zum Kriegsfürsten brechen neben mythischen Prophezeiungen immer mehr durch. Schließlich ist der die Eskalation immer weiter provozierende Hagen auf der höfisch bzw. sittlich untersten Stufe angekommen, auf der er das unschuldige Kind seines bis dahin um Ausgleich bemühten Gastgebers Etzel mitleidslos ermordet, nur um damit erneut Kriemhild zu treffen. Mit ihm mutieren die Nibelungen im erzwungenen Endkampf gegen die Hunnen zu wahrlich erschreckenden „Blutsäufern“, die ihn für diese „Wohltat“ ohne erkennbare Ironie noch huldigen.

Und Kriemhild dreht sich in dieser Spirale der Gewalt immer weiter mit. Sie opfert umgekehrt aus fortdauernder Liebe zu Siegfried selbst ihr Kind und ihre Familie um die ersehnte Rache zu erhalten. Schließlich vollzieht sie diese eigenhändig – nur um sogleich selbst erschlagen zu wer-den. Für Gnade, Mitleid oder andere christliche Werte ist kein Raum, es bleiben nur Blut, Tod und die immer wieder angeführten Tränen der zurückgebliebenen Frauen. Es gibt daher auch keine erkennbar versöhnliche Botschaft am Ende des Liedes. Die Überlebenden, Etzel und Diet-rich von Bern, ziehen keine Moral aus dem Geschehen und bleiben quasi vor Schrecken stumm vor den rauchenden Trümmern der Halle zurück.

Aus subjektiver Sicht kann das Nibelungenlied daher auch als eine Parabel für die Gründe des Untergangs einer ihre Werte verratenden Gesellschaft verstanden werden.

Die Reflexion des Nibelungenliedes ist in Deutschland bis zu den Weltkriegen leider völlig ge-gensätzlich. Um in den kriegerischen Auseinandersetzungen mit Frankreich bis zum 1. Weltkrieg bestehen zu können, wurden gemäß der Propaganda der Freiheitskriege und des deutschen Kai-sertums aus dem zum „Nationalepos“ stilisierten Werk angeblich rein deutsche Tugenden wie unbedingte Treue bis hin zur Kritiklosigkeit sowie Tapferkeit vor dem Feind bis hin zur Selbst-aufgabe in aussichtsloser Lage herausgelesen und unreflektiert einseitig betont. Durch vorgege-bene Schulrichtlinien und kaum noch werksgetreue Nacherzählungen wurden in den Köpfen zunehmend falsche Heldenbilder aufgebaut, bis hin zu einem als „eiserner Kanzler“ wirkenden Hagen.

Mit verhängnisvollen Ergebnissen. Fast wirkt das Nibelungenlied selbst wie eine verschleierte Prophezeiung dessen, was der deutschen Gesellschaft mit ihren verbrecherischen Führern in der NS-Zeit sowie den deutschen Soldaten im Kessel von Stalingrad widerfährt. Am Ende steht je-weils der Untergang.

Vielleicht ist das Nibelungenlied daher tragischerweise tatsächlich als das deutsche Nationalepos anzusehen, welches es ursprünglich nie war.