Odyssee

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Symposien

Rekonstruierte Reiseroute
  • 1. Juni Rapfenangeln in Alt Schadow - siehe auch unsere Fotos
  • 23. Juni 2011 - 20:30 Uhr bei Matthias. Themen: Übersicht über die griechische Götterwelt (Andreas), zur Person Homers (Matthias), Versionen und Tonscherben - Textgenese (Tiemo)
  • 17. August 2011 - 20:30 Uhr bei Tobias. Themen: ...
  • 27. Mai 2012 - Bulettenessen
  • 1. Juni 2012 - 20:30 bei Matthias: Lesen I-III
  • 3. Juli 2012 - 19:00-22:00 bei Matthias: Lesen IV-V.
  • 20. September 2012 - 20:30 Uhr bei Tobias: Lesen VI-VII. Diksussion über den epischen Zyklus. Texte: Monro 1884, West 1988, Burgess 2004.
  • 18. Oktober 2012 - 20:30 bei Tiemo: Lesen VIII-IX
  • 12. November 2012 - 20:00 bei Andreas: Lesen X-XI
  • 26. November 2012 - 20:00 bei Matthias: Lesen XII (ohne Tobias)
  • 20. Dezember 2012 - 20:30 bei Tiemo: Lesen XIII (ohne Matthias)
  • 14. Januar 2013 - 20:30 bei Tobias: Lesen XIV
  • 25.(morgens 9 Uhr bei Tiemo Abfahrt) -27. Januar 2013 - im Slawenland unterwegs campierend.
  • 4. Februar 2013 - 20:30 bei Andreas: Lesen XV-XVI. Themen für Kontext-Sitzungen: 1. Odysseus in anderen Texten (Ilias, Kleine Ilias etc.) 2. Sekundärliteratur-Besprechung 3. Rekonstruktion der Stationen der Irrfahrt, eventuell in Kombination mit dem TerraX-Film. 4. Odysseus-Film mit Kirk Douglas.
  • 11. Februar 2013 - 20:30 bei Matthias: Lesen XVII
  • 28. Februar 2013 - 20:30 bei Tiemo: Lesen XVIII.
  • 11. März 2013 - 20:30 bei Tobias: Lesen XIX-XX.
  • 18. März 2013 - 20:30 bei Andreas: Lesen XXI-XXII. Odyssee im Kontext: Aufsätze vorbereiten!
  • 17. April 2013 - 20:30 bei Tiemo: Lesen XXIII; Kontext: Matthias - Tactic; Andreas - Adorno.
  • 6. Mai 2013 - 21:00 bei Matthias: Lesen XXIV
  • 10. Juni 2013 - 21:00 bei Andreas: Kontext: Matthias - Odysseus im Trojanischen Krieg und der Odyssee; Tiemo - Gilgamesch und die homerischen Epen; die Adormo-Horkheimer-These (Sirenen).
  • 28.Oktober 2013 - 20:30 bei Tiemo: Filmabend
  • 14.November 2013 - 20:30 bei Tiemo: Filmabend
  • 16.Dezember 2013 - 20:30 in der kleinen Markthalle - Legiendamm 32: Jahresausklang
  • 7.Januar 2014 - 20:30 bei Tobias: Abschluß und Planung für nächste Themen

Fragen, Kurzeinträge, Thesen, Literatur

Fragen, Kurzeinträge

1) II-III: Adlermotiv der Weissagung (etwa II/148): der Adler als Mittler zwischen Gott und Mensch.

2) III: Kuhritual: ausführliche Schlachtungsbeschreibung, Gewalt (Axthieb), Braten von Fleisch etc. Warum diese sinnlich-physische Nähe zum Ritual? Übergang Leben-Tod am Bsp. der Tiere?

3) II/III: Doppelbewegung: Odysseus ist auf der Rückkehr, Telemachos verlässt die Heimat (fährt mit Athene zu Pylos etc.), um zu erkunden, wo der Vater ist. Was bedeutet die Doppelbewegung? Negativer Fokus auf Machtvakuum am Hof des Odysseus?


4) Enge Verknüpfung mit der Ilias, immer wieder Verweise und wiederholende Kurzgeschichten. (etwa in IV/V)

5) V, 450: der Meeresgot Proteus verwandelt sich in alle möglichen Tiere und Gestalten. (Metamorphose)

6) IV, 577: heimtückischer Saalkampf Aigisthos-Agamemnon im Rückblick: Ähnlichkeiten zum Nibelungenlied?

7) VII, 216-218: die Macht des Hungers über den Menschen: nichts ist unbändiger als zürnender Hunger.

8) VII, 223: Etwas verwirrend ist, dass Odysseus jetzt unbedingt in seine Heimat will, sofort aufbrechen will, während er nach sieben Jahren bei Kalypso keineswegs so stürmisch aufbrach.

9) VI, 117ff: Die Szene mit dem erwachenden stinkenden Odyssesus, der wie ein 'Leu des Gebirges' auftaucht, und den tanzenden weißen Jungfrauen hat etwas Witziges, regt zum Lachen an, nimmt der Tragik ihre Schärfe.

10) Gibt es einen Rüdiger in der Odyssee, eine Tragik der Treue?

11) XXII: auffällig ist die wütende, undifferenzierte Gewalt von Odysseus, der einfach alle und alles tötet.

12) XXI: das Bogen-Spannen korreliert mit der Dynamik des Plots, dem bevorstehenden Höhepunkt, der Rache, gedoppelt.


10) In der Odyssee finden sich wiederholt Verweise auf den listenreichen, verschlagenen Odysseus (etwa: XIII, 290ff.), ohne auf spezifische Ereignisse zu verweisen. Es wäre zu prüfen, inwiefern die Gestalt des Odysseus in anderen Geschichten auch so charakterisiert wird, und welche Ereignisse hierzu Anlass geben. (Illias, Kleine Illias etc.)


11) XV, 160ff, 524ff; und XVII, 160: Weissagende Vögel

12) XVI, 206: wie in der Japanischen Geschicte der Heike: der Mensch steigt und fällt mit der Gunst der Götter.

13) XVI, 206: Macht der Götter, Menschen zu verwandeln. Athene berührt Odyssesus mit einer goldenen Rute, er wechselt vom Bettler zum Herrscher, und umgekehrt.

14) Tiere spielen immer wieder eine wichtige Rolle. Beständig: Rinder, Ziegen, Schafe und Schweine werden verspeit, dienen dem Bedürfnis und der Lust. Schweine: sind Objekt der Sorge durch Schweinehirten und repräsnetieren das Tier, in das Menschen bevorzugt verwandelt werden. Hunde: sind Teil des Haushalts, begleiten Menschen, dienen als Schimpfwort und stellen intime Weggefährten dar, wie Odysseus' Hund Argos, der ihn, selbst sterbend, wiedererkennt (XVII, 291ff.). Adler: Zeichenträger des Traums (etwa XIX, 538) Nachtigall: schöner Gesang (XIX, 518) Eber: repräsentieren unbändige Natur-Kraft, die ein Mensch im Konflikt überwinden kann, auch wenn der Eber Spuren des Konflikts hinterlässt. Anhand genau solcher Spuren wird Odysseus entdeckt (XIX, 439ff).

15) Hallen-Motiv (etwa XIX): in der Halle verdichten sich die Ereignisse, kommt es zur Entscheidung, sammlen sich alle Kräfte.

16) XX, 345ff: Die Szene wirkt modern: das Unbewußte der Freier zeigt sich, nach einer Intervention Athenes, in Form 'gräßlichverzuckter Gesichter'.

Epenvergleich: Schlüsselthemen und vergleichende Charakteristik

1. Reise-Entfremdung-Rückkehr: Selbstfindung, Weisheit

In Odyssee, Gilgamesch, Beowulf und Nibelungen geht es immer zentral um eine Ausfahrt, ein sich entfernen von der sogenannten Heimat, der Geburtsstadt, des eigenen Landes, der eigenen Leute (zur Definition dieses Ursprungs: siehe Fragekatalog in den ersten beiden Gesängen der Odyssee an die Heimat des Fremden, etwa die verkleidete Pallas Athene oder an Telemachos bei Nestor). Durch die Entfremdung kommt es zu einer Auseinandersetzung, Veränderung des Entfremdeten und erneuten Rückkehr in das Bekannte, das nun verändert wird oder einen neuen Status erhält, der jeweils neu zu bestimmen wäre. Im NL wird diese Rückkehr durch den Tod Siegfrieds als Kontinuität einer Person unterbrochen, aber durch die Rückkehr von Hagen etc. an Siegfrieds Hof fortgesetzt. Der Bruch der Rückkehr ist handlungstragend, Rückkehr ist rächende Wiedereinrichtung des Rechten, analog zur rückkehrenden Irrfahrt von Odysseus. Vernetzte Themen: der Fremde, der Held, Entwicklung, Rache/Vergeltung, Gastfreudnschaft. V, 158: Die "große Wüste des Meeres" ist oft der Ort der Irrfahrt, der Entfremdung, das Meer ist "ungeheuer" (278), "tief", "unermeßlich" (174). Zwischen Meer und Land bildet sich in dieser Hinsicht eine Differenz, hinzeu kommt der ewige Streit zwischen Zeus und Poseidon. Menschen müssen sich gegen das Meer wappnen, nicht so sehr auf dem Land.


2. Der entfremdete Held

Stark auf ein oder zwei Protagonisten zentriert, geht es in allen Epen um einen zentralen Entfremdungsprozess durch Schlüsselereignisse (Krieg, Irrfahrt, Götterintervention, enttäuschte Liebe oder Freundschaft, Tücke ...). Thema vernetzt mit: Erfahrung (durch Entfremdung, Schlüsselereignis. IV, 107-109: Entfremdung durch lange Abwesenheit (Odysseus). VI, 206: irrender Fremdling: sowie mit: Identität: Rückkehr-Motif. Odysseus nähert sich, in einer fast tänzelnden, sich verhüllenden und enthüllenden Bewegung seiner Frau in XIX an. Rückkehr wird damit auch zu einer Art Selbstinszenierung der eigenen Identität, durch "wahrheitsgleiche Erdichtungen", Erinnerungen an prägende Ereignisse und deren bleibende Zeichen (das Eber-Mal, XIX, 439ff.), Kämpfe der Aneignung.


3. Entwicklung durch Erfahrung

Erfahrungen, vor allem durch Alter (Summe der Erfahrungen, Weisheit) und Schlüsselereignisse (tiefe Erfahrungen) spielen neben dem Transfer von Wissensebenen (etwa von der göttlichen zu der menschlichen) eine Erzählungs-konstituierende Rolle, außer in den NL bzw. ohne positive Rückläufigkeit im NL (Erfahrung wird in die Geschichte nicht re-investiert)?


4. Schlüsselereignis

Die Epen sind auf eine relativ kleine Anzahl von Schlüsselereignissen hin konzipiert, die eine weit über die betroffenden Personen hinaus geltende Bedeutung tragen. Verbundne mit: Meta-Erzählungen, Schicksal.


5. Meta-Erzählungen und Schicksal

So, wie die Odyssee Teil eines Großzyklus (Argonauten etc.) ist, tritt das Motiv verwebter Geschichten (vielleicht nicht so strak in Gilgamesch?) in allen Epen auf, und zwar durch komplexe 'Gewebe' syn- und diachron. Anschaulich in der Odyssee als Gewebe der Horen (? Stelle suchen). Das Erzähl-Gewebe ist Teil eines Schicksals, das weder von Göttern noch von Menschen ganz kontrolliert und scheinbar passiv 'gestrickt wird' (Horen, Nornen etc.). IV-V Gesang: Bis auf Zeus (IV, 80: kein Sterblicher wettei´fert mit Zeus; 103-4: Kein Gott kann sich gegen den Willen von Zeus stellen) scheinen alle Götter nur in Hoheits- (Poseidon: Wasser, aber keinesfalls uneingeschränkt) und begrenzten Machteinflusssphären bestimmen zu können, wissen aber zugleich über eine Art Schicksal, das sie nicht bestimmen, aber modifzieren können: etwa Poseidon, der Odysseus bei seiner Meer- und Floßreise zu den Phaiaken viel Leid zufügen will. Auf einer anderen Ebene gibt es eine Art freien menschlichen Willen, ein Moment des Arbiträren und Zufälle. V, 436: Odysseus wäre durch eine rollende Woge beinahe "wider sein Schicksal gestorben", wenn ihn Pallas Athene nicht mit "schnellem Verstande gerüstet" hätte. VI, 197: Was ihm das Schicksal bestimmt und die unerbittlichen Schwestern Ihm bei seiner Geburt in den werndenden Faden gesponnen. XIX, 139ff: Penelopeia webt ein großes Gewand, über Jahre, um die Freier abzuhalten, ihr Schicksal verzögernd.


6. Gastfreundschaft und Rituale

Eng verbundne mit den Themen der Entfremdung, des Fremden und der Freundschaft, ist Gastfreundschaft ein verbindendes Thema, dessen Eigengehalt schwer zu bestimmen ist. Es verbindet zunächst die Ausfahrten, indem eine Person von A in B ankommt, dann verbindet es Teilnehmer eines Schlüsselereignisses untereinander, dann allgemein Freunde und Menschen und Götter. Es ist verbunden mit Ritualen und formellen (höfischen) Abläufen, die sich auch im Götterritual (Kuh-Schlachten in der Odyssee 3. Gesang etc.) wiederfínden. In der Odyssee wird der Bruch der Gastfreudnschaft, deren Pervertierung durch die Freier, zum Grundmotiv der rächenden Rückkehr. Zur Gastfreundschaft gehören elementar: Wein/Met, Rinder/Schweine, Feuer, Erzählungen und Gesänge, Respekt/Aufmerksamkeit/Achtung, Demut. IV: Menelaos Gastfreundschaft gegenüber Telemachos. IV, 68: Gastfreundschaft reagiert auf Begierden und Bedürfnisse (Schlaf, Hunger), hohes Moment der Lust und Befriedigung, etwa das "Stillen der Begierde nach Trank und Speise". Meist durch Fleisch und roten Wein. Gesang XIV-XV: hier geht es zentral um Gastfreundschaft, das Aufnehmen eines Fremden (Odysseus) durch seinen Sauhirten Eumaios, und die hiermit verbundenen Werte und Tugenden, im Kontrast zum respektlosen Verhalten der Freier. Gastfreundschaft ist verbunden mit Themen der Treue, der Heimkehr, der Kontinuität.


7. Epischer Zyklus

Homers' Ilias und Odyssee sind Teil eines größeren sogenannten Zyklus von Erzählungen (oder Epen), die weit vorher beginnen und viel später aufhören (etwa die Einnahme und Zerstörung von Troja beinhalten). Die Anzahl ist nicht genau bekannt, bei Proclus (siehe unten) werden wohl 9 aufgeführt. Nach Jonathan Burgess (Performance and the Epic Cycle, 2004) sowie anderen verweist dieser Umstand zunächst auf die rhapsodische Zeit vor der schrifltichen Abfassung und Kanonisierung von Homers Epen: In dieser Vorzeit wurden wohl nie alle Erzählungen in einer einzigen Aufführung vorgetragen, da es viel zu lange dauern würde (Performanz-Aspekt). Vielmehr muss man sich auf Ausschnitte beschränkt haben, die in sich viele Referenzen enthielten (Referenz- und Verschachtelungsprinzip). Daraus resultierte eine Verwobenheit als fortgesetzter Dialog einer nie endenden Geschichte im Sinne ihres Erzähltwerdens, und wohl auch im Sinne ihrer Erweiterbarkeit. Die Unsterblichkeit der Götter garantierte des Weiteren eine potentiell uneingeschränkte Fortsetzbarkeit. Burgess (2004, 15) bringt noch einen anderen Aspekt ins Spiel mit Verweis auf K. Dowden (Homer's sense of text, 1996): alle Epen oder Erzählungen des Zyklus speisen sich aus einem mmythischen Supertext, dessen Zusammenhang nur immer wieder ausschnittsweise aktualisiert und präsentiert wird, ohne genauen Anfang und genaues Ende. Zu bedenken ist also, ob Epen immer oder typischerweise eine solche Einbettung mit sich bringen, und wie diese Einbettung zu verstehen ist. Zu denken wäre etwa an: Edda und Nibelungenlied.


8. Ziel der Irrfahrt: Ruhm und Reichtum

Deutet sich in XIII an. Athene erwähnt Ruhm als Ziel der Leitung Telemachos. Am Ende wird vor der Reise zur Frau erst einmal der Schatz (das Gut)in Sicherheit gebracht, bei dem vorweg auch die Angst entstand, es könne durch die Phäaken minimiert sein.

Ergänzung zu 7.: Als epischen Zyklus bezeichnet man eine Sammlung von Geschichten, die mit dem Trojanischen Krieg zusammenhängen und bereits in vor-homerischer Zeit rhapsodisch verbreitet waren. Homers Illias und Odyssee sind ein Teil dieses Zyklus, aus ihm heraus geboren und ihn fortsetzend durch Variationen und neue Vernetzungen. Da jedoch die Quellenlage über den Zyklus Datierungen und Umfangsbestimmungen kaum zulässt, bleibt unklar, auf welche Weise Homer interveniert. In jedem Fall bewegt er sich aber in einer Art Supertext-Medium des Zyklus, dessen Tradierung und Modifizierung eventuell um 800 vor Christus in einen Doppelprozess von oraler Praxis und schriftlicher Fixierung überging. Ausgehend von einem altgriechischen Text mit dem Titel Chrestomatheia von einem Autor names Proclus – wobei unklar ist, um welche Person es sich genau handelt, eine Zeitspanne zwischen 200 bis 500 nach Christus bietet sich an –, findet sich folgende, bei Wikipedia gelistete Abfolge von Erzählungen:


Titel
Umfang (Bücher)
gewöhnliche Zuschreibung
Inhalt
Kypria 11 Stasinos Die Ereignisse, die zum Trojanischen Krieg führen, und die ersten neun Jahre des Konfliktes, insbesondere das Urteil des Paris
Ilias 24 Homer Achilleus' Zorn gegen König Agamemnon und dann den trojanischen Prinzen Hektor, der mit der Tötung Hektors durch Achilleus aus Rache für den Tod des Patroklos endet
Aithiopis 5 Arktinos von Milet Die Ankunft der trojanischen Alliierten, der Amazone Penthesileia und des Memnon; ihr Tod durch die Hand des Achilleus aus Rache für den Tod des Antilochos; der Tod des Achilleus
Kleine Ilias 4 Lesches Ereignisse nach dem Tod des Achilles: Streit zwischen Aias und Odysseus um die Waffen des gefallenen Achilles und Bau des Trojanischen Pferdes
Iliu persis („Fall von Troja“) 2 Arktinos von Milet Die Zerstörung von Troja durch die Griechen
Nostoi („Heimkehrer“) 5 Agias oder Eumelos Die Heimkehr der griechischen Streitkräfte und die mit ihrer Ankunft verbundenen Ereignisse, die mit der Rückkehr des Agamemnon und Menelaos schließen
Odyssee 24 Homer Das Ende der Reise des Odysseus und seine Rache an den Freiern seiner Frau Penelope, die sein Eigentum während seiner Abwesenheit verprasst haben
Telegonie 2 Eugammon Die Reise des Odysseus nach Thesprotia und die Rückkehr nach Ithaka, der Tod durch die Hand des illegitimen Sohnes Telegonos

 

Für eine Einführung in den akademischen Diskurs über den epischen Zyklus, siehe: Burgess, Jonathan S.: The Tradition of the Trojan War in Homer & the Epic Cycle. Baltimore and London: The John Hopkins University Press 2001.


9. Beowulf und Odysseus

Beowulf sucht die Monster; Odysseus versucht, sie, sofern möglich, zu meiden oder durch List zu umgehen oder zu besiegen. Odysseus ist auf der Rückfahrt, die zur Irrfahrt wird; Beolwulf verlässt die Heimat und bleibt in der Fremde (und in der Nähe der Monster). Beowulf kämpft nackt und instinktiv gegen Grendel; Odysseus setzt List und Technik (Cyclop, Sirenen) ein.


10. James Bond und Odysseus

Ließe sich ein Band knüpfen, das, Adorno/Horkheimers These stützend, von Odysseus zu James Bond reicht? Beide setzen, in Differenz zu Beowulf, List und Technik ein, berufen sich auf ihre Gewandheit, ihre Technik, ihre List, ihr Sich-aus-sich-selbst-Gestalten-Können, ihre Fähigkeit, Probleme selbst zu lösen (Odysseus: Cyclop. Sirene). Odysseus tritt aber noch in einer Art Dialektik zwischen Dulder (Natur- und Göttergewalt) und lsitenreicher Macher (XII, 211: durch meine Tugend (arete)und Weisheit/Rat (boule) entflohen wir dem Cyclopen; so auch im Griechischen: αλλα και ενθεν εμη αρετη βουλη τε νοω τε εκφυγομενον). Bond ist nur noch er selbst, aus sich selbst, aber eben auch, wie Odysseus, durch Technik und List vermittelt.


11. Gilgamesh und Odysseus

Für Adorno/Horkheimer zeichnet das Epos Odysseus eine organisierende Logik der Reise aus, die von dysseus selbst (dem Individuum ausgeht), beruhend auf seinem Willen zur Heimkehr entgegen der Gott- und Naturgewalten. Diese Logik zerstört den Mythos und führt die Erzählung als Epos in Richtung des modernen Romans. In Gilgamesh geht es allerding auch um einen geplanten Ausflug inklusive Rückkehr, und Konflikte mit den Göttern und Naturgewalten. Wo liegt hier eventuell eine entscheidende Differenz? Oder überwiegt doch die Ähnlichkeit?

Laut Gresseth besteht eine sich in den Epen wiederspiegelnde Verbindung des Gilgamesch Epos zu den homerischen Epen. Gleiche kulturelle Kräfte sind aktiv. Beiden Autoren (Homer und den Autor des Gilgmesh) ist gemein, dass sie keine Abenteuergeschichte entwerfen, sondern eine Aussage treffen wollen. Analogien bestehen in "otherworld-journey (Alkinoos/Utnapischtim), magic ship, magic sleep (Aeolus/Utnapischtim), waking test, a visit to an immortalized human, friendship with dieying friend". Beide "menschlichen Helden" (vs "shamanistic hero") kehren ohne Erfolg (empty handed with no supernatural secrets - aber mit einem "Namen") zurück an den Anfangspunkt. Jeweils gefunden werden kann eine Art des "heroic realism", indem die Helden den Göttlichen Kräften entgegen stehen, widersprechen oder sogar zurückweichen. Bereits bei Gilgamesch erscheint "a first glimpse of the idea of humanity".


12. Dulden und Reflexivität: Odysseus, Gilgamesch, Bibel

Odysseus' Dulden scheint nicht zu Reflexivität oder zur Erkenntnis eines größeren Sachverhalts zu führen, wie bei Gilgamesch (etwa der Tod von Enkidu) oder bei Hiob, sondern ist entweder rein passiv aufgrund von Ohnmacht gegenüber (mythischer/göttlicher) Übermacht (etwa: Poseidons Zorn) oder strategische Zurückhaltung (etwa: bei den Freiern, Atinoos-Rede, Schemel-Wurf: XVII, hier etwa: 238). Dulden hat im zweiten Sinne auch mit Planen und praktischer Vernunft zu tun. Vgl. XIX, 212: Strake emotionale Kontrolle von Odysseus.


13. Narben

In den behandelten Epen sind Narben (im weiteren Sinne genommen) nicht Resultate des Zufälligen, die sich etwa aus Versehen morgens beim Rasieren einstellen, sondern Zeichen des Konflikts und der Widerständigkeit des Menschen gegen (mythische) Naturgewalten. In der Odyssee ist es die Narbe des Ebers, die er in Odysseus' Hüfte schlug und die ihm als entscheidende Referenz dient, nach seiner Rückkehr, durch Athene unkenntlich in einen Bettler verwandelt, seine Identität zu beweisen. Durch den Eber schreibt sich Natur in den Körper Odysseus' ein und wird zum Zeichen seiner gelebten Zeit in dieser Welt, Zeichen seiner Widerständigkeit, Zeichen seines Selbst. In den Nibelungen trägt Siegfried als Zeichen des Konflikts und des Widerstands gegen eine Naturgewaltdas das Blut des Drachens auf seiner Haut, doch mit einer Lücke, einem Spalt versehen, durch die hindurch Hagens Speer eine tödliche Narbe reißt, um das zu vernichten, was in Siegfried als mythisch-archaische Kraft ungebändigte Natur ist, die das Höfische, die höfische Ordnung bedroht. Beowulf hat keine Narbe, trägt kein Zeichen Grendels. Hier bleiben Menschen und Monster getrennt, verschmelzen nicht in einer Welt. Beowulf altert in seiner Welt, während die Mythische immerzu bestehen bleibt.


14. Auskehr und Heimkehr

In Gilgamesh und Odyssee geht es um eine Heimkehr, in Beowulf und den Nibelungen um eine Auskehr. Die Nibelungen zerbrechen, Beowulf zerreibt sich gealtert an den Monstern, Gilgamesh und Odysseus finden zu sich selbst.


15. Hof und Natur

Der entscheidende Konflikt der Nibelungen entwickelt sich innerhalb der Mauern des Höfischen, Siegfrieds Natur ragt nur bedrohend in sie hinein, während die Dynamik in der Odyssee von Konfrontationen mit der Natur, ihren mythischen Mächten ausgeht, und von hier aus in das Höfische übergeht.


16. Sinnenfreude

In allen behandelten Epen - Gilgamesch, Beowulf, Nibelungen und Odyssee - geht es immer wieder zentral um Sinnesfreuden - Essen, Wein/Met, Frauen, Feste, Gastaufnahme - als Motor der Freude, des Zu-sich-Kommens.


17. Höfisches

Im Vergleich zum Nibelungenlied scheinen höfische Strukturen, Regeln, Tugenden eine untergeordnete Rolle zu spielen. Jeder "Held" muss sich selber gegen jeden anderen beweisen und von jedem anderen prüfen lassen (selbst dem eigenen Vater gegenüber).


18. Lust, mythischer Verlust des Selbst: Beowulf und Odyssee

Die Lust-Erfahrung des Sich-Verlierens im Anderen (als Natur, Ursprungs-Geschichte, ...) spielt als Motiv eine konträre Rolle in beiden Epen. Im Anschluss an Adorno/Horkheimer, ist die Lust im Gesang der Sirenen verkörpert, nach dem Odysseus verlangt, den er aber als ein in sich verfestigtes Subjekt, das nach Selsbtkontrolle strebt, nicht mehr hören kann, ohne Gefahr zu laufen, sich aufgeben zu müssen. Daher bindet er sich an, um den Gesang zu hören, der Lockung aber wiederstehen zu können. Diese Konstellatin ist der Anfang der Dialektik der Aufklärung. In Beowulf findet sich eine andere Konstellation. Hier ereignet sich in der Methalle das Moment der Lust als Konvivalität, als gemeinsames Ritual des Trinkens, Essens und Singens - also auch des Vortragens vom Stoff der Epen -, des Met-Rausches, der Sinneslust mit dem anderen Geschlecht und des gemeinsamen Schlafens und Träumens in einer Halle. Diese Halle wird jedoch von Außen durch Monster bedroht, die ihrerseits die Lust der Menschen nicht ertragen können (ihren Gesang). Aus dieser Konstellation geht die zentrale Handlungslinie der Erzählung hervor. Im Beowulf wird also die mythisch-ritualisierte Lusterfahrung gegen die mythischen Monster geschützt, eine Art Dialektik innerhalb des Mythischen selbst, in der das Zwischenmenschliche zugleich eine konstitutive Rolle spielt (Ritual), in der Odyssee schützt sich Odysseus als aufgeklärtes Subjekt, das um die Gefahr der mythischen Lust weiß, gegen die Sirenen als äußere mythische Mächte, denen der Eintritt in das Subjekt (das individuierte Körper-Haus gegenüber der gemeinschafltichen Methalle) verwehrt wird.


19. Existenz als Abenteuer: Suche, Scheitern und Widerständigkeit

Mit aller Vorsicht könnte man als einen Metarahmen der Epen Gilgamesh, Beowulf, Nibelungen und Odyssee das Thema der (individuellen) Existenz als Abenteuer formulieren. In allen Epen verlässt der Protagonist (ein Individuum, in den Nibelungen dann auch eine Gruppe) seine Heimat auf der Suche nach Mehr (Ansehen, Neugierde, Kampf mit großen Gegnern, Vergeltung), erfährt sein Scheitern und liebt sich in gewisser Weise doch in seiner Widerständigkeit bis in den Tod (oder Nahe dran).

Übergreifende Thesen

1. List, Erfindung, Erfahrung: Menschliche Autonomie (im Rahmen der Adorno-These)

In der Odyssee kommt es zu einer Autonomisierung der Gestaltung des Handlungsverlauf durch handelnde Menschen mit List, Erfindung und Erfahrung, gegenüber der Götterwelt und den Naturgewalten. Es gilt zu prüfen, inwieweit diese rezeptionsgeschichtlich gewichtige Einschätzung unter dem Titel der Individualisierung des Weltbezugs und der Immanenz menschlichen Seins (Selbstverantwortlichkeit, Selbstreferentialität, etc., etwa bei Adorno/Horkheimer)zutrifft, oder ob der Mensch doch nur Marionette der Götter und eines unbekannten Schicksals ist. Stellen: - II/32-34: (Zeus): Welche Klagen erheben die Sterblichen wider die Götter! Nur von uns, wie sie schrein, kommt alles Übel; und dennoch Schaffen die Toren sich selbst, dem Schicksal entgegen, ihr Elend. - I/II: Zeus und Athene planen den Verlauf der Handlung, in den Telemachos und Odysseus eingebunden werden sollen. Ist das schon Vorherbestimmung oder nur Götter-Strategie? - Es geht immer wieder um den listenreichen, erfindungsreichen Odysseus, und, spiegelbildlich dazu, um die listenreiche Penelope (II/115ff.). - II/III: Weissagung, Deutung des Schicksals als dem Individuum vorauslaufende Entscheidungsebene im Adlermotif (etwa II/148, wiederkehrend im III): von Zeus geschickte Adler verkünden zeichenhaft das, was eintreten wird. - II/101ff.: Interessante Doppelbewegung eines gewebten Schicksals durch die Horen (Gewebe allerdings hier nicht im Text) und eines Gewebes der Penelope, mit dem sie die Hochzeit hinausschiebt, da es nicht fertig wird. Pallas, könnte man hier weiterdenken, nimmt das Schicksals-Gewebe selbst in die Hand, webst es, löst es wieder auf etc., hält dadurch die Handlung in einer Schwebe. - Erfahrung durch Alter, vor allem im Kontext der Versammlung, des Rats, sehr häufig. - der Kriegserfahrene (sehr häufig). - II/252: klügliche reden - II/347: sorgsame Klugheit - II/373: (Telemachos) Ich handle nicht ohne die Götter.

- IV, 388ff.: Überwältigung des Meeresgottes Proteus durch eine List, die von seiner Tochter Eidothea kommt. - V, 250ff: Odysseus baut sich ein Floß, allerdings auf Anweisung und nach der Bauanleitung von Kalypso. Vorher saß er recht verzweifelt am Gestade. Allgemein scheint es, dass die Götter gewisse Bedingungen und gewisses Material sowie Technik bereitstellen, die Menschen aber dann, wie beim Floß, selbst am Steuer sitzen.


Gegen ein Dispositiv menschlicher Autonomie, vor allem im Sinne Adornos und Horkhemiers in der Dialektik der Aufklärung, spricht das schemahafte, zum Teil detailgenaue Vorbereiten menschlicher Handlungsabläufe durch eine Anweisungskette, die vom göttlichen Ratschluss im Olymp zu der Vermittlung auf der Erde oder in der Unterwelt, etwa durch Hermes und Athene, reicht. Die verkleidete Gestalt der vermittelnden göttlichen Instanzen verstärkt den Eindruck, dass Menschen sich nur autonom wähnen. Diese Fehlinterpretation ihrer eigenen Fähigkeiten zeigt sich in XII/211. (Und nicht größere drohet uns jetzt, als da der Kyklope. Mit unmenschlicher Kraft im dunkeln Felsen uns einschloß. Dennoch entflohn wir auch jener durch meine Tugend und Weisheit) Erschwerend wirkt weiterhin, dass ein wirklich reflexiver Widerstand und ein diskussionsartiges, kritisches Aufgreifen von Handlungsoptionen in der Odyssee kaum relevant werden. Textstellen zur Kritik menschlicher Autonomie: - X. Gesang (Laistrygonen und Kirke), 277ff.: Odysseus wird vom verkleideten Hermes genau auf die Begegnung mit Kirke vorbereitet, von der Mischung des Giftrankes bis zum Zeitpunkt des Schwertziehens und dem Liebesakt mit ihr. Im Odysseus-Kirke-Konflikt ist kein Raum für List oder Erfindung. Odysseus wirk vielmehr wie eine Marionette. Selten zeigt sich Odysseus doch eigenständig - sogar widerständig gegen die Götter. XII/226 (Jetzo dacht' ich nicht mehr des schreckenvollen Gebotes. Welches mir Kirke geboten, mich nicht zum Kampfe zu rüsten. Sondern ich gürtete mich mit stattlichen Waffen, und faßte Zween weitschattende Speer' in der Hand, und stieg auf des Schiffes)

- XII, 350: Eurylochos' Widerstand gegen Odysseus und den göttlichen Rat, wird negativ gedeutet.

- Odysseus' Status als Listenreicher wir von anderen Geschichten, etwa des epischen Zyklus (Kleine Ilias: Holzpferd-Erfinder) gespeist. - XIV, 190ff: Odysseus erfindet eine Geschichte, um seine Identität vor Eumaios zu verbergen. - XIV-XVI: Odysseus, der Geschichtenerfinder, der Prüfer der Treue, der Stratege der Racheschlacht. XVI, 285ff: Odysseus schlachtet die Freier nicht einfach nieder, wie ein 'echter' Held (Achilleus), sondern wartet wie ein Dulder. In seiner Geduld und seinem Warten steckt Reflexivität und Planung, organisation des kommenden Ereignisses. 165ff: Athene sagt Odysseus nur kurz, sich Telemachos zu zeigen und dann die Freier zu töten. Odysseus organisiert und plant das Ereignis der Rache recht genau, der Dieb der Waffen, eine Geschichte, die den Freiern den Grund für die Waffenentnahme verschleiert.

- Stützung von Adorno/Horkheimer: Entscheidend ist das Tandem Athene-Odysseus, das eine Art Zwischenebene zwischen gehorchenden, den mythischen Mächten ausgesetzten Menschen und den Macht-erfüllten Göttern durch technisch-praktische, widerständige Vernunft/List etabliert. Diese Zwischenebene ist spezifisch für die Odyssee (oder gibt es sie etwa auch in Gilgamesch?).


- Transgression: nach der Heimkehr Odysseus zeigt sich im Moticv der planenden Rache (ab XVII) eine große Autonomie von Odysseus, die auf einen Übergang hindeutet von seiner anfänglichen Ohnmacht (gegenüber Poseidon) hin zur kontrollierenden und siegessicheren Abwägung der Gefahr unter den Freiern, die nur noch minimal auf Athenes Hilfe beruht.

- XIX, 165ff.: 'wahrheitsgleiche Erfindungen' (204): Odysseus erfindet analoge Geschichten, in denen sich Ereignisketten, aber nicht Protagonisten und Orte, gleich bleiben. Diese Erfindungen dienen bestimmten Zwecken (etwa des Aufschubs oder der Verheimlichung). Chronisch tauchen sie nach Fragen auf, die Herkunft, Identität etc. betreffen.


2. Versammlung und Rat

Durchgängiges Thema. Viele wichtige Entscheidungen werden durch Rat und Beratung im Zwiegespräch oder in der Versammlung unter Göttern und Menschen beschlossen.


3. Vater-Sohn-Beziehung

I-III: Telemachos als Ebenbild seines Vaters, will seinem Vater gerecht werden, ihn Rächen etc. Unterordnung vom Sohn, Stärke der Vorfahren, Schwäche der Nachkommen. IV: Menelaos befindet: Telemachos ähnelt seinem Vater physisch (Hände, etc.) und in seinem Charakter.


4. Einebnung der Götter-Mensch-Beziehung, Ambivalenz der Macht

Götter-Mensch-Ebenen sind ineinander verwoben, durch miteinander zu erfüllende Absichten, Schicksalsbestimmungen, Leidenschaften, Liebe, Vorzüge, Listen etc. Alle Ebenen sprechen miteinander, verhaken sich, versuchen zu richten, beanspruchen Entscheidungsmacht, scheitern aber wieder, in einem ambivalenten Beziehungs- und Machtgefüge, das scheinbar zwischen Himmel und Erde seinen Ort hat. IV, 388ff.: Meeresgott Proteus kann durch Menschen überwältigt werden. Zugleich aber IV, 397: schwer wird ein Gott von Sterblichen bezwungen. IV, 352-353: Rituale und vor allem Opferungen für Götter müssen strikt eingehalten werden, sonst folgt Strafe. IV, 503-509: Strafe für Übermut, Lästern gegenüber den Göttern.


5. Irrfahrt

Hier könnte das in der Moderne so bestimmende Thema des Sich-Verlierens in der Welt als menschliche Exisztenzkonstante anklingen, eng gekoppelt an das Thema der Selsbtfindung, der Individualisierung, der List und der Weisheit. IV-V: Das Thema der Irrfahrt ist eng an das Medium Meer gekoppelt, die "große Wüste des Meeres", von dem man aus irgendwo wieder an Land kommt. Temporäre Landepunkte sind meist Inseln, auf denen etwa lokale Gottheiten (Kalypso, Meeresgötter etc.) wohnen, die vom Götterrat/Zeus Aufträge erhalten können (vermittelt durch Hermes). VI: Die Irrfahrt wird hier deutlich als eine Bewegung des ankommenden Aufbrechens. Odysseus strandet bei den Phäaken, muss aber sofort die Insel wieder verlassen. Die Phäaken sind selbst ein vielfach herumgereistes Volk, vertrieben von den Zyklopen, Poseidon, der Meergott, steht ihnen nahe, sie bauen vor allem Schiffe, also Mobiles, der Weiterfahrt dienlich. (doch sind die Phäaken Fremden 'nicht allzu gewogen, VII, 32) Weiterhin spielt das Moment des Erwachens eine Rolle: das Meer verwirrt und erschöpft Odysseus, doch bedeutet Meer zugleich Bewegung, mögliche Heimkehr, unumgängliches Medium des Weiterkommens zwischen Inseln. An Land erwacht er, reinigt sich von der Irrfahrt, wird empfangen, spürt menschliche Wärme (das Humane erscheint wie eine Insel im Sturm), weibliche Reize (wie schon bei Kalypso), lernt also auch das Verlockende der Fremde und der Irrfahrt kennen, doch zieht es ihn wieder auf das Meer, zur Abfahrt, zur Konfrontation mit den Naturkräften, bis zum nächsten Erwachen und Reinigen.


6. Erzählstruktur I-V: Der Schwung der Erzählung, und das dominante Reseau für Verweise, ist die Ilias. Bis zum 5. Gesang ist die Erzählung recht ereignisarm, aber sehr reich an Verweisen, die oft an Namen und Einzelpersonen sowie ihre Geschichten gekoppelt sind. Insfoern zeigt sich die Odyssee als eine sehr breit vernetzte Erzählung, die eher langsam fortschreitet. Hinzu kommt die Abwesenheit des Protagonisten bis zum 4. Gesang, hiervor die Telemachie/Telemachos, beide Handlungsstränge (Telemachos/Odyssee) werden später im 15. oder 16. Gesang wieder zusammengeführt. Gabelungsstruktur. XV, 221ff: Einbau langer Genealogien, viele Referenzen zu anderen Geschichten, deren Motive (Untreue-Treue, Schicksal, Leid, Irrfahrt) indirekt die Motive der Hauptgeschichte stärken. Dazu teils zirkuläre, ringförmige Struktur der Erzählungen, und Ineinander-Verwoben-Sein. Siehe hierzu auch den Kommentar von Hxter/Fitzgerald.


7. Odysseus, der Antiheld?

Odysseus handelt oft so, wie die Götter es wollen, und überwindet seine Gegner nach göttlichen Anweisungen - Ausnahmen hiervon stellt etwa der Zyklopen-Konflikt dar. Dazu ist auffällig, dass es mehrmals - bei Kalypso und Kirke - sehr lange Aufenthalte bei Frauen verbringt, mit denen er sich offensichtlich bei Speis und Trank vergnügt. Bei Kirke bleibt er ein Jahr - obwohl er vorher sagte, vor Heimkehr-Schmerz fast zu sterben, und sich in das offene Meer werfen wollte, als sein Schiff durch strake Winde in die falsche Richtung trieb. (x. Gesang)


8. Die Unterwelt - Ort der Geschichte, Quelle des Supertexts?

Im XI. Gesang hört Odysseus im Hades von den Toten das Gewebe, das die Geschichte der Menschen und Götter formt, als ein Referenzraum schier unendlicher Einzelschicksale, Götter, Helden und normale Menschen vereinend. Odysseus erfährt hier zugleich von Theiresias seine Zukunft, insofern scheint ein Supertext präsent, der auch zukünftige Ereignisse umfasst. Odysseus flieht letzten Endes von diesem Ort, als ihn zu viele Geschichten und Tote umdrängen, ganz so, als verlöre er sich in ihnen. Zugleich ist die Unterwelt aber negativ konnotiert, eine Welt des Verrotens, der Untätigkeit.


9. Schwelle und Ereignis XVI, 12: Telemachos steht im Moment der Wiedererkennung in der Schwelle der Sauhirten-Hütte, XVI, 415: penelope steht in der Schwelle zum Haus der Freier, um Telemachos zu retten.

Literatur, Quellen & Links

Basisliteratur

Zusatzquellen

Urhebergeschützt

Ausführliche Themen

Textgenese

Antike

  • Urfassungen jahrhundertelang durch Sänger (Rhapsoden) - metrische Rhythmus und Verse als Gedächtnisstütze
  • Erste Schriftliche Fassungen entstanden 720 v.Chr. - dabei Einfügung der einführenden Gesänge der Telemachie
    • evtl. Zusammenfügung - Odysseus kommt heim und tötet Freier und Seefahrergesch.
  • 6 Jhd. v. Chr - Erstellung einer neuen textkritische Fassung auf Staatskosten in Athen durch Peisistratos
  • ca. 500 v. Chr. - Versuch der Lokalilsierung der Geschichte durch Herodot
  • Weitere frühe Zeugnisse des gewaltigen Einflusses der „Odyssee“ sind die Tragödien „Aias“ (450 v. Chr.) und „Philoktet“ (409 v. Chr.) des Sophokles sowie „Hekabe“ (424 v. Chr.) des Euripides?. Auch das Werk des römischen Dichters Ovid ist reich an Bezügen auf die „Odyssee“ und seinen Helden, wobei der Held Odysseus nicht nur gelobt, sondern auch getadelt und verspottet wird.
  • 300 v. Chr.- Berliner Homer Papyrus - Museum und Papyrussammlung, Staatliche Museen zu Berlin
  • 300 v. Chr. - Erster versuch der lokalisierug durch Erastothenes
  • 288 v. Chr. Fassungen auf denen die Heutigen vermutlich basieren - erstellt durch drei Bibliotheksvorsteher der Bibliothek von Alexandria
    • Zenodotos von Ephesos teilt in 24 Bücher auf
  • 200 v. Chr.- Londoner Homer Papyrius
  • Vergil („zweiter Homer“) nahm sie sich zum Vorbild, als er die Aeneis schuf. Er schildert darin das Schicksal des trojanischen Helden Aeneas, den es nach der Zerstörung der Stadt ebenfalls in aller Herren Länder verschlägt, bevor er sich in Italien niederlässt und zum mythischen Stammvater der Römer wird.

Neuzeit

  • Die älteste erhaltene Handschrift der ganzen Odyssee wurde im Konstantinopel des 12. Jahrhunderts angefertig
  • Inkunabeln, Erstdrucke, der Odyssee stammen aus dem 15. Jahrhundert
  • 17. Jahrhundert Erste Übertragungen
    • Salomon Certon 1604 ins Französische
    • George Chapman (1616) und von Alexander Pope (1713) ins Englische.
    • Johann Heinrich Voss (1781) ins Deutsche (metrische Übersetzung gilt als Klassiker) Gustav Schwab (19. Jahrhundert.) -> bekannteste Prosa-Übertragung
  • 1795 Homerforschung beginnt durch Wolf - These: Hat Homer evtl. nur Telemachie eingefügt? Grundlage von Wolfs Theorie war die Schriftlosigkeit der frühen Jahrhunderte; 1871 wurde die Schriftlichkeit der frühen Griechen jedoch durch einen Fund von etwa 740 v. Chr. bewiesen
  • nach Schoch (1926) Versuch einer astronomischen datierung - These: Odysseus kam 1178 zurueck nach Ithaka
  • durch die Odyssee inspiriert
    • Odysseus gilt daher als literarisches Vorbild für so unterschiedliche Figuren wie Goethes „Faust“ oder Jules Vernes Kapitän Nemo, dessen lateinischer Name (deutsch: „Niemand“) der Kyklopen-Episode entnommen ist.
    • Ulysses von James Joyce (1922) - Es schildert einen Tag, den 16. Juni 1904, im Leben des Anzeigenverkäufers Leopold Bloom, der durch Dublin streift, dabei alltägliche Dinge erlebt – die aber exakt mit Odysseus’ Abenteuern korrespondieren – und der spät nachts zu seiner Frau Molly heimkehrt.
    • Musik und Film
      • Il ritorno d'Ulisse in patria (Die Heimkehr des Odysseus, Venedig 1641) von Claudio Monteverdi
      • Georg Friedrich Händels letzte Oper Deidamia (London 1741)
      • Der Komponist August Bungert schuf nach der Odyssee in den Jahren 1898–1903 nach dem Vorbild von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen eine ähnliche Tetralogie mit vier Opern unter dem Titel Homerische Welt mit den vier Teilen Kirke, Nausikaa, Odysseus’ Heimkehr und Odysseus’ Tod.
      • Die Odyssee von Fritz Lang - nicht fertiggestellt
      • Die Fahrten des Odysseus mit Kirk Douglas (1954)
      • Jean-Luc Godards Die Verachtung (1963) spielt am Set einer Odyssee-Verfilmung von Fritz Lang (gespielt von Fritz Lang)
      • Stanley Kubricks Science-Fiction-Klassiker 2001: Odyssee im Weltraum (1968)
      • O Brother, Where Art Thou? von Ethan und Joel Coen greift Elemente der Odyssee (2000)

Homer

Griechische Götterwelt

Götter –und Göttinnen

Die Rolleder Göttinnen „... kann uns auch generellüber den sozialen Status der Frau in der damaligen Zeit wertvolle Hinweisegeben. Dies, weil die religiösen Anschauungen einer Gesellschaft in vielerHinsicht den Gesellschaftsaufbau widerspiegeln, dem diese Anschauungenentsprungen sind. Eine große Anzahl weiblicher Gottheiten mit hohem Statusdeutet z.B. darauf hin, daß die Frau generell in dieser Gesellschaft großesAnsehen genoß.“ [1] Die unsüberlieferten Berichte von Göttern der Griechen ergeben sich größtenteils ausden Epen Homers und der TheogonieHesiods. Die vorolympischen Götter, die wir hier vernachlässigen wollen,tauchen nur bei Hesiod auf. Hesiods „...Ansichten über Götter und Menschenprägten die Vorstellungen der Griechen von ihren Göttern, gründeten aberwahrscheinlich selbst auf dem Glauben, der von der Bevölkerung in derGesamtheit geteilt wurde; so konnte seine Theogonie zur maßgeblichengriechischen Genealogie und Entwicklungsgeschichte der Götter werden.“ [2] Sie istauch insofern von Bedeutung, daß das olympische Göttergefüge auf Vorläuferzurückblickte, die weiblichen Gottheiten Raum eingeräumt hatten.[3] Diefolgende Darstellung der olympischen Göttinnen kann nur eine zeitumspannendesein und erfaßt nicht das Götterbild des 5. Jh., denn eine Differenzierungbezogen auf einzelne Jahrhunderte ist hier aufgrund der Quellenproblematik kaumzu leisten.

DiePersönlichkeit der zwölf wichtigstenolympischen Götter und Göttinnen sei an dieser Stelle kurz zusammengefaßt: Zeus, derHerr der Götter, gilt als Träger der Rechtshoheit und verbindet in sich Kraftund Gerechtigkeit. Er wird aufgrund seiner Macht zum Garanten von Recht undOrdnung in der Gesellschaft. SeineEhefrau ist Hera. Sie gilt als Beschützerin der rechtmäßigen Ehe und damiteiner familiären Ordnung und einer Gesellschaft, die die Menschen davorbewahren soll, wieder in einen Urzustand der Wildheit zurückzufallen.[4]Die Beziehung von Zeus und Hera wird als Dauerkrieg mit sexuellenUnterbrechungen dargestellt. Obwohl Hera im Unterschied zu Zeus stets treubleibt, ist sie ihm jedoch nicht bedingungslos unterworfen, sondern fordert ihnheraus und überlistet ihn teilweise auch. Über die Geburt der Athena aus Zeus’Haupt ist Hera dermaßen zornig, daß sie daraufhin ohne männliche Beteiligungden Hephaistos gebiert[5]:im Gegensatz zu der kriegerischen Athene ein Krüppel und damit ein Symbol fürdie Folgen von eigenständigem Handeln von Frauen. Hephaistos,der Gott des Handwerkes, ist mit Aphrodite verheiratet, wird von dieser aberaufgrund seiner Lahmheit verschmäht. Aphroditeals Göttin der Liebe und Zeugung verkörpert einen grundsätzlich anderenBereich. Schon ihre Geburt aus dem Schaum des Meeres, der die Geschlechtsteiledes Gottes Uranos umgab, versinnbildlicht ihre Rolle als Göttin derFruchtbarkeit.[6] Alsquasi Gegengöttin zur Schützerin der Ehe - Hera - wird sie mit erotischemBegehren in Verbindung gebracht und verkörpert, obwohl verheiratet, nicht immindesten Ehe und Familie. Aphrodite begeht als einzige Göttin u.a. mit Ares,der aufgrund seiner Raserei und seines unstillbaren Tötungsdranges alsKriegsgott gilt[7],Ehebruch, was ihr als Liebesgöttin, zudem mit einem unvollkommenen Mannunglücklich verbunden, scheinbar nicht negativ angerechnet wurde.[8] Die Verbindungder weiblichsten der Göttinnen mit dem männlichsten der Götter wurde wohl alsgleichsam natürlich akzeptiert. AlsVerkörperin der „unkontrollierbarenUrkraft der Sexualität“ [9]wird sie oftmals mit den orientalischenFruchtbarkeitsgöttinnen in Zusammenhang gebracht.[10]Die Gefährlichkeit, die Aphrodite zugeschrieben wird, macht vor allem dieTatsache aus, daß sie gut scheint, aber dabei Böses vollbringt. Eine Parallele,die auf die erste Frau Pandora verweist.[11]Auch die Verbindung von sexueller Attraktivität, Leichtfertigkeit und Trügerei geht in dieseRichtung. Allerdings ist in PlatonsSymposion die Rede davon, daß Aphrodite doppelter Natur sei. Als AphroditeUranos, von Uranos ohne Zutun einer Frau gezeugt, steht sie für die reingeistige Liebe, als Aphrodite Pandemos, hervorgegangen aus einer Beziehungzwischen Zeus und Dione, verkörpert sie die sinnliche Liebe, die sowohlhomosexuell als auch heterosexuell sein konnte, während die geistige Liebeausschließlich eine Beziehung zwischen Männern symbolisierte[12].Aufgrund ihrer sinnlichen Seite galt Aphrodite den Prostituierten als heilig.[13] Es wirdoftmals der Schluß gezogen, Aphrodite verkörpere die Schöpfungskraft der Naturund Hephaistos die der Technik.[14] EineTochter des Zeus ist Athena, die auch zur Göttin der Polis Athen gemacht wurde.[15]Athena wird gewöhnlich mit Helm, Ägis und Speer dargestellt und „repräsentiert deshalb das patriarchalePrinzip unter den Frauen und die Tüchtigkeit des Männlichen.“ [16]Aufgrund ihrer Bewaffnung wird ihr eine Beschützerrollezugeschrieben. Sie ist gleichzeitig die Wahrerin der praktischen Intelligenzund damit gemeinsam mit ihrem Bruder Hephaistos sämtlichen (männlichen wieweiblichen) Handwerks. Hier, wo es um die praktische Seite geht, kann siescheinbar Männern wie Frauen zur Seite stehen.[17]In ihrer doppelten Funktion wurde sie als Schutzgöttin Athens verehrt. EineErscheinung, die keineswegs eine Ausnahme war. In etlichen griechischen Poleisfanden sich weibliche Schutzgottheiten[18],in vielen „Gründungsmütter“, auf die sich die Gesellschaft zurückführte und dienamentlich erwähnt sind.[19]Die weibliche Gottheit sollte hier zum einen Fruchtbarkeit und Ernährung unddamit das Wohlergehen der Bevölkerung schützen, zum anderen galt sie alsbewaffnete Beschützerin.[20] Athena, diezum Teil in männlicher Gestalt ihren Günstlingen erscheint, ist der Typ dermaskulinen Frau, die ihren Aufgaben dadurch gerecht wird, daß sie in weitenTeilen ihre Weiblichkeit und Sexualität zurückdrängt. Als von einem Manngeborene Jungfrau ergreift sie ihrerseits bei Auseinandersetzungen stets fürdie Männer Partei, und schon ihre Geburt ohne weibliche Beteiligung ist einAusdruck dafür, daß der Vater der eigentliche und bedeutende Elternteil desKindes ist, über den als wesentlicher Bestandteil Weisheit vermittelt wird. WeiteresKind des Zeus ist Apollon, der als vielfältige Gottheit von großer Bedeutungist. Apollon als Gott des Lichts, als Reiniger und Heiler besitzt großeWeisheit und kann außerdem in die Zukunft blicken. Er steht von daher an der Spitzegroßer Heiligtümer, so z.B. des Orakels von Delphi. Er ist außerdem der Garantvon Harmonie, Schönheit und der ästhetisch definierten Ordnung der Welt undspielte eine große Rolle im Bereich der Kultur, der Musik und Poesie.[21] DenGegenpol zu Apollon bildet Dionysos - vermutlich orientalischen Ursprungs. AuchDionysos wird von Zeus allein aus seinem Schenkel geboren, in den er ihnverpflanzt hatte, als Dionysos’ Mutterstarb. Frauen spielen somit zwar bei der Zeugung, aber nicht bei derEntwicklung und Hervorbringung des Kindes eine zwingende Rolle.[22] DasGegenstück zu Dionysos ist Demeter, die für die Fruchtbarkeit der Erde und dieKreisläufe der Natur steht, was besonders im Demeter/Persephone Mythos zumAusdruck kommt. Diese Göttin, die auch besonders mit dem Ackerbau in Verbindunggebracht wird, wurde besonders von Frauen verehrt.[23] Auch dieZwillingsschwester des Apollon, Artemis, wird mit den Räumen außerhalb derPolis verknüpft, da sie oftmals als im Wald mit Pfeil und Bogen jagenddargestellt wird. Sie soll auch deshalb von den Amazonen verehrt worden sein.[24]Diese jungfräuliche Göttin versinnbildlicht die Riten der jungen Frauen, denÜbertritt vom Jungfrauendasein zum Ehefrauenleben und ist die Schutzgöttin desweiblichen Lebenszyklus. Sie wurde vonFrauen kultisch geehrt.[25] Artemis versinnbildlicht u.a. Menstruation,Niederkunft und Tod.[26] Hermes,auch als Götterbote bekannt, symbolisiert die Figur des Boten und desReisenden. Diese Aufgabe umfaßt das Knüpfen von zwischenmenschlichen Kontaktenebenso wie jede Form von Handel und das Geleiten der Toten von der diesseitigenin die jenseitige Welt.[27] Poseidon,der Bruder des Zeus, der als Beschützer der Seefahrer für die Griechen vongroßer Bedeutung war, ist als Gottheit vermutlich mykenischen Ursprungs. Ihmfällt im Gegensatz zu Zeus, der Himmel und Erde beherrscht, die Macht über dasMeer zu.[28] Im Kreiseder olympischen Göttinnen befinden sich somit solche, die in vielem ihrenmenschlichen Pendants ähneln, mit der Ausnahme, daß sie nicht altern und sterben.Sie weisen dabei jedoch untereinander beträchtliche Unterschiede bezüglichihrer äußeren Erscheinung und ihrer Persönlichkeit, ihrer Funktion und ihrerBeziehung zu Menschen und anderen Göttern auf.[29] Auffälligist, daß von vier bedeutenden olympischen Göttinnen zwei Jungfrauen sind:Athena und Artemis. Pomeroy geht hierbei davon aus, daß es sich bei ihnen nichtum Jungfrauen im Sinne von körperlicher Unberührtheit handelt, sondern daß sievielmehr als Jungfrauen verehrt wurden, weil sie nie eine monogame Eheeingingen.[30]Diese Göttinnen genießen aufgrund ihrer Ungebundenheit große Freiheit undUnabhängigkeit. Sie sind kraftvoll, haben männliche Züge und können sich selbstverteidigen. Zeus garantiert den jungfräulichen Göttinnen Schutz und Ehre. Sozeichnet in der Theogonie Zeus diejungfräuliche Göttin Hekate vor allen aus, überreicht ihr wertvolle Geschenkeund räumt ihr vielfältige Freiheiten ein.[31]Die Göttinnen mit den kraftvollsten und männlichsten Zügen dürften Athena undArtemis sein, die jedoch teilweise ebenfalls weibliche Tätigkeiten ausüben z.B.Weben. Andere jungfräuliche Göttinnen führen ein eher frauliches Leben, so z.B.Hestia, die Schwester des Zeus, die permanent inmitten des Haushaltes sitzt undden Herd bedient.[32] Dennochsind diese jungfräulichen Göttinnen seltene Ausnahmen. Der Großteil derGöttinnen ist verheiratet und hat Kinder.[33]Daß Göttinnen ihre Eigenständigkeit während der Ehe suchen und ggf. ihrenEhemann betrügen, ist mit Aphrodite der absolute Ausnahmefall.[34] VieleGottheiten unterhalten Beziehungen zu Menschen, die sowohl freundschaftlicherwie sexueller Natur sein können. Freundschaftliche Beziehungen zu Menschenunterhalten oftmals die jungfräulichen Göttinnen Athena oder Artemis.[35]Beziehungen zwischen Göttinnen und Menschen sowohl sexueller wie auchfreundschaftlicher Art sind ausgeglichener als die zwischen männlichen Götternund sterblichen Frauen, wo nahezu immer Sexualität im Spiel ist und der Gotteindeutig das dominierende Element darstellt. Erotische Beziehungen von Göttinnenzu sterblichen Männern werden von den Göttern oftmals mit Eifersucht betrachtetund teilweise auch gerächt.[36]Scheinbar erwarten die Götter, daß die Göttinnen nur mit Männern gleichenStandes, also mit Göttern, verkehren, während sie selbst ungestraft sexuelleBeziehungen sowohl zu Sterblichen als auch zu Unsterblichen unterhalten dürfen.Eine Erscheinung, die an die athenische Gesellschaft erinnert, wo der Bürgervollkommene sexuelle Freiheit genoß, während eine Bürgerin ihrem Ehemann treuzu sein und vor der Ehe jungfräulich zu bleiben hatte. Die Betrachtung derBeziehung zwischen Göttern und sterblichen Frauen ergibt, daß diese Affärenoftmals mit großem Leid für die Frauen verbunden sind. Abgesehen davon, daß dieVergewaltigung durch Götter kein Einzelfall ist, hat die Frau, oftmals passivesOpfer des Gottes, ein Kind auszutragen und ihr Dasein als ledige Mutter zufristen. Beispiele für erotische Beziehungen zwischen männlichen Göttern undsterblichen Männern sind gering, aber vorhanden. Offenbar wurde die sexuelleAnziehungskraft zwischen Männern im Mythos wenn auch nicht vertieft, so dochakzeptiert.[37] Neben dersexuellen Freizügigkeit, die bei männlichen Göttern nie Anstoß erregt, wirdeinigen von ihnen, so Zeus oder Apollon, ein Tätigkeitsfeld zugesprochen, dasalle menschlichen Bereiche umfaßt und in dieser Form von keiner Göttin erreichtwird.[38] „So übernehmen beispielsweise Zeus und Apollon dieRolle des Herrschers, des Intellektuellen, des Richters, des Kriegers, desVaters und des Partners sowohl in homosexuellen wie in heterosexuellenLiebesbeziehungen.“ [39] Die Rolleder Götter im olympischen Geschlechtergefüge ist sowohl nach innen wie nachaußen eine dominante. Auch wenn die Göttinnen und deren Kinder über besondereRechte und Pflichten verfügen, befinden sie sich doch in untergeordneterStellung und die griechische Götterwelt stellt sich als patriarchalischeOrdnung dar.[40]

[1] Valgard/Wessel, a.a.O., S.203. [2] Pomeroy, a.a.O., S. 2. [3] So z.B. der ErdgöttinGaia. [4] Hierzu Cambiano in: Vernant,Mensch, a.a.O., S. 109. [5] Nach Pomeroy, a.a.O., S.10 f. [6] Dieser Gedanke beiLefkowitz, Töchter, a.a.O., S. 140. [7] Dazu Vegetti in: Vernant, Mensch, a.a.O., S. 313. [8] Nach Pomeroy, a.a.O., S.9. [9] Vegetti in: Vernant, Mensch, a.a.O., S. 312. [10] Siehe ebd. [11] So Lefkowitz, Töchter, a.a.O., S. 140. [12] Das wird auch in Platons Symposion deutlich. [13] Vgl. Pomeroy, a.a.O., S. 9. [14] So Vegetti in: Vernant, Mensch, a.a.O., S. 312 f. [15] Vgl. Cambiano, ebd., S. 110 f. [16] Ebd., S. 110. [17] Nach Pomeroy, a.a.O., S.7. [18] Z.B. in Samos oderEphesos. [19] Siehe Lefkowitz, Töchter, a.a.O., S. 41. [20] Dazu Pomeroy, a.a.O., S.6. [21] Vgl. Vegetti in: Vernant,Mensch, a.a.O., S. 310 f. [22] Nach Lefkowitz, Heroines, a.a.O., S. 21. [23] Hierzu Vegetti in:Vernant, Mensch,a.a.O., S. 312. [24] Dazu Pomeroy, a.a.O., S.8. [25] Hierzu Vegetti in:Vernant, Mensch, a.a.O., S. 311. [26] Vgl. Pomeroy, a.a.O., S. 8. [27] Vgl. Vegetti in: Vernant,Mensch, S. 312. [28] Hierzu Cambiano, ebd., S.110. [29] Vgl. Pomeroy, a.a.O., S.5. [30] Dieser Gedanke ebd., S.8. [31] Hierzu Hesiod nachLefkowitz, Töchter, a.a.O., S. 36 f. [32] Dazu ebd, S. 73. [33] So ebd. S. 37. [34] Nach Lefkowitz, Heroines, a.a.O., S. 43. [35] Wobei Artemis dieDistanziertere ist, während das Verhältnis von Athena zu den Menschen oftmalsvon Hilfsbereitschaft und Vertrauen geprägt ist. [36] So wurde Jason nachseiner Liebesaffäre mit Demeter vom tödlichen Blitzschlag des Zeus getroffen. [37] Siehe Pomeroy, a.a.O., S.14 ff. [38] Hierzu ebd., S. 11 f. [39] Ebd., S. 12. [40] Siehe Lefkowitz, Töchter, a.a.O., S. 38.

Zur Entwicklung der Schrift in Griechenland

Schon Jahrhunderte vor Entstehung des griechischen Alphabets war die griechische Sprache schriftlich festgehalten worden. Die mykenische Kultur verwendete vom 14. bis 12. Jahrhundert v. Chr. eine Silbenschrift, die aus der Schrift der Minoer Kretas entwickelt worden war. Nach dem Untergang der mykenischen Kultur geriet sie aber während der sogenannten „dunklen Jahrhunderte“ (12.–9. Jahrhundert v. Chr.) wieder in Vergessenheit. Einzig auf Zypern hielt sich die kyprische Schrift, die den kretisch-minoischen Schriften nahe stand. Das griechische Alphabet steht in keiner Verbindung dieser Silbenschrift.

Das griechische Alphabet stammt von dem phönizischen Alphabet ab. Die genauen Umstände sowie Ort und Zeit der Entstehung sind weitgehend unbekannt. Wahrscheinlich geschah die Übernahme im 9. Jahrhundert v. Chr., auch wenn manche Forscher einen früheren Zeitpunkt annehmen. Als Entstehungsorte werden Euböa, Kreta, Rhodos und Zypernvorgeschlagen. Die ersten überlieferten griechischen Inschriften, auf der Dipylon-Kanne von Athenund dem Nestorbecher von Pithekussai, stammen aus dem frühen 8. Jahrhundert v. Chr.

Resümee

1. Andreas

Ich hatte jetzt hier die Resümees von Matthias und Tobias erwartet, die ja schon vorlagen. Aber dann fängt es eben mit meinem (wenn auch im Zirkel nicht ganz konsensfähigen) Fazit an:

Adorno hat Recht! Die Odyssee ist der Anfang vom Ende der Götter. (Die Götterdämmerung!): Odysseus selber ist zwar zutiefst im alten Glauben an den göttlichen Kosmos und seine Magie verwurzelt. U.a. zeigt sich das darin, dass er sich Polyphem gegenüber als "Odysseus" zu erkennen gibt, zu erkennen geben muss. Er tut das aus tief empfundener Angst, tatsächlich "Niemand", nicht existent zu sein, wenn seine entsprechende Selbstbenennung gehört, akzeptiert und unwidersprochen bliebe. Das Wort hat Zauberkraft. Und auch wenn der "listenreiche" Odysseus (oder, wie ich finde treffender, "der göttliche Dulder") diesbezüglich sehr traditionell und auch kaum aus sich heraus listig, klug ist, so zeigt die Odyssee doch, dass List als Instrument zur Entzauberung des Göttlichen funktioniert. Interessanteste Figur ist für mich "Zeus blauäugichte Tochter Athene". Sie treibt ein perfides Spiel: Sie ist es, die dem "herrlichen Dulder" die Instrumente zur Entzauberung des Göttlichen an die Hand gibt (z.B. durch minutiösen Fahrplan zur Versenkung der Sirenen (denn die werden - wir wissen es - nie wieder singen)), um später das Göttliche als Institution noch einmal zu retten, indem Sie den Helden in eine Situation treibt, aus der er ohne sie, ohne göttliche Hilfe und damit Anerkennung des Göttlichen, nicht mehr heraus kommt (vgl. XX, 45 ff).

Für den Augenblick hat das gereicht, langfristig nicht. Athene hat hier einen historischen Fehler begangen.

Andreas, 8.1.14


2. Tobias

Odysseus ist vereinzelt, individuiert, umgeben von verschiedenen, wechselnden Gemeinschaften, Freunden und Feinden, Kumpanen und Fremden. Sein großer Plan ist die Heimkehr, die Rückkehr in sein Heimatland, zu Frau und Kind nach Ithaka, nach seinem Auszug und Kampf in Troja. Auszug und Rückkehr, Verlassen und Wiederkehren, stellen ein wiederkehrendes episches Motiv dar, man denke an Beowulf, Gilgamesch und das Nibelungenlied. Doch erweist sich die Rückkehr in der Odyssee als spezifisch widerständig, Odysseus wird zum Getriebenen von Mächten, die von Göttern angeleitet oder durch sie verkörpert Naturgewalten präsentieren, Poseidon als Wind und Welle, Zauberinnen, Sirenen, Riesen, Ungeheuer wie Skylla und Charybdis.

Odysseus ergibt sich den Mächten nicht passiv, und in seiner Widerständigkeit liegt das, was die Odyssee im Rahmen einer Metaerzählung, die okzidental und europäisch in die diskursive Großformation einer Moderne führt, auszeichnet. Zwischen den Ebenen göttlich-determinierender Entscheidungs- und Ausführungsgewalt und der Welt der ausgeschiedenen Toten verschiebt die Homerische Erzählung die Handlungsdynamik – wie schon in der Ilias, aber viel stärker auf den einen, vereinzelten Handelnden konzentriert – in die Zwischenebene der Menschen und deren Handlungs-generierendes Umfeld von naturalen, physischen, sozialen, zwischenmenschlichen Begebenheiten und Umständen, die Odysseusʼ Taten in das kausale, erklärende Netz einer Irrfahrt einbinden, aus dem eine zeitlich fortlaufende, einheitliche Geschichte hervorgeht, die zwar immer wieder durch göttlich-lenkende und beratende Akteure durchkreuzt wird, aber, wie in Form der Göttin Athene, nicht in direkter Weise. Athene durchbricht nicht brüsk den Handlungsverlauf, sondern zeigt sich eher schattenhaft, zur Seite tretend, verdeckt, in ambivalenten Konstellationen, in denen unentschieden zu bleiben scheint, wer denkt, wer handelt, wer etwas will.

Genau in dieser Zwischenebene repräsentiert Odysseus tendenziell ein auf sich selbst und aus sich selbst heraus handelndes Subjekt, das, im Widerstand, planend-operative Intelligenz mit emotionaler Willensenergie und duldendem Durchhaltevermögen verbindet (vgl. Adorno-Horkheimer-These). Allerdings bleibt diese aufstrebende Subjektivität bedroht, sie droht gegen die Übermacht der sich ihm entgegenstellenden Mächte unterzugehen, und brüllt ihr, verunsichert, wie eine Art erste, kindliche Selbstsetzung des Ich, der immer schon ein Moment der Überschreitung, der Hybris, innewohnt, seinen Namen, dem Polyphem das Odysseus entgegen – ähnlich, wie Beowulf dem fliehenden Grendel, doch nicht als Sieger, sondern als Entflohener, als Weichender, sich Entfernender. Beowulf lebt (und stirbt) dort, wo Grendel zu herrschen meinte, Odysseus verlässt, was er im Konflikt überlistete, und lebt dort, wo das Böse im Menschen selbst seinen Ort findet.

Odysseus bezwingt die Naturmächte nicht, sondern schwächt oder umgeht sie durch List, doch steckt in dieser Überwindung die Möglichkeit der Wiederholung und damit der perpetuellen Überwindung oder des fortgesetzten, erfolgreichen Widerstands. Wer die Sirenen nicht hören möchte, der gehe so vor, wie Odysseus es tat. Im konkreten Konflikt zeigt sich, mit Einschränkungen, eine situationsspezifisch variable, prognostizierend-planende, andere überzeugende und anführende Intelligenz, der eine hohe physische und emotionale Durchsetzungskraft einhergeht, die sich, selten ungebremst, zusammen mit der Intelligenz zu einer Art reflexiven Prozess vereint, dessen Höhepunkt die Hallen-Szene am Ende der Erzählung bildet – ohne sich jedoch in weitere Reflexionsstufen (etwa kritische Selbstreflexivität) zu differenzieren. In gewisser Weise vereint Odysseus, was in Siegfried (Wille und Kraft) und Hagen (operative Intelligenz) auseinandertritt und sich nur tragisch findet.

Die einzelnen Konfliktszenen zwischen Odysseus und den Naturmächten stellen, in dieser Perspektive, die Kernmomente der Erzählung dar. Homers detaillierte Beschreibungen der Lösungsdispostive der Konflikte – der Pfahl des Polyphem und der Wachs der Sirenen – kontrastiert mit den relativ unspezifischen Darstellungen in anderen Epen, in denen die Heroen aus ihnen quasi natürlich anhaftenden Stärken heraus handeln: Beowulf und Siegfried erledigen das ihnen Widerstehende, ob Drache, Wildschwein, Bär oder Monster, mit einem Hieb, ohne Planung, aus einer ihnen einwohnenden oder traditionell erworbenen (Schwertkunst) Kompetenz und in meist spontaner Konfrontation. Wie genau Siegfried den Drachen erlegte, scheint im Nibelungenlied nebensächlich, keiner Erwähnung wert, umgekehrt wendet aber Hagen genau die planende Intelligenz, die jenem fehlt, gegen die (nun vermenschlicht-depotenzierte) Naturmacht, den Drachentöter, an. Gilgamesch ist selbst Halbgott, qua Geburt stärker als ein gewöhnlicher Mensch, und Enkidus Naturkraft steht ihm, Stier-schleudernd, zur Seite.

Am Horizont des homerischen Epos zeigt sich damit, im trüben Licht eines Übergangs, diejenige vereinzelt-individuierte Seinsform des Menschen, die später als aufgeklärtes Subjekt eine Moderne einleiten wird, deren Fundament nicht mehr der Homerische Epos, sondern neue Metaerzählungen werden, alle geöffnet in eine Zukunft, die nicht mehr Heimkehr, sondern Möglichkeit heißt, und deren Offenheit bedeutet, sich In-Möglichkeiten-stehend einrichten zu können. So heißt sie zumindest in Georg Lukácsʼ Transformationstheorie des Epos in den Roman, dessen einziges Dach unter einem Himmel transzendentaler Obdachlosigkeit das bürgerliche Ideal sich selbst genügender Existenz ist.

Tobias Januar 2014


3. Matthias

Odysseus ist ein Held besonderer Art. Er ist letztlich ein Getriebener, kein überragender Krieger und Anführer. Er ist eher listig denn weise, eher verschlagen denn gnädig. Seine nicht menschlichen Gegner kann er, z.B. anders als Beowulf, letztlich nicht physisch besiegen. Er entgeht ihnen bezeichnenderweise stets nur. Dies gilt insbesondere für die Konfrontationen mit Polyphem, den Sirenen sowie mit Scylla und Charybdis. Ebenso wie das unberechenbare Meer und die Stürme stehen diese Erscheinungen wohl zugleich für die Götterwelt der Griechen und für die Naturgewalten. Bis zum Ende seiner jahrelangen Reise ist Odysseus diesen ausgesetzt - aber er übersteht im Gegensatz zu seinen Kameraden alle Ereignisse durch seinen Überlebenswillen und seine Intelligenz.

Und indem er auf die Götter hört. Weder ist er es, der den Windsack öffnet, noch tastet er die Rinder des Sonnengottes an. Auch sonst folgt er stets den Ratschlägen und den sehr präzisen Handlungsanweisungen von Athene oder anderen göttlichen Wesen, so insbesondere bei derPassage der Sirenen oder dem Besuch der Unterwelt. Hierdurch entzaubern die Götter quasi sich selbst. Treibende Kraft ist dabei Athene, die Göttin der Weisheit. Odysseus ist wohl nicht ohne Grund ihr Günstling.

Obwohl Odysseus seine Grenzen durchaus bewusst sind, fordert er die Götterwelt jedochwiederholt durch seine Intelligenz gepaart mit Hybris heraus. Zentrales Motiv ist dafür aus meiner Sicht die Konfrontation in der Höhle des Polyphem. Hier agiert Odysseus klug undvoraussehend sowie völlig eigenständig. Ohne vorherige göttliche Ratschläge gelingt ihm die Blendung des Riesen und die glückliche Flucht. Anstatt jedoch bei der bereits erfolgreichen"Niemand"-List zu bleiben, offenbart Odysseus - wohl aus menschlich zwanghafter Hybris -am Ende gegenüber dem Polyphem prahlerisch doch noch seinen "wahren Namen". Mit schlimmen Folgen für sich und seine Kameraden durch den so heraufbeschworenen Zorn des Gottes Poseidon.

Auch seine Kameraden erkennen dies. Odysseus ist deshalb auch kein unumstrittener Anführer. Durch seine wesenseigene Neugier und ungünstige Umstände sowie den daraus resultierenden Ungehorsam seiner Gefolgsleute verliert er am Ende alle Schiffe nebst Mannschaft. In dieser Lage akzeptiert er sein Schicksal und seine menschlichen Grenzen. Als unfreiwilliger "Gast" bzw. "Gefährte" einer Nymphe kann Odysseus erst aufgrund desRatschlusses der Götter wieder in die Heimat aufbrechen. Eine eigenständige Flucht hat er nicht - mehr - gewagt.

Bei seiner Rückkehr in die Welt der Menschen offenbaren sich jedoch erneut seine durch die erduldeten Prüfungen noch gewachsenen Stärken. Anstatt blindlings das Opfer eines absehbaren Anschlags der Freier zu werden, stellt er seine Freude über die Heimkehr zu seiner Familie zurück. Stattdessen plant er fast schon kaltblütig die Beseitigung der Freier.Auch wahrt Odysseus diesmal unter Zurückstellung seines Hochmuts - anders als noch bei Polyphem - seine Tarnung. Dabei zeigt sich kein kämpferisch überlegener Held, sondern eingewissenhafter "Planer", der alle Demütigungen schluckt und sich mit dem Ziel vor Augenvöllig unter Kontrolle hat. Am Ende stehen die Freier ihm dann unbewaffnet in seiner Halle gegenüber.

Wie schon bei den Nibelungen ist die herrschaftliche Halle der Schauplatz für einen wahrlich"blutgetränkten Endkampf". Die Eindringlinge werden vom Helden ausgelöscht. Hier werdenzudem Erinnerungen an die Hallenkämpfe des Beowulf wach, obwohl die dortige Vorgehens-Weise deutlich simpler ist. Im Erfolg zeigt sich Odysseus - z.B. bei der Strangulation der untreuen Mägde - planvoll gnadenlos. Erst nachdem seine Herrschaft durch dieses grausame Exempel vollständig wieder hergestellt ist, kann ein offenes Wiedersehen mit seiner treuenund ebenfalls listigen Ehefrau Penelope erfolgen.

Diesen Endpart der Geschichte überlassen die Götter fast ausschließlich dem planenden Willen des Odysseus. Athene beschränkt sich nur darauf, ihm den Rücken zu stärken und ein paar Speere abzulenken. So bleibt von der Person Odysseus, trotz all seiner offenkundigen Schwächen, der Eindruck eines zielorientiert alle Schmach und Mühsal duldenden, stets wissbegierigen und listenreichen Mannes, der am Ende durch die Herausforderungen gewachsen zumindest "erfolgreich" von der Reise heimkehren darf.

Hier kann man wohl Parallelen zu dem ebenfalls an seinen gewonnenen Erfahrungen gewachsenen Gilgamesch erkennen. Auch dieser gewann auf seiner Suche keine materiellen Schätze, sondern nur ideelle Werte. Ob Odysseus nun wie dieser nach der Rückkehr ein besserer Herrscher wird, bleibt letztlich offen. Sein Wüten gegen untreue Diener spricht eher für einen Rückfall in ungute Herrschergewohnheiten. Jedoch gelingt es zumindest, einendrohenden Bürgerkrieg nach dem Massaker an den Freiern abzuwenden.

Das persönliche Ende des Odysseus bleibt - ebenso wie bei Gilgamesch - in der Odyssee offen.


4. Tiemo


erstmal nichts zu ergänzen - aber Es bleibt, dass ich Adorno nicht ganz folgen kann - Es bleibt auch die Perspektive des Wiederkehrers, der dank und in Abhängigkeit der Götter wieder beginnt, seine Nachbarn zu berauben.